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20.03.2026
17:17 Uhr
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Heute ist mal wieder Weltglückstag. Die Deutschen stehen im globalen Glücksranking auf Platz 17. Ist doch super.

Mit dem Glück verhielt es sich gerade noch so: Auf Platz eins hat sich die Fliege gesetzt. Auf Platz zwei: der Maikäfer, beide mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen. Und auf dem Treppchen für den dritten Platz stand der gute alte Bär, der braune Traditionsbrummer, und er sagte: "Eigentlich sollte ich mich freuen … Drittbester im Brummen – aber trotzdem …". Hängende Schultern, als komme es nur auf die Siegerehrung und nicht auf das Glück des trefflichen Brummens an. Die Sache mit dem Sich-Freuen in ihrer Relativität ist selten so erkennbar relativ aufs Podest gebracht worden wie in diesem Wettbewerb um das weltbeste Brummen. Als die Cartoon-Sammlung Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein des Frankfurter Künstlers F.K. Waechter die Karikatur mit dem drittplatzierten unfrohen Bären im Jahr 1978 erstmals zeigte, hatte das globale Ranking-Wesen noch kaum begonnen: Jene Wettbewerbs-Maschinerie, die im permanenten Vergleichen den Motor von Innovationsschüben sah. Und fortgesetzt alles und jeden in die Optimierung jagte. Bisschen mehr anstrengen, bitte! Heute, am 20. März, tritt das Ranking zum Weltglückstag wie in jedem Jahr als UN-Weltglücksreport in die Öffentlichkeit. Vergeben werden die Plätze 1 bis circa 140, von Jahr zu Jahr leicht variierend, verantwortlich ist ein interdisziplinäres Forscherteam um das Wellbeing Research Centre, Oxford. Der Report berichtet jetzt, dass Deutschland sich im Glücklichsein seit dem vergangenen Jahr verbessert hat, es ist ins untere Mittelfeld vorgerückt, auf Platz 17 immerhin, während Frankreich, Italien, Spanien, abgeschlagen, unter den ersten 25 gar nicht erst auftauchen. Ist gar nicht so herrlich, das Dolce Vita am Mittelmeer. Im Jahr 2024 war es für Deutschland Platz 24, im Jahr 2025 Platz 22 und nun also 17. Jetzt also Glück, Platz 17: Eigentlich sollte ich mich freuen. Aber trotzdem Es geht voran, zweifellos. Und doch ist das eine Nachricht, die gemischte Gefühle auslösen kann, wie damals die PISA-Studie, die Deutschland in Schulbildungsfragen auf hinteren Ranking-Plätzen verortete, halbwegs erfolgreich immerhin bei den Grundrechenarten und Schreibkenntnissen. Jetzt also Glück, Platz 17: Eigentlich sollte ich mich freuen. Aber trotzdem. Eigentlich: Dies ist das Wort, auf das es da ankommt. Warum bloß sollte der Bär sich eigentlich freuen? Die Glückforschung ist ein Feld: so groß, so dynamisch, so widerspruchsreich wie es einst das Versprechen des pursuit of happiness war, aber ein paar Kristallisationspunkte lassen sich doch auffinden: Daniel Kahneman, der Psychologe, der für seine Erforschung der menschlichen Natur den Nobelpreis bekam, hat in der Relativität der Zufriedenheit, die durch das Vergleichen entsteht, einen tückischen Fallstrick des menschlichen Glücks beschrieben. Der sogenannte Tretmühleneffekt sorgt für Unbill: Man gewöhnt sich an etwas, das eben noch ganz außerordentlich war, warmes Meerwasser zum Beispiel. Fortan verschiebt sich qua Gewöhnung die Wahrnehmung von Temperatur, und kühl wirkt plötzlich, was sich eben noch warm angefühlt hat. Der Bär, unser Beispiel, wie oben gesehen, hatte sich erkennbar lange daran gewöhnt, der weltbeste Brummer zu sein, und er konnte deshalb Platz drei nicht wirklich beglückend finden. Alles kommt darauf an, wie unsere Erwartungen sich an neue Kontexte anpassen. An Leute etwa, die auf die Idee kommen, auch Fliegen und Maikäfer mitzuzählen, wenn es ums Brummen geht. Jener Daniel Kahneman hat unübertroffen klar ausgedrückt, was die "Zufriedenheitstretmühle" ist, in der wir alle stecken, und zwar, weil wir einen Mindestanspruch an das Glück hegen: "Der Mindestanspruch ist ein Wert auf einer Skala für Erfolge und Errungenschaften, der irgendwo zwischen realistischer Erwartung und realistischer Hoffnung liegt". Zumindest auf Platz 2 beispielsweise. Wie zufrieden man jetzt gerade ist, hängt sehr von vergangenen Errungenschaften ab. Von erfahrener Realität also. Was uns am Wissen über das Glück heute beunruhigen kann, ist aber folgende Trivialität: Man gewöhnt sich leicht an alles. Auch an Platz 2. Oder 3. Oder 17. Erst steigt die Unzufriedenheit respektive die Zufriedenheit an. Aber dann ist man bald wieder so froh oder unglücklich wie zuvor. Außer man hält an höheren Ansprüchen fest und schielt auf Dauer nach oben: Dann ist man immer weniger glücklich als Menschen mit niedrigem Anspruchsniveau, siehe das Grimmsche Märchen vom Fischer und seiner Frau. Es ist vor diesem Hintergrund nicht leicht, den 17. deutschen Platz im Weltglücksreport sinnvoll zu deuten. Variante eins: Man kann über diese Platzierung froh sein, weil sich seit dem vergangenen Jahr das Anspruchsniveau möglicherweise mit der Realität versöhnt hat und man in Deutschland stetig besser begreift, wie gut man es hat. Variante zwei: Man kann besorgt sein, weil 17 für die drittstärkste Volkswirtschaft der Welt wirklich kein Glücks-Spitzenplatz ist, denn jawohl, da ist der alte Bär Deutschland mal global echt Drittbester. Da läge etwas mehr Glück doch nah, eigentlich . Variante drei: Man kann sich zwischen Freude und Sorge demnächst einpendeln und sagen: Geht doch, das wird schon werden. Oder Variante vier, man schreckt plötzlich zusammen, wenn man jetzt in den Schaufenstern die neue Frühjahrsmode sieht, die auffällig viele Schlafanzug-gestreifte Damenanzugs-Modelle ausstellt, hellblau, rosa, und ertappt sich bei der Angst, dass diese reiche Gesellschaft niemals aus den Puschen der gewohnten Ansprüche kommen wird. Dass sie also bloß aus der ganztägigen Jogginghose in die Nadelstreifen-Variante des Schlafanzugs übersiedelt. Und sich einfach an Platz 17 gewöhnt, weil mehr halt nicht drin ist. Chillen. Anstrengung lohnt nicht.