Welt 16.03.2026
10:31 Uhr

Reiterstaffel und Hubschrauber – was im Sparzwang geopfert werden könnte


Die Polizei Hamburg muss angesichts der Finanzlage der Stadt sparen und will sich zugleich für die Zukunft neu aufstellen. Bei diesem schwierigen Spagat stehen nun selbst bisherige Tabus zur Diskussion.

Reiterstaffel und Hubschrauber – was im Sparzwang geopfert werden könnte

Sobald das Geld knapp wird, richten sich die Blicke automatisch auf mögliche Reserven – irgendwo muss doch noch etwas Bargeld schlummern. Bei der Hamburger Polizei nahm dieser Gedanke plötzlich eine erstaunlich konkrete Form an. Prüfer des Rechnungshofs stießen in der Asservatenkammer auf Bargeld in Höhe von 8,2 Millionen Euro. So geht es aus dem kürzlich veröffentlichten Bericht der Rechnungsprüfer hervor. Doch der kurze Moment, in dem sich Hoffnung angedeutet hatte, verging schnell. Das Geld ist Beweismaterial, fest an laufende Verfahren gebunden und für den Haushalt wertlos. Damit rückt das eigentliche Thema in den Vordergrund: Die Polizei muss sparen – konsequenter, härter und umfassender, als jemals in den vergangenen Jahren. Der Betrag, um den es geht, dürfte den Bestand in der Asservatenkammer deutlich übersteigen. Die Rede ist von einem zweistelligen Millionenbetrag noch in diesem Jahr. Hinzu kommt offenbar die Vorgabe, im kommenden Doppelhaushalt weitere Millionen einzusparen. Die Innenbehörde soll die Polizei aufgefordert haben, mit Blick auf die Haushaltsverhandlungen Sparpotenziale auszuweisen. Ein erster Entwurf soll als nicht ausreichend zurückgegangen sein. Parallel dazu läuft seit Monaten ein interner Strategieprozess unter dem Arbeitstitel „Polizei 2030“, mit dem die Behörde zukunftsfähig gemacht werden soll. Es geht um Digitalisierung, die Vereinheitlichung von Laufbahnen und eine strukturelle Neuaufstellung. Aus Polizeikreisen heißt es, das Strategieprojekt habe mit der aktuellen Sparlage nichts zu tun. Reiterstaffel und Hubschrauber auf dem Prüfstand Allerdings dürften sich in Zeiten knapper Kassen Sparzwang und Modernisierung zwangsläufig gegenseitig beeinflussen. Ohne Umbau und Streichungen wird Sparen kaum möglich sein. Zugleich dürfte die Haushaltslage den Wandel beschleunigen. Im Zuge von Polizei 2030 geraten Einheiten auf den Prüfstand, die lange fest zum Außenbild der Polizei gehörten: die Reiterstaffel, die Polizeihubschrauber, das Polizeiorchester. Allein ihr Wegfall könnte Millionen sparen – und Mittel freisetzen für neue Technologien und mehr Resilienz, etwa für die bereits mit Rheinmetall erprobte Drohnenabwehr. Wer handlungsfähig bleiben will, muss große Brocken bewegen. Nicht nur die Polizei muss sparen. Aber sie gehört zu den ersten Institutionen, die den Druck zu spüren bekommen. Das liegt nicht allein an sinkenden Steuereinnahmen und einer sich verschärfenden Haushaltslage, sondern ist auch teilweise hausgemacht. Die Polizei habe in den vergangenen Jahren stark von zusätzlichen Mitteln und Nachtragshaushalten gelebt, kritisieren die Gewerkschaften. Strukturelle Kosten seien nicht immer sauber hinterlegt worden. Zugleich stiegen Ausgaben für Softwarelizenzen, Büromieten und IT-Dienstleistungen rasant. Haushaltslage „äußerst herausfordernd“ Bislang allerdings herrschte die Gewissheit, dass mit Zustimmung von Senat und Bürgerschaft am Ende doch noch Millionen nachgeschossen würden. Damit scheint Schluss zu sein, seit Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) die Sparschraube deutlich angezogen hat. Dressel nennt die Haushaltslage „äußerst herausfordernd“. Als Gründe gelten steigende Kosten gesetzlicher Leistungen, geringere Steuereinnahmen und mangelnde Haushaltsdisziplin einzelner Behörden. Aus Kreisen des Senats heißt es gegenüber WELT AM SONNTAG: „Auch die Polizei muss lernen, mit Geld auszukommen.“ Derzeit verhandeln die Ressorts mit der Finanzbehörde. Entsprechend ist offen, welchen Etat Innensenator Andy Grote (SPD) durchsetzen kann. Nach den Haushaltsverhandlungen 2024 für den Doppelhaushalt 2025/26 hatte Grote noch einen Rekordetat verkündet. Damals stand die Bürgerschaftswahl bevor, der Wahlkampf wurde von der Inneren Sicherheit geprägt. 2025 setzte die Innenbehörde noch einen Nachtragshaushalt durch, um das kosten- und zeitintensive Leitstellenprojekt „Perle“ aufzufangen. In diesem Jahr könnte ein solcher Nachtrag für die Polizei ganz ausbleiben. Zu hören ist zwar, dass auch für 2026 Geld nachgefordert werden kann. Zugleich heißt es aber, es gebe in der Innenbehörde keinen Bereich, der nicht zuerst selbst nach Einsparmöglichkeiten suchen müsse. Wie ernst die Polizei die Lage nimmt, zeigte sich bereits im November. Alle Beförderungen bis Besoldungsgruppe A11 wurden ins zweite Quartal 2026 verschoben. Fast zeitgleich wurden Dienstzeitverlängerungen über das in Hamburg starre Ruhestandsalter von 60 Jahren hinaus weitgehend abgeschafft. Mehr als 80 Prozent des Polizeietats entfallen auf Personalkosten. Einsparungen sind aufgrund der Personalstruktur schwierig Dass der Großteil des Personals Beamtenstatus hat, macht Einsparungen schwierig. Spielräume ergeben sich vor allem bei den Angestellten. Tarifbeschäftigte waren zuletzt vermehrt eingestellt worden, um Vollzugskräfte bei fachfremden Aufgaben wie Verwaltung oder Objektschutz zu entlasten, als Präsenzkräfte auf Streife oder als Kriminalassistenten bei Ermittlungen. Genau dort, so die Sorge der Gewerkschaften, wird nun angesetzt. Fast 2100 Angestellte hat die Polizei. Wie WELT AM SONNTAG erfuhr, ist im Gespräch, bis Ende 2028 rund 400 Stellen abzubauen – auch, um damit 250 Beamte in Ausbildung zu finanzieren. Bereits ausgeschriebene Angestelltenstellen sollen schon zurückgezogen worden sein. Gleichzeitig könnte die Zahl der Neueinstellungen im Vollzug sinken. Eigentlich sollte die Polizei bis 2030 über altersbedingte Abgänge hinaus um 500 Polizisten wachsen. Nun könnte es nur noch die Hälfte werden. Zugleich wird nach weiteren Einnahme- und Einsparquellen gesucht. Mehr Einnahmen aus Verkehrsordnungswidrigkeiten sollen generiert werden. Überstunden sollen abgebummelt statt ausbezahlt werden. Der weitere Ausbau des Akademie-Campus könnte kleiner ausfallen. Mängel an angemieteten Dienstgebäuden sollen durch Mietminderungen kompensiert werden. Schon heute gehören weniger Druckerplätze und Desk-Sharing zum Alltag. Nicht mehr jeder Mitarbeiter hat einen eigenen Arbeitsplatz. Im Strategieprozess setzt die Polizei darauf, Einsparungen teilweise technologisch aufzufangen. Künstliche Intelligenz könnte Kürzungen in der Verwaltung abfedern, erfuhr WELT AM SONNTAG. In diesem Zusammenhang dürfte sich auch die Ära der Polizeihubschrauber ihrem Ende nähern. Während andere Länder auf den modernisierten Airbus H145 setzen, prüft Hamburg, die kleineren Eurocopter EC135 durch Drohnen zu ersetzen, die flexibler und günstiger einsetzbar wären. Aufklärungsflüge über der Unterelbe absolviert schon heute eine Deltadrohne. Auch die Pferdestaffel könnte durch ein neues Einsatzkonzept verzichtbar werden. Ziel ist, etwa Fußballeinsätze mit weniger Kräften zu bewältigen. Die Staffel war erst jüngst aus Platzgründen von Osdorf nach Pinneberg-Waldenau umgezogen. Ständig wachsende Aufgabenlast Die Gewerkschaften attackieren die Sparpläne scharf und verweisen auf die ständig wachsende Aufgabenlast für die Polizei. „Sparen, kürzen, streichen, kontingentieren – und zwar in allen Organisationsbereichen der Polizei Hamburg bestimmen die Diskussion in Dienstbesprechungen und Dienstunterrichten“, sagt DPolG-Landeschef Thomas Jungfer. „Bevor die Politik anfängt, Sparkommissare durch die Polizei zu schicken, sollte sie ihre Hausaufgaben machen und sich mit dem tatsächlichen Aufgabenprofil der Polizei befassen. Die Polizei ist 24/7 im Einsatz und immer ansprechbar – was will man meinen Kolleginnen und Kollegen noch alles aufbürden?“ Noch drastischer formuliert es BdK-Landeschef Jan Reinecke. „Sadistischer Pädokriminalität, Auftragsmorden, Vergewaltigungen, gewalttätigen Auseinandersetzungen und Schießereien im Rocker- und Rauschgiftmilieu, unkontrollierbaren und immer dreister handelnden Drogentaxisyndikaten, gigantischen Rauschgiftmengen im Hamburger Hafen, Spionage- und Sabotageangriffen, Millionenbetrügereien, Beziehungsgewalt und Femiziden, Geldwäsche und kaum zu managenden Gefahrensachverhalten steht eine Hamburger Kriminalpolizei gegenüber, die durch Personalmangel, stetigen Aufgabenzuwachs und immer mehr Bürokratie ihren Aufgaben nur noch bedingt gewachsen ist“, erklärt er. „Tausende unbearbeitete Fallakten“, so Reinecke, „sprechen eine eindeutige Sprache.“ „Jede gestrichene Stelle bedeutet weniger Polizei auf der Straße, weniger Kräfte auf dem Wasser und weniger Ermittler in den Dienststellen“, warnt GdP-Hamburg-Vize Lars Osburg. „Die Polizei funktioniert nicht dauerhaft auf Verschleiß. Wenn Hamburg eine sichere Stadt bleiben soll, braucht es eine klare politische Entscheidung für eine starke Polizei – und die muss sich im Haushalt widerspiegeln.“ Die Innenbehörde äußert sich mit Blick auf die laufenden Haushaltsverhandlungen nicht zu den konkreten Sparplänen. „Wir haben unseren Kurs zur Stärkung der inneren Sicherheit auch unter den schwierigen Haushaltsbedingungen seit der Pandemie in den vergangenen Jahren konsequent fortgesetzt“, erklärte Behördensprecher Daniel Schaefer. Der Etat der Innenbehörde sei kontinuierlich gewachsen. Mit der 2016 gestarteten Einstellungsoffensive seien die Weichen für eine nachhaltige personelle Stärkung des Polizeivollzugsdienstes gestellt worden. Aktuell werde massiv in Sicherheitsinfrastruktur investiert, etwa in den Bau der neuen Polizeieinsatzzentrale, sowie in die Ausbildung, unter anderem durch die Erneuerung der Polizei-Akademie. „Die Überlegungen und Prüfungen in den Ämtern der Behörde für Inneres und Sport hinsichtlich der in diesem Jahr anstehenden Aufstellung des Doppelhaushalts 2027/2028 sind noch nicht abgeschlossen“, erklärte Schaefer. Die Notwendigkeit, fachliche Prioritäten in der Maßnahmenplanung zu setzen, sei eine Daueraufgabe aller Behörden. „Dementsprechend findet auch innerhalb der Polizei Hamburg fortlaufend wie aktuell eine Priorisierung im Hinblick auf planbare zukünftige Bedarfe statt. Hier geht es um die Frage, in welcher Reihenfolge und mit welchem zeitlichen Spielraum einzelne Maßnahmen umgesetzt und weiter geplant werden. Das ist weder neu, noch ungewöhnlich, schließlich geht es immer darum, die vorhandenen finanziellen Ermächtigungen bestmöglich zu nutzen.“ Denis Fengler (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/denis-fengler/) berichtet als Redakteur für WELT und WELT AM SONNTAG (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) aus Hamburg über Themen der inneren Sicherheit. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) berichtet seit 2011 über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) . Einer ihrer Schwerpunkte ist der Hamburger öffentliche Haushalt.