Welt 06.06.2026
07:32 Uhr

So gelangten die Altarsteine von Stonehenge in den Süden Englands


Jeder kennt die weltweit berühmten Steine von Stonehenge. Doch wie gelangten sie aus dem rauen Norden Schottlands in die Salisbury-Ebene im Süden der britischen Insel? Forscher kommen dem Rätsel näher.

So gelangten die Altarsteine von Stonehenge in den Süden Englands

Irgendwo im Nordosten Schottlands, vor rund fünf Jahrtausenden, begann die Reise eines Blocks aus altem rotem Sandstein. Sechs Tonnen schwer, grob und unbeweglich – und doch sollte er Hunderte Kilometer zurücklegen, durch Flussniederungen und über Küstenstreifen, vielleicht auf Holzflößen über das Meer, vielleicht auf Baumstämmen über morastige Ebenen. Am Ende seiner Reise: die Salisbury Plain. Dort, wo noch heute eines der berühmtesten Monumente der Jungsteinzeit steht – Stonehenge. Neue Forschung (verlinkt auf https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/jqs.70080) der Curtin University hat nun rekonstruiert, wie dieser Transport ausgesehen haben könnte – und was er über die Menschen verrät, die ihn vollbracht haben. Der zentrale Altarstein Stonehenges, so nimmt man heute an, stammte aus dem Nordosten Schottlands, rund 700 Kilometer von seinem jetzigen Standort entfernt. Eine Distanz, die selbst auf modernen Straßen beeindruckt. Für neolithische Gemeinschaften ohne Rad, ohne Zugtiere, ohne Karte war sie eine logistische Meisterleistung. Die Forscher kombinierten die Datierung von Mineralkörnern mit Eisschildmodellierungen, um den Ursprung des Steins zu bestimmen – und um eine alte Frage zu klären: Könnte ein Gletscher die schwere Arbeit erledigt haben? Das Ergebnis: Zumindest nicht vollständig. Studienautor Anthony Clarke, Research Fellow an der Curtin University in Perth, Australien, sagte: „Anstatt auf natürliche Weise durch Eis transportiert zu werden, deuten die Belege auf eine bewusste, sorgfältig geplante Bewegung durch eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Landschaft hin.“ Die Modelle zeigten zwar, dass Gletscher den Stein in der letzten Eiszeit ein Stück des Weges mitgenommen haben könnten – möglicherweise bis zur Doggerbank. Dieser heute versunkene Landstrich in der Nordsee war damals noch trockenes Land. Doch dann endet die Hilfe der Natur. „Unsere Modellierung zeigt, dass der Stein noch immer über Hunderte Kilometer von Menschen bewegt werden musste“, sagte Clarke. Und weiter: „Die Forschung zeigt, dass es keine tragfähigen glazialen Transportwege gab, die die Herkunftsregion direkt mit Stonehenge verbanden, was die Schlussfolgerung bekräftigt, dass menschlicher Transport erforderlich war.“ Was folgte, war eine Expedition, die sich über Jahre erstreckt haben könnte. Zu Lande, zu Wasser, durch Jahreszeiten und Landschaften, die sich von den schottischen Highlands bis zu den sanften Hügeln Südenglands grundlegend voneinander unterscheiden. Clarke sagte, der Stein sei wahrscheinlich in Etappen bewegt worden – wobei möglicherweise Landtransport mit Fluss- oder Küstentransport kombiniert wurde, „wo immer dies möglich war“. Was diese Erkenntnis so bedeutsam macht, ist nicht nur die Herausforderung des Transports – es ist das Bild der Gesellschaft, das dahinter aufscheint. Menschen, die sich über riesige Distanzen koordinierten. Die Routen kannten, planten, Ressourcen bündelten. Clarke sagte: „Den Transport eines Steins dieser Größe über eine so weite Strecke hätte Planung, Koordination und ein tiefes Verständnis der Landschaft erfordert – ganz zu schweigen von einer enormen Entschlossenheit.“ Noch sind längst nicht alle Fragen um Stonehenge beantwortet. Künftige Forschung soll den genauen Herkunftsort im Nordosten Schottlands eingrenzen und mögliche Transportrouten weiter rekonstruieren. Irgendwo dort, in einem Felsbruch oder an einem Flussufer, wartet vielleicht noch die Spur zum Ursprung eines Steins, der möglicherweise über Generationen zu einem gemeinsamen Ziel weitergetragen wurde.