Welt 05.09.2026
07:22 Uhr

Warum dieser Hund mit zur Arbeit darf – und andere nicht


Eine externe Trainerin entscheidet, wer als Bürohund geeignet ist und wer nicht. Beim Heimtierbedarfshändler Trixie in Tarp bei Flensburg gibt es Türschilder, Patenmodelle und ein klares Prinzip: „Kollege vor Hund“. Warum das System seit Jahren funktioniert.

Warum dieser Hund mit zur Arbeit darf – und andere nicht
Steve Witkoff (r) und Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Trump, bei einem Gespräch mit dem russischen Präsidenten Putin im vergangenen Jahr in Moskau.
Alexander Kazakov/Sputnik, Kreml Pool via AP/dpa

Die Bürotür geht auf, doch Luna bleibt stehen. Die zweijährige Labradorhündin hat die Schritte auf dem Flur längst gehört. Sie steht an der Glastür des Büros, in dem ihre Besitzerin Gabriele Knigge, Leiterin des Onlinemarketings beim Heimtierbedarfshändler Trixie, sonst arbeitet. Wer junge Labradore kennt, weiß, dass Gelassenheit nicht zu den Eigenschaften gehört, mit denen diese Hunde auf die Welt kommen. Luna ist neugierig. Sie interessiert sich für Menschen. Und trotzdem bleibt sie stehen, als die Tür aufgeht. Erst als Knigge sie an die Leine nimmt, verlässt sie den Raum. „Sie hat gelernt, dass sie das Büro nicht einfach verlassen darf.“ Später wird Kollegin Corinna Ruddat sagen, dass genau solche Situationen mehr über die Eignung eines Bürohundes aussagen als viele Übungen auf dem Hundeplatz. Kann ein Hund warten? Kann er zur Ruhe kommen? Hält er es aus, dass Menschen kommen und gehen? Akzeptiert er, dass nicht jede geöffnete Tür eine Einladung ist? Die meisten Menschen haben sofort Bilder im Kopf, wenn sie von Hunden im Büro hören: bellende Tiere während Telefonkonferenzen, Besucher, die ungefragt und überschwänglich begrüßt werden, Hundehaare auf dunklen Hosenbeinen. An Besitzer, die ihre Tiere lieben, während alle anderen Rücksicht nehmen sollen. Diese Vorstellung hatte lange auch die Führung von Trixie. In der Heimtierbranche sind Hunde in Betrieben nichts Ungewöhnliches – wer für Tierliebhaber arbeitet, ist oft selbst einer. Doch die Geschäftsführer von Trixie hatten erlebt, wie Hunde in anderen Unternehmen für Ärger sorgten und wie aus einer gut gemeinten Idee plötzlich Konfliktstoff wurde. Burn-Out-Rückkehrerin brauchte ihren Hund Und so endeten die Anfragen dazu, ob man seinen Hund mit ins Büro nehmen dürfe, in dem Betrieb in Tarp bei Flensburg mit einem „Nein, das machen wir nicht“. Eines der Argumente dagegen: Im Lager oder in der Kantine würde man Hunde nie erlauben, und die Mitarbeiter dort dürften nicht schlechtergestellt werden als die Büroangestellten. Diese Haltung änderte sich vor zehn Jahren. Eine Mitarbeiterin kehrte nach einer langen Auszeit und einer Burn-out-Diagnose in das Unternehmen zurück. Im Wiedereingliederungsgespräch wurde sie gefragt, was ihr helfen würde. Ihre Antwort: ihr Hund am Arbeitsplatz. Die Geschäftsführung richtete daraufhin eine Arbeitsgruppe ein, die Wege zur Mitnahme von Hunden finden sollte. Corinna Ruddat, studierte Tierärztin, heute in der Exportabteilung bei Trixie tätig, wurde Bürohundebeauftragte – und ist es bis heute. „Von Anfang an war klar, dass das nur mit Regeln gehen würde“, erzählt sie. Und so entwickelte die Arbeitsgruppe eine Art Onboarding für Bürohunde. An der Glastür zu Gabriele Knigges Büro weist ein Schild mit einem Foto von Luna darauf hin, dass sie im Raum ist. Solche Schilder hängen an vielen Türen des Unternehmens. Sie erklären, welcher Hund gerade im Büro ist, ob Besucher ihn – und wenn ja, wie – begrüßen dürfen, etwa durch Anlocken, und ob Streicheln oder Leckerlis erlaubt sind. 90 Hunde haben das Onboarding durchlaufen Ruddat ist inzwischen in ihr eigenes Büro gegangen. Neben ihrem Schreibtisch ruht Fine, ein Nederlandse Kooikerhondje, 15 Jahre alt. Kein anderer Bürohund bei Trixie ist so lange dabei wie sie. Heute gibt es 54 zugelassene Hunde in den Büros des Unternehmens, über 90 Tiere haben das Onboardingprogramm seit dessen Einführung durchlaufen. Fine hat diese Entwicklung aus nächster Nähe verfolgt – meist ohne sich sonderlich dafür zu interessieren. Dass Hunde in ihren Körbchen und auf Kissen dösen, gehört zu den Beobachtungen, die bei einem Rundgang durchs Gebäude zunächst fast enttäuschend wirken. Die meisten Hunde heben nur kurz den Kopf, wenn jemand den Raum betritt. Für Ruddat ist genau das ein gutes Zeichen. Ein Hund, der acht Stunden lang beschäftigt werden will, passt nicht in ein Büro. Ein Hund, der jede Bewegung kommentiert, jeden Besucher begrüßen oder ständig hinter seinem Menschen herlaufen möchte, wird gestresst – und seine Umgebung gleich mit. Bevor ein Hund dauerhaft mitkommen darf, wird er von der externen Trainerin Maike Kiesby-Carstensen geprüft. Die Eignungsprüfung dauert zwischen einer halben und einer Stunde. Kiesby-Carstensen kommt ins Büro und schaut auf Situationen, die später den Alltag bestimmen werden: Wie reagiert das Tier auf fremde Menschen? Was passiert, wenn das Telefon klingelt oder Frauchen lange mit Kunden spricht? Kann es aushalten, nicht im Mittelpunkt zu stehen? Den Test macht eine externe Hundetrainerin Ruddat hält viel davon, diese Aufgabe nach außen zu vergeben. Die Trainerin sitzt nicht mit den Haltern in der Mittagspause, arbeitet nicht mit ihnen zusammen und muss niemandem einen Gefallen tun. Wenn sie im Test zu dem Ergebnis kommt, dass ein Hund nicht für den Büroalltag geeignet ist, fällt diese Entscheidung unabhängig von Sympathien, Hierarchien oder persönlichen Beziehungen. Für Ruddat ist genau das einer der Gründe, warum das Verfahren über die Jahre so gut funktioniert hat. „Man kann den Test beliebig oft wiederholen“, sagt Ruddat. „Aber manchmal ist schon nach dem ersten Mal klar, dass sich der Hund nicht als Bürohund eignet – und die Besitzer sehen das ein.“ Welpe Inya ist von ihrem Test noch weit entfernt. Der kleine Kaninchen-Dackel wurde im April 2026 geboren und gehört zu den jüngsten Hunden im Unternehmen. Für Hunde unter 18 Monaten gelten bei Trixie eigene Regeln: Sie dürfen höchstens fünf Stunden am Tag und maximal 20 Stunden pro Woche mitkommen. Ein Büro ist für einen jungen Hund nicht einfach ein Raum mit Teppich, Schreibtischen und freundlichen Menschen, sondern eine Ansammlung von Stimmen, Schritten, Telefonen, Gerüchen und anderen Hunden, von denen jeder einzelne Reiz erst einmal eingeordnet werden muss. Inyas Besitzerin wird demnächst in ein anderes Team wechseln. Dort standen die Kollegen Hunden im Büro bislang eher zurückhaltend gegenüber. Deshalb gab es in dem Team keine Bürohunde. Inya änderte das. Der niedliche Welpe darf mit ins Team kommen. Doch es hätte auch anders ausgehen können. „Wir sagen immer: Man braucht einen Plan B“, sagt Marketingleiterin Claudia Menzel, die wie Ruddat zur Arbeitsgruppe rund um die Bürohunde gehörte. Gemeint ist: Wer sich einen Hund anschafft, solle diese Entscheidung nie davon abhängig machen, dass das Tier später selbstverständlich mit ins Büro kommen kann. Vielleicht besteht der Hund die Prüfung nicht. Vielleicht ändern sich die Arbeitsbedingungen. Vielleicht kommt nach einigen Monaten heraus, dass der Alltag zwischen Telefonaten, Kundenkontakten, Türen, Fluren und Besprechungsräumen für dieses Tier zu viel ist. Der Bürohundstatus ist zudem keine Zusage auf Dauer. Es gibt Hunde, die nicht fürs Büro geeignet sind Und es gibt Hunde, bei denen es nicht funktionierte. Eine davon war eine Deutsche Dogge. Ihr Problem waren weder schlechtes Benehmen noch Aggressivität. Die Dogge sabberte. Irgendwann reichte ein Schütteln des Kopfes, und Spritzer landeten auf Möbeln, Wänden und allem, was in der Nähe stand. Die Besitzerin gab ihr Bestes, wischte hinterher, beseitigte Spuren, versuchte, den Büroalltag für die Kollegen erträglich zu halten. Doch ein Arbeitstag lässt sich nicht damit verbringen, Hundesabber von Oberflächen zu entfernen. Am Ende hatten die Reinigungskräfte genug. Die Dogge konnte kein Bürohund mehr sein. Im Bürohund-Knigge, den jeder Besitzer eines Bürohundes bekommt und mit seiner Unterschrift als verbindliche Grundlage akzeptiert, steht dafür ein Satz: „Kollege vor Hund.“ Aus diesen drei Wörtern ergibt sich bei Trixie ein großer Teil des Systems. Kollegen müssen zustimmen, bevor ein Hund regelmäßig ins Büro kommt, Allergien und Ängste innerhalb der Bürogemeinschaft zählen als Ausschlusskriterium. Jeder Hund benötigt einen festen Liegeplatz und einen Wassernapf, manche zusätzlich ein kleines Gitter als geschützten Bereich. Auf dem Betriebsgelände gilt Leinenpflicht. Lager, Küche und Kantine bleiben hundefrei, läufige oder kranke Hunde bleiben zu Hause. Und wenn ein Hund den Arbeitsalltag dauerhaft erschwert, kann die Genehmigung wieder entzogen werden. Wer sich nicht selbst kümmern kann, braucht einen Paten Aus den strengen Regeln sind bei Trixie auch Lösungen entstanden. Eine davon sind die Patenhunde. Hunde dürfen nicht ins Lager, daran wurde nie gerüttelt. Gleichzeitig wollten die Verantwortlichen verhindern, dass Mitarbeiter dort schlechtergestellt sind als Kollegen in den Büros. Wer im Lager arbeitet und seinen Hund mitbringen möchte, darf das – benötigt dafür aber einen Paten. Die Beteiligten stimmen sich vorher ab. Der Hund verbringt den Arbeitstag bei einem Kollegen aus dem Büro, bis ihn sein Besitzer in Pausen oder nach Feierabend wieder übernimmt. Einer dieser Hunde hieß Boomer. Boomer war so entspannt, dass er morgens schon im Büro seiner Paten liegen konnte, bevor diese überhaupt zur Arbeit erschienen. Während draußen immer mehr Autos auf den Parkplatz rollten und in den Büros allmählich die Lichter angingen, schlief Boomer weiter. Später kamen die Paten. Boomer nahm das zur Kenntnis und setzte seinen Schlaf fort. Ruddat muss lächeln, wenn sie von ihm erzählt. Viele Halter denken bei einem gut erzogenen Hund zuerst an Gehorsam, an abrufbare Kommandos, an Übungen, die sichtbar gelingen. Im Büro zählt häufig etwas anderes: Gelassenheit. Boomer hatte die. Wer die Büros verlässt und um das Gebäude herumgeht, stößt auf einen weiteren Baustein des Programms: Hinter den Gebäuden liegt ein eingezäunter Hundefreilauf. Während drinnen Telefone klingeln und Besprechungen beginnen, tragen Hunde hier Spielzeuge durchs Gras, verfolgen Geruchsspuren oder ziehen ihre Bahnen über die Wiese. Luna hat ihr pinkfarbenes Spielzeug im Maul und rennt in großen Schleifen über das Gelände. Wer sie wenige Minuten zuvor im Büro gesehen hat, versteht hier, wie viel Selbstbeherrschung hinter dem ruhigen Alltag eines Bürohundes steckt. Wenn bereits ein Hund auf dem Auslauf ist, fragt der nächste Halter erst nach, bevor er mit seinem Tier dazukommt. Nicht jeder Hund versteht sich mit jedem anderen. Und: Wer mit seinem Hund nach draußen geht, stempelt sich aus. Der Spaziergang gehört nicht zur Arbeitszeit. Das Unternehmen ermöglicht den Mitarbeitern, ihre Hunde mitzubringen, und hat dafür Trainerin, Prüfung, Türschilder, Regeln, Patenmodelle und einen eigenen Auslauf geschaffen. Die Verantwortung für das Tier bleibt trotzdem beim Halter. Unterschiedliche Unternehmen, unterschiedliche Regeln Am Ende wirkt vieles von dem, was das Unternehmen über Jahre entwickelt hat, wie eine praktische Blaupause dessen, was die Forschung erst kürzlich beschrieben hat. Eine britische Studie um die Psychologin Eloise Warrilow untersuchte 2024, was hundefreundliche Büros tatsächlich funktionieren lässt – und was sie scheitern lässt. Das Ergebnis deckt sich fast eins zu eins mit dem, was Ruddat und ihre Arbeitsgruppe bei Trixie erarbeitet haben: Ohne klare Zuständigkeiten, verbindliche Regeln und feste Ansprechpartner kippen gut gemeinte Konzepte schnell in Streit – über unbeaufsichtigte Hunde, Tiere in Kundenbereichen oder Kollegen, die sich übergangen fühlen. Eine zweite, ebenfalls 2024 in der Fachzeitschrift BMC Psychology veröffentlichte Studie kommt zu einem ähnlichen Schluss: Hunde am Arbeitsplatz verbessern zwar nachweislich Wohlbefinden und Engagement der Belegschaft, das geschieht aber nicht von selbst. Es braucht aktives Management – bei Trixie gibt es das. Wie unterschiedlich Unternehmen ohne ein solches System mit der Frage umgehen, zeigt ein Blick nach Hamburg. Beim Immobilienunternehmen Grossmann & Berger gibt es gar keine schriftliche Regelung. „Bei uns gibt es keine offizielle Regel bezüglich Bürohunden, aber in Einzelfällen und in Abstimmung mit dem Team sowie der Führungskraft sind individuelle Lösungen möglich“, sagt Sprecherin Katharina Koester. Bei der Hamburger Sparkasse hängt die Antwort vom Standort ab: In den rund 100 Nachbarschaftsfilialen sind Hunde von Mitarbeitenden und Kunden gern gesehen, manche Kolleginnen und Kollegen halten dort Leckerli und Trinknapf bereit. In der Zentrale, dem Deutschlandhaus, dagegen bleiben die Vierbeiner zu Hause. „Unser Raumkonzept ist nicht auf Haustiere ausgelegt. Hier arbeiten wir mit offenen Räumen und freier wechselnder Platzwahl – je nach Tätigkeit“, sagt Sprecherin Stefanie von Carlsburg. Meist kommt es zu Einzelfallentscheidungen Beide Beispiele zeigen, was der Normalfall in vielen Unternehmen ist: kein Regelwerk, sondern Bauchgefühl, Einzelfallentscheidung und die Architektur des Büros, die am Ende mitbestimmt, ob ein Hund passt. Der Bundesverband Bürohund, der Unternehmen mit einer Art Gütesiegel auszeichnet, listet allein für Hamburg 21 Firmen, die diesen Schritt vom Einzelfall zum System gegangen sind. In Schleswig-Holstein sind es gut 30 Firmen. Trixie gehört zu den wenigen, bei denen sich dieser Weg bis ins Detail nachzeichnen lässt. Draußen auf dem Freilauf hat Luna ihr Spielzeug im Gras verloren und sucht es mit tief gesenkter Nase. Drinnen, im Büro nebenan, liegt Fine neben Ruddats Schreibtisch und hebt kurz den Kopf, als die Tür aufgeht – um ihn dann wieder sinken zu lassen. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über die Hansestadt und Schleswig-Holstein.