Welt 30.09.2026
09:18 Uhr

Vom Meisterentwurf zum Betonstumpf – die ungewisse Zukunft des Hamburger Elbtowers


Fast drei Jahre nach dem Baustopp bleibt die Zukunft des Elbtowers offen. Hamburg bietet 595 Millionen Euro für Museumsflächen, übernimmt aber keine Risiken der Investoren. Das macht der SPD-Fraktionschef jetzt noch einmal deutlich.

Vom Meisterentwurf zum Betonstumpf – die ungewisse Zukunft des Hamburger Elbtowers

Eigentlich sollte er längst fertig sein. Stattdessen steht der Elbtower am östlichen Ende der HafenCity seit fast drei Jahren als rund 100 Meter hoher Rohbau. Am 26. Oktober 2023 wurde bekannt, dass das Bauunternehmen Adolf Lupp die Arbeiten wegen ausstehender Zahlungen des Bauherrn Signa eingestellt hatte. Einen Tag später wurde der Baustopp bundesweit öffentlich. Der vom Londoner Architekten David Chipperfield entworfene Turm sollte ursprünglich 245 Meter hoch werden und damit Deutschlands dritthöchstes Gebäude sein. Hamburgs früherer Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), der das Vorhaben politisch vorangetrieben hatte, sprach einst von einem „Meisterentwurf“. Geblieben ist bislang ein weithin sichtbarer Betonstumpf. So entstand das Fiasko: Die Signa-Gesellschaft Elbtower Immobilien GmbH & Co. KG meldete im Januar 2024 beim Amtsgericht Charlottenburg Insolvenz an. Seitdem ringen Investoren, Gläubiger, der vorläufige Insolvenzverwalter Torsten Martini und die Stadt Hamburg um eine Zukunft für das Gebäude. Das eigentliche Insolvenzverfahren ist nach Angaben der Berliner Zivilgerichte noch immer nicht eröffnet. Der frühere Signa-Chef René Benko sitzt seit Januar 2025 im Gefängnis. Das von ihm vorangetriebene Prestigeprojekt gehört zu den auffälligsten Hinterlassenschaften des zusammengebrochenen Immobilienkonzerns. Wann auf der Baustelle wieder gearbeitet wird, lässt sich weiterhin nicht abschätzen. Ein Konsortium und ein 595-Millionen-Euro-Angebot Fünf Gesellschaften haben sich zusammengeschlossen, um den Elbtower zu kaufen und fertigzustellen. Das vom Hamburger Immobilienunternehmer Dieter Becken angeführte Konsortium umfasst nach bisherigen Angaben den Versicherungskonzern Signal Iduna, das Bauunternehmen Adolf Lupp, den Rossmann-Gründer Dirk Roßmann sowie eine Gesellschaft des im August gestorbenen Hamburger Unternehmers und Mäzens Klaus-Michael Kühne, nun vertreten durch die Kühne-Stiftung. Das Bundeskartellamt hat der Gründung des Gemeinschaftsunternehmens zugestimmt. Doch weiterbauen kann die Gruppe erst, wenn sie den Rohbau erworben und sich mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter sowie den Gläubigern geeinigt hat. Vor allem die im Grundbuch abgesicherten Geldgeber können eine Transaktion faktisch blockieren. Nach Angaben von Signal Iduna laufen die Verhandlungen seit Anfang 2025. Bislang ist der Eigentümerwechsel nicht abgeschlossen. Pläne für ein Museum Eine Schlüsselrolle spielt inzwischen die Stadt Hamburg. Sie will nahezu die Hälfte des fertigen Gebäudes für ein Naturkundemuseum übernehmen und bietet dafür einen Festpreis von 595 Millionen Euro. Die Summe soll über Darlehen und Mittel aus dem Infrastruktursondervermögen finanziert werden. Öffentlich gemacht wurde das Angebot im Oktober 2025. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) äußerte sich zuletzt allerdings skeptisch. Seit Beginn der Verhandlungen sei viel Zeit vergangen, ohne dass ein Vertrag zustande gekommen sei, der alle Risiken für Hamburg ausschließe. Die Stadt werde nicht für ein gescheitertes privatwirtschaftliches Bauprojekt zahlen. Sie verstehe sich als Käuferin eines fertiggestellten Gebäudeteils: Der Bauträger müsse auf eigenes Risiko bauen, die Stadt prüfe anschließend die vereinbarte Leistung und zahle erst dann den festgelegten Preis. Auch SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf erhöht nun den Druck auf die privaten Partner. Ein höheres Angebot als die 595 Millionen Euro werde es nicht geben, sagte er. Nun seien die Investoren am Zug, das Angebot anzunehmen und damit die Grundlage für weitere Verhandlungen zu schaffen. Dabei gehe es aus Sicht der SPD nicht um die Rettung des Elbtowers, sondern um die mögliche Unterbringung des Naturkundemuseums. Noch fehlen Kaufvertrag, Parlamentsbeschluss und Baugenehmigung Selbst eine Einigung zwischen Stadt und Konsortium würde noch keinen sofortigen Baustart bedeuten. Zunächst müsste die Hamburgische Bürgerschaft dem Kauf der Museumsflächen zustimmen. SPD und Grüne verfügen zwar über eine komfortable Mehrheit, Kienscherf kündigte jedoch eine Prüfung im Interesse der Steuerzahler an, nicht im Interesse einzelner Investoren. Anschließend müsste sich das Konsortium mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter über den Erwerb des Rohbaus verständigen. Auch die Gläubiger müssten der Transaktion zustimmen. Erst wenn Eigentumsfragen, Finanzierung und Verträge geklärt sind, kann der Weiterbau vorbereitet werden. Während Tschentscher Zweifel erkennen lässt, erklärt Signal Iduna, die Gespräche würden konstruktiv geführt. Der Versicherer hält einen Abschluss der Verhandlungen bis zum Jahresende für möglich. Auch im politischen Hamburg ist zu hören, dass bis dahin das Projekt stehen müsse – oder eben nicht. Derzeit überwiegt noch der Optimismus in den Regierungskreisen, dass man eine gemeinsame Basis finden werde. Hinzu kommt das Baurecht. Der Elbtower soll nach den neuen Plänen nicht mehr 245, sondern nur noch 199 Meter hoch werden. Dafür liegt nach Angaben der Becken-Gruppe ein positiver Bauvorbescheid vor, also eine vorläufige Entscheidung der zuständigen Behörde. Für die veränderte Planung wird jedoch früher oder später eine neue Baugenehmigung benötigt. Wie weit die frühere Genehmigung noch trägt, ist nicht öffentlich bekannt. Becken hatte die Bauzeit früher auf etwa drei Jahre geschätzt, hinzu käme ein weiteres Jahr bis zum Bezug. Diese Einschätzung bezog sich allerdings noch auf den ursprünglich 245 Meter hohen Turm. Einen belastbaren Termin für Fertigstellung und Eröffnung gibt es deshalb nicht. Gravierende Schäden durch den jahrelangen Stillstand sind nach Einschätzung der Hamburgischen Ingenieurkammer-Bau zunächst nicht zu erwarten. Der Rohbau bestehe aus hochwertigem Stahlbeton. Werde das Gebäude in näherer Zukunft durch eine Fassade geschlossen, seien keine wesentlichen Beeinträchtigungen zu befürchten. Scheitern die Verhandlungen, bleibt die Zukunft des Rohbaus offen. In der Vergangenheit wurden unterschiedlichste Möglichkeiten diskutiert, bis hin zu einem Abriss. Damit steht Hamburg knapp drei Jahre nach dem Baustopp noch immer vor derselben Frage: ob aus dem unvollendeten Prestigeprojekt doch noch ein Wahrzeichen wird oder ob der Elbtower als sichtbares Mahnmal der Signa-Pleite stehen bleibt.