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14.03.2026
14:19 Uhr
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Als Kind musste sie mit ihrem Vater Überlebenstraining machen. Sie hat nicht verstanden, warum. Doris Gray ist eine Oma gegen Rechts. Und weiß heute sehr genau, warum.

Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 11/2026. Wir werden geboren, dann erleben wir das Leben. Finden heraus, dass unser Erscheinen auf der Welt nicht der Anfang von allem war. Bitten dringend um Geschichten. Hören zu und merken, dass es sich anfühlt, das Erzählte. So als hielte es uns an der Hand. Mehr noch: als würde es uns herumführen, nicht mehr loslassen, auf etwas beharren. Wenn wir wollen, verstehen wir, dass jedes Erzählen uns Gelegenheit gibt, zu wissen. Dass alles, was vor Zeiten geschah, am Heute beteiligt ist, hier Licht macht und Schatten ausbreitet; dass wir in alten Geschichten zwar nicht selbst zugange waren, sie doch mit jedem Handgriff, jeder Regung, jedem Wort und jedem Gedanken wie auch immer fortsetzen; dass die aus Vergangenheit gemachte Gegenwart ein Unterfangen ist und zugleich unsere Möglichkeit zu erfahren, wer wir sind. So läuft das gewöhnlich, aber bei Doris Gray, 1955 zur Welt gekommen, ging es völlig anders zu. Mit 70 Jahren kämpft sie gegen den Populismus, den Extremismus und den Machtanspruch der AfD. Sie ist eine der Omas gegen Rechts . Dorthin hat ihre Geschichte sie geführt: eine Geschichte, die sie selbst lange gar nicht kannte. Mit einer unheimlichen Heimlichkeit ist sie aufgewachsen. Mit der verschlossenen Antwort auf eine offene Frage. Die stand im Raum, hat sich gezeigt wie Milchzahnlücken, jedes Mal, wenn das Mädchen mit dem rötlich braunen Bubikopf seinen Mund auftat, vom Vater wissen wollte, warum es von seiner Seite her in der Familie keine Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins gab. Wenn er ihr Anliegen mit Stillsein übertönte, anstatt sie ins Bild zu setzen, die Tochter allein dastehen ließ. Wohlsein hat das verschwiegene Zuhause in Königstein im Taunus dem Kind kaum beschert, indes viel mehr als nur eine Wissenslücke: einen Hohlraum im eigenen Dasein, einen Zwiespalt zwischen ihm und dem Ort, an dem es ahnungslos aufwuchs, sowie den Dingen, die es zwar etwas angingen, sich ihm aber nicht zeigten. Schweigen brüllt. Stößt einen auf das Verborgene. Ein "unbestimmtes Unbehagen" habe in der Familie gesteckt, wird sich Doris Gray später erinnern. Sie erzählt ihre Geschichte bei mehreren Treffen, in denen immer mehr Details hinzukommen. Das Erinnern steht im Gegensatz zum Vergessen. Kann ungemein hilfreich sein. Kann einen aber auch heimsuchen, verstummen lassen. So ist es bei Doris Grays Vater gewesen. Im Skiurlaub scheuchte der Vater sie über den Alpenpass "Er war so distanziert", entsinnt sie sich, "zuweilen nicht nur verschlossen, sondern abweisend." Widmete er sich seinen beiden Töchtern doch einmal, so zuweilen auf irritierende Weise. "Er hat die verrücktesten Überlebenstrainings mit uns veranstaltet. Wir wussten nicht, was das sollte. Im Winter sind wir in die Alpen gefahren, mit dem Skilift in die Höhe, dann hat er gesagt: 'Schnallt ab, wir laufen zu Fuß noch weiter hoch und über den Pass!' Meine Schwester und ich, kleine Mädchen, haben uns in den Schnee geworfen und geklagt: 'Wir können nicht mehr!' Und er hat bestimmt: 'Ihr müsst jetzt da drüber!' – 'Papa', haben wir gefleht, 'wir sind im Urlaub!' – Und er: 'Nein, ihr müsst wissen, wie man mit den Skiern auf dem Rücken über die Berge kommt!' Er war niemals grob zu uns, alles andere als gewalttätig, aber was sich da abgespielt hat, war grob. Ich habe bei unserer Mutter Hilfe gesucht: 'Mama, warum sagst du denn nie mal: Das reicht!?' Aber sie wusste ja Bescheid über das, wovon wir nicht mal eine leise Ahnung hatten: dass er unsere Flucht probt." Natürlich kann man Fragen wie die nach Verwandten oder dem Sinn der garstigen Skitouren wieder und wieder stellen. Kann die darauffolgende Stille jedes Mal als eisig empfinden, trotzdem ertragen, kann sich warm anziehen, wappnen. Nur heimeliger wird es dann eben auch nicht mehr, war es nie für Doris Gray, die sich lange Zeit im Ungesagten befand, eines Tages, längst kein Kind mehr, sondern eine Braut, unvermutet und mit Karacho in die Lücke der eigenen Familiengeschichte geriet. Das war in New York, 1982, als sie mit 27 dort den Mann heiratete, den sie liebte. Schwarz war der Bräutigam, Amerikaner. Im Brief zur Hochzeit, der aus Deutschland kam, schrieb der Vater: "Ich wünsche dir, dass du niemals Kinder bekommst." "Da war ich schockiert. Wusste lange Zeit überhaupt nichts damit anzufangen. Erst viel später, mein Vater war alt und todkrank, saß ich in Deutschland, dort im Taunus, wo ich aufgewachsen war, an seinem Bett. Da hingen gerahmte Fotografien bei ihm an der Wand. Ich habe gefragt: 'Papa, wer sind denn diese Leute?' – 'Meine Eltern', sagte er. Ich zeigte auf den Mann im Bild. 'Sally', gab er knapp bekannt." Sally, eine Kurzform des hebräischen Vornamens Salomon. "Ich sagte: 'Das ist doch ein jüdischer Name.' Und mein Zeigefinder blieb auf das Bild gerichtet. 'Warum kenne ich meinen Großvater nicht?'" In der Erinnerung, mit dem Wissen, wie das Gespräch damals weiterging, erlebt sie ihn abermals, diesen geweiteten Augenblick, der dauert und dauert, trotzdem so gut wie leer bleibt, weil nur das Allernötigste geschieht, nämlich geatmet wird, derweil bei ihr der Verdacht aufkommt, dass der Vater sich auf eine unheimliche Weise nicht ausdrücken, mit Worten der Wirklichkeit nicht beikommen kann. Schlussendlich hält er sich so kurz wie nur möglich: "Ich stamme aus einer jüdischen Familie, deshalb gibt es keine Verwandten." Da saß sie nun endlich drin, in der Erzählung ihres eigenen Lebens. War mit Ende 40 im Bilde. Aber in was für einem?! Fraglich war auch, wozu die lang verhohlene, daher niederschmetternde Nachricht führen, ob eine Tochter, jäh überwältigt, nicht nur wieder aufstehen, sondern mit ihr auch etwas anfangen können würde. Durch weiteres Aufdecken hoffte sie, es herauszufinden. "Aber Papa, warum hast du uns das denn nicht gesagt?" Noch einmal ließ er sie verdammt tief blicken: "Ich habe mich auch vor euch gefürchtet. Hättet ihr zu mir gestanden, wenn ihr gewusst hättet, wer ich bin? Alle haben uns doch gehasst."