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12.03.2026
11:07 Uhr
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Soll Russland von der Biennale in Venedig ausgeschlossen werden? Der Chef der internationalen Ausstellung will lieber auf eine "Diplomatie der Schönheit" setzen.

In nostalgischen Momenten wird ja gern daran erinnert, wie radikal die Kunst einst war. Wie unermüdlich sie versuchte, die Gemüter aufzurütteln, giftig und böse. So gesehen könnte man den Russen geradezu dankbar sein: Sie pflegen die Tradition, sie rütteln am Selbstverständnis der Kunstwelt. Vor ein paar Tagen erst erklärten sie, auf der großen Biennale in Venedig, die im Mai beginnt, wieder mitspielen zu wollen. Vier Jahre waren sie ferngeblieben, jetzt sind sie zurück. Und der Unmut könnte größer kaum sein. Denn soll man das einfach so hinnehmen, dass ein Aggressor wie Russland, verantwortlich für den Tod Hunderttausender Menschen, nun so tun darf, als sei der Krieg beendet und man könne sich wieder schöngeistigen Fragen zuwenden? Vor allem ukrainische Kulturleute sind hellauf empört. Ebenso hat die italienische Regierung ausrichten lassen, dass sie die russische Rückkehr nach Venedig unglücklich findet. Anders hingegen sieht es der Chef der Biennale, Pietrangelo Buttafuoco, der dafür plädiert, niemanden vorschnell auszugrenzen. Er setzt auf eine "Diplomatie der Schönheit". Eine arg cremige Formulierung, und doch hat Buttafuoco recht, wenn er die Biennale verteidigt: als Ort der produktiven Erregung. Denn wenn es in den Foren der Kunst nicht gelingt, über alle Gegensätze hinweg ins Gespräch zu kommen, wo bitte sonst? Und wo sollte die Grenze des erforderlichen Wohlverhaltens verlaufen? Müssten am Ende nicht ebenso Saudi-Arabien, China, vielleicht sogar die USA wegen schwerer Menschenrechtsverstöße von der Biennale verbannt werden? Immer wieder wurde in den vergangenen Jahrzehnten kritisiert, wie aberwitzig antiquiert die Biennale sei. Hier werde die Kunst zurückgedrängt in die nationalistischen Muster des 19. Jahrhunderts. Jeder Staat hat auf dem Ausstellungsgelände seinen eigenen Pavillon, alle tun so, als gäbe es eine genuin belgische, japanische oder südafrikanische Kunst. Und freuen sich, wenn ihr Land einen Goldenen Löwen erringt. Während man zugleich von Inklusion schwärmt, von Weltverschwisterung. Wer nun fordert, Russland solle ausgeschlossen werden, auch Israel seinen Pavillon dichtmachen, verstärkt damit den Nationalismus, den man doch verachtet. Plötzlich werden Künstler in Sippenhaft genommen, plötzlich zählt nicht ihr Werk, es zählt ihr Pass. Und die ach so freiheitliche Kunstwelt zeigt, wie unfrei es dort mitunter zugeht. Mag schon sein, dass autoritäre Regime in Venedig auf propagandistische Effekte hoffen. Darauf, dass sie hier kulturoffen und liberal erscheinen. Doch zeigt die Geschichte, dass es Künstlern selbst in Monarchien und Diktaturen immer wieder gelungen ist, die Absichten ihrer Auftraggeber zu unterlaufen. Und den ästhetischen Eigenwillen so zu stärken, dass vor allem ihr Werk macht- und eindrucksvoll wirkte und die Macht der Mächtigen in den Hintergrund trat. Ob das im russischen Pavillon gelingt, wird man bald schon besichtigen können. Unter dem Motto "Der Baum ist im Himmel verwurzelt" (ein Ausspruch der Philosophin Simone Weil) sollen sich dort 50 Musiker, Dichter, Philosophen zu einer Art Großperformance versammeln, darunter auch der aus Mali stammende DJ Diaki, der ankündigt, "Straßenmusik, Underground-Clubkultur und zeitgenössische Kunst" zu kombinieren und westafrikanische Rhythmen mit russischen Elementen zu verschmelzen – "für einen echten kulturellen Dialog".