Zeit 17.03.2026
05:29 Uhr

Ehrenamt: Es ist Zeit, sich weniger um sich selbst zu drehen


Geht es einem schlecht, kümmert man sich um sich. Verständliche Reaktion. Was aber, wenn etwas anderes viel sinnvoller ist, um sich nachhaltig besser zu fühlen?

Ehrenamt: Es ist Zeit, sich weniger um sich selbst zu drehen
Das Wort klingt nicht verheißungsvoll, wirklich nicht. Ehrenamt. Uff. Wie oft haben allein Bundeskanzler und Bundespräsidenten es in Reden auf maximal langweilige Art gefeiert? Wichtig für unsere Gesellschaft, aber maximal unsexy – so lässt sich sein Ruf zusammenfassen. Dabei muss man es so deutlich sagen: Wenn all diejenigen, die gerade auf der Suche nach Sinn und Erfüllung sind (also wahrscheinlich wir alle, oder?), sich ein Ehrenamt suchen würden, wäre nicht nur unserem Land, sondern vor allem ihnen selbst sehr geholfen. Denn die psychologische Sinnforschung sagt: Sich um andere zu kümmern, ist der größte Indikator, Sinn im Leben zu empfinden. Dabei geht es nicht darum, was man konkret tut. Ob Johanniter oder Jugendklub, ob Hospiz oder Tafel – alles ist sinnvoll , was man selbst als sinnvoll erachtet. Das Sinnerleben ist subjektiv. Das Richtige zu finden, ist gar nicht leicht, die Auswahl ist groß. Die größte Herausforderung ist, ins Handeln zu kommen. Beginnt man etwas Neues, macht man sich verletzlich. Man bietet Menschen seine Hilfe an, die man zumeist nicht kennt. Man weiß nicht, ob man der Situation gewachsen ist. Man hat keine Ahnung, ob man sich mit den anderen versteht. Man ist sich auch nicht sicher, ob man das kann, was gefordert ist. Dann doch lieber sein lassen. Dieser Gedanke kommt schnell und ist nur verständlich. Gerade in einer Situation, in der man auf der Suche ist und unsicher, und in der es einem vielleicht psychisch auch gar nicht gut geht. Muss man sich dann wirklich noch dazu zwingen, sich rauszuwagen? Wäre es nicht besser, sich erst mal um sich selbst zu kümmern? Das ist der Reflex. Und natürlich kann man niemanden zwingen, etwas zu tun, das er oder sie nicht fühlt. Aber mit dem Sinn ist es so eine Sache: Man sieht ihn häufig erst so richtig im Rückblick, wenn man reflektiert. Und dann besonders häufig in genau den Situationen, in denen man etwas überwunden hat. In denen man am Anfang dachte: Verdammt, warum tue ich mir das an? In denen man vielleicht sogar fluchte: Warum ist das so hart? Geht man aber einmal in der Woche ins Hospiz oder ins Altenheim oder zur Tafel, realisiert man wahrscheinlich zwei Dinge: dass es einem gar nicht so schlecht geht. Und dass man mit relativ wenig relativ viel bewegen kann. Sich im Ehrenamt zu engagieren, ist gleichzeitig altruistisch und egoistisch. Man tut etwas für andere – und dadurch geht es einem selbst besser. Zumindest mit der Zeit. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis: Selten gehen die Dinge von Anfang an glatt und man ist gleich glücklich mit der neuen Aufgabe. In eine Umgebung zu kommen, die man nicht kennt, deren Sprache man lernen und deren Codes man verstehen muss, ist immer schwer. Man fädelt sich ein, man sucht eine Rolle, man ist abhängig davon, dass andere einen mitnehmen und einem erklären, was zu tun ist. Erst nach und nach baut man Beziehungen auf. Kann selbstständig Aufgaben übernehmen und anfangen zu sehen, was man besonders gut kann – und auch, was nicht. Es ist wie bei einem Jobwechsel, nur dass man beim Ehrenamt nicht selten in einen ganz neuen Lebensbereich eintaucht. Das alles kann sehr dabei helfen, den eigenen Blick für das zu schärfen, was einem wirklich guttut – gerade in einem Moment, in dem man schon viel um sich selbst gekreist ist, ohne weiterzukommen. Dieser Text ist eine Folge der Serie " Der Optimist ", die an das Gute im Menschen glaubt. Wenn Sie sich über Tipps und Denkanstöße für ein besseres Leben freuen, können Sie diese Kolumne auch als Newsletter abonnieren. Oder schreiben Sie uns unter deroptimist@zeit.de.