Zeit 06.06.2026
05:43 Uhr

WM-Tippspiele : Die Angst des WM-Reporters vor den Tippspielen


Unter Freunden oder im Büro: Die WM-Tipprunden sind wieder da. Unser Kolumnist, der einst den Europameister Griechenland vorhersah, kann nur noch verlieren.

WM-Tippspiele : Die Angst des WM-Reporters vor den Tippspielen
In unserer Kolumne » Grünfläche « schreiben abwechselnd Laura Jung, Oliver Fritsch, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 23/2026. Es ist sicher kein Zufall: Den größten Erfolg in einem Tippspiel hatte ich, als ich noch nicht Sportjournalist war. Ich arbeitete damals in einer Bank, und vor der EM 2004 durfte ein geschätzter Kollegenkreis den Europameister tippen. Wessen Team gewinnen sollte, der bekam den Jackpot. Weil der entsprechend aufgeteilt worden wäre, falls sich Tipps gedoppelt hätten, entschied ich mich für einen krassen Außenseiter. Am Ende holte Griechenland tatsächlich den Titel. Und ich erinnere mich noch gut, wie ich nach dem Siegtor von Angelos Charisteas eine Runde schreiend durch den Garten lief. In diesen Tagen rufen wieder Freundeskreise, Bürogemeinschaften und Hobbyteams WM-Tippspiele ins Leben. Und obwohl mir oft versichert wird, dass ich als Sportlehrersohn ein deutlich zu großes Faible für kompetitive Events jeder Art habe, hält sich meine Lust auf solche Tipprunden mittlerweile in Grenzen. Das liegt an meinem Job. Der Druck als Sportjournalist, in diesen Runden zu performen, ist schlicht zu groß. Ich bin zum Beispiel Mitglied in einer Bundesligatipprunde, in der meine Schwiegereltern ihre Nachbarschaft versammelt haben – und mich. Jede Halbserie eine neue Wertung. Fast alle wissen, dass ich mich professionell mit Fußball beschäftige. Deshalb werden selbstverständlich auch vorkommende vordere Platzierungen als genau das angesehen: als selbstverständlich. Lande ich mal weiter hinten, wird gekichert. »Immerhin bin ich vor dem Sportreporter gelandet«, heißt es dann. Dabei, seien wir ehrlich, haben Tippspiele deutlich mehr mit Glück als mit Expertise zu tun. »Bei einem typischen Bundesligaspiel liegt der zufällige Beitrag bei 86 Prozent«, sagte uns mal ein Statistikprofessor . Als Sportreporter ist man deshalb in Gefahr, schlechter zu tippen als der Gelegenheitszuschauer. Weil man die restlichen 14 Prozent zu wichtig nimmt. Ich kenne die Verletzten, die Formkurve, im Zweifel sogar den xG-Wert und manchmal sogar die Stimmung im Verein – und übersehe dabei, dass sich Fußball eben oft weigert, vernünftig zu sein. Ich denke den schönen Sport kaputt, während der Nachbar einfach 2:1 für Dortmund ankreuzt. Zumal ich auch die Prämisse nicht verstehe: Von einem Meteorologen erwartet man ja auch nicht, dass er nie im Regen steht. Auch ein Arzt wird mal krank. Und von einem Kinokritiker verlangt niemand, das Ende eines Films vorherzusagen. Klar, auf einen Sieg Curaçaos gegen Deutschland sollte man jetzt nicht tippen (obwohl, wer weiß?), aber ob Deutschland nun 3:0, 5:1 oder 4:2 gewinnt, ist eben oft den Launen dieses oft so seltsamen Spiels geschuldet. Wie oft musste ich mich ärgern, weil in der Nachspielzeit noch dieses oder jenes Tor fiel, das zwar den Ausgang des Spiels nicht mehr beeinflusste, mein Tippschicksal dafür umso mehr. Fußballergebnisse sind einfach untippbar. Genau diese Unvorhersehbarkeit macht den Sport ja aus. Wer hätte denn gedacht, dass Energie Cottbus auf-, der VfL Wolfsburg absteigt und Borussia Mönchengladbach 12. wird ( kleiner Scherz )? Würde ich tatsächlich über die Fähigkeit verfügen, Fußballergebnisse zuverlässig vorherzusagen, säße ich vermutlich nicht am Samstagabend im Pressezentrum von Leverkusen, sondern auf einer Jacht im Mittelmeer. Aber was soll’s? Natürlich mache ich auch in diesem Jahr wieder mit. Und natürlich möchte ich gewinnen. Deshalb werde ich die Ratschläge beherzigen, die sich meine Kollegin einst von einem Tippspiel-Experten holte (»2:1 ist immer gut«, »tippe nie Unentschieden«). Und ich werde mich an die wichtigste Lektion meiner Griechenland-Geschichte erinnern: Tippspiele belohnen nicht Wissen, sondern die richtige Mischung aus Mut, Zufall und Beklopptheit. Im Tippspiel gewinnt man nicht, indem man recht hat. Man gewinnt, indem man allein recht hat.