Zeit 09.10.2026
08:54 Uhr

Birgit Kleim: »So wird es immer schwieriger, sich emotional zu erholen«


Katastrophen, Kriege, Klimakrise: Die Psychologin Birgit Kleim erklärt, wie man in der Dauerkrise mental stabil bleibt. Zum Beispiel mit Tagebuchschreiben.

Birgit Kleim: »So wird es immer schwieriger, sich emotional zu erholen«
ZEIT Campus: Frau Kleim, wir sprechen um zehn Uhr morgens.Haben Sie heute schon Nachrichten gelesen? Birgit Kleim: Nein, ich bin seit sieben Uhr fr\u00fch in Meetings. ZEIT Campus: H\u00e4tten Sie es getan, w\u00e4ren Sie heute wahrscheinlich dar\u00fcber informiert worden, dass in vielen L\u00e4ndern weiterhin Diktatoren herrschenund Russland erneut \u00fcber Nacht die Ukraine bombardiert hat. Wie beeinflussen solche Nachrichten unsere mentale Gesundheit? Kleim: Schlechte Nachrichten f\u00fchlen sich oft \u00fcberfordernd an. Ein trauriges Schweizer Beispiel ist das Brandungl\u00fcck von Crans-Montana von Silvester 2025. Das hat viele Menschen emotional stark besch\u00e4ftigt. Ich lehre an der Uni Z\u00fcrich und habe das in vielen Gespr\u00e4chen mit Studierenden bemerkt. Hier war die Katastrophe fast ununterbrochen pr\u00e4sent, durch Social Media haben Studierende das sehr unmittelbar miterlebt. Wenn man in solchen F\u00e4llen permanent informiert ist, k\u00f6nnen einem die vielen schlechten Nachrichten schnell zu viel werden. ZEIT Campus: Was genau passiert in unserer Psyche, wenn wir furchtbare Nachrichten konsumieren? Kleim: Dauernder Konsum von schlechten Nachrichten kann zu einer permanenten Alarmbereitschaft f\u00fchren. Man f\u00fchlt sich hilflos in der Situation, erlebt sie als Kontrollverlust und wird emotional ersch\u00f6pft. Dazu kommt: Man f\u00fchlt nicht nur in dem Moment eine starke Verunsicherung, auch der Blick auf die Zukunft wird davon eingetr\u00fcbt. Das war in meiner Generation, die weitestgehend ohne Social Media aufgewachsen ist, seltener der Fall. ist Professorin f\u00fcr experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Sie forscht zu Traumata und Stressresilienz. ZEIT Campus: Ist die Gegenwart besonders schlimm, oder f\u00fchlt sie sich nur so an? Kleim: Das ist eine Frage der Perspektive. Wenn man sich noch mal das Brandungl\u00fcck von Crans-Montana anschaut: Durch Social Media war man viel n\u00e4her dran als an fr\u00fcheren Katastrophen, man war mehr oder weniger live dabei. Evolution\u00e4r sind wir darauf vorbereitet, mit Bedrohungsinformationen konfrontiert zu werden. Das System kann aber \u00fcberfordert sein, wenn es permanent in Alarmbereitschaft versetzt wird. ZEIT Campus: War das Ungl\u00fcck von Crans-Montana auch deshalb f\u00fcr viele Studierende so belastend, weil es junge Menschen wie sie traf? Kleim: Ich denke schon. Man versp\u00fcrt eine st\u00e4rkere emotionale N\u00e4he zu jenen Ereignissen, die einen selbst auch betreffen k\u00f6nnten. Die emotionale Belastung war so direkt, dass sie zum Beispiel auch dazu f\u00fchrte, dass manche Studierende danach selbst weniger zum Feiern in Clubs gingen. ZEIT Campus: Algorithmen funktionieren so, dass sie einem vor allem Reels und TikToks zeigen, die starke Reaktionen hervorrufen. Im Kontext von Katastrophen und Krisen ist das nicht unbedingt ein guter Mechanismus, oder? Kleim: So wird es jedenfalls immer schwieriger, sich emotional zu erholen. In den Feeds h\u00f6ren die schlechten Nachrichten nie auf. Das verst\u00e4rkt das Gef\u00fchl von Kontrollverlust. Umso wichtiger ist es also, einen gesunden Umgang mit digitalen Informationen zu finden. ZEIT Campus: Gleichzeitig gibt es die Vorstellung: Je mehr man sich heftigen Stresssituationen und Krisen aussetzt, desto besser lernt man, sie auch zu bew\u00e4ltigen. Stimmt das? Kleim: Im Prinzip ja. Aus der Forschung wissen wir: Personen, die schon einmal traumatische Erlebnisse oder starken Stress verarbeitet haben, kommen damit in Zukunft besser klar. Sie entwickeln h\u00e4ufig mehr Vertrauen in die eigenen Bew\u00e4ltigungsf\u00e4higkeiten. Bei globalen Krisen, Kriegen oder politischen Entwicklungen erleben viele Menschen eine hohe emotionale Belastung, haben aber kaum M\u00f6glichkeiten, selbst Einfluss zu nehmen. Dieses Gef\u00fchl von Ohnmacht kann die Verarbeitung erschweren. ZEIT Campus: Warum machen uns nicht nur Ungl\u00fccke im Nachbarkanton Angst, sondern auch Ereignisse, die weit entfernt stattfinden? Man k\u00f6nnte doch meinen, was Trump in den USA macht oder was in Gaza geschieht, betrifft uns erst mal gar nicht. Kleim: Das hat schlicht mit menschlichem Mitgef\u00fchl zu tun. Wir sehen betroffene zivile Personen und f\u00fchlen uns mit ihrem Leid verbunden. Es geht also nicht bloss um die direkte Betroffenheit, sondern auch um die wahrgenommene N\u00e4he und Identifikation mit Personen, mit denen wir eine emotionale Verbundenheit versp\u00fcren. ZEIT Campus: Auf Social Media bilden sich um manche Krisen und Kriege manchmal auch Gemeinschaften, in denen sich Menschen finden, die sich davon gleichermassen betroffen f\u00fchlen. Welchen Effekt hat diese geteilte Verbundenheit mit einer Krisenlage? Kleim: Grunds\u00e4tzlich ist es gut, wenn sich Menschen \u00fcber Social Media vernetzen, die sich von etwas betroffen f\u00fchlen. Nur kann dieser Schutzfaktor auch in eine Dynamik kippen, in der die Angst und das Gef\u00fchl der Hilflosigkeit durch das Umfeld verst\u00e4rkt werden. Beispielsweise weil man so noch \u00f6fter Updates erh\u00e4lt. ZEIT Campus: Haben Sie konkrete Tipps, wie man die \u00c4ngste angesichts schlechter Nachrichten bew\u00e4ltigen kann? Kleim: Grunds\u00e4tzlich hilft es, konkrete Zeiten f\u00fcr Social Media oder das Konsumieren von Nachrichten festzulegen. Wenn man sich ohnm\u00e4chtig f\u00fchlt, tut es gut, \u00c4ngste zu benennen oder mit anderen zu sprechen. Sozialer Austausch ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren f\u00fcr psychische Gesundheit: also Gespr\u00e4che mit Familie, Freunden, Kommilitoninnen. Es hilft auch, Tagebuch zu schreiben. Wenn man belastende Erlebnisse und tiefere Gef\u00fchle aufschreibt, kann man sie besser verarbeiten. Das ist gut erforscht. Daf\u00fcr muss niemand besonders gut schreiben k\u00f6nnen \u2013 Grammatik oder Stil spielen keine Rolle. Entscheidend ist, die eigenen Gedanken und Gef\u00fchle auszudr\u00fccken.