Die Jürgen-Schumann-Kaserne wirkt wie ein idyllischer Ort. Wer das Gelände in Appen im Kreis Pinneberg betritt, sieht viel Grün, alte Bäume, gepflegte Wege, modernisierte Gebäude. Ein Ort, der nach Routine aussieht, nach Ausbildung im geregelten Takt. Und tatsächlich: Hier in der Unteroffiziersschule der Luftwaffe werden Unteroffiziere und Feldwebel ausgebildet. Im zweiten Teil der Schule, in Heide, absolvieren Rekruten ihre Grundausbildung. Doch dieser Ort steht inzwischen für mehr als militärische Normalität. Er steht für eine Verschiebung. Der Krieg ist zurück in Europa – und mit ihm verändert sich der Soldatenberuf. Was lange als Theorie galt, ist für die Bundeswehr Praxis geworden. In Appen zeigt sich das. Zwei Jahre lang wurden hier auch ukrainische Soldaten ausgebildet. In der EU-Mission EUMAM hat die Luftwaffe im Süden Schleswig-Holsteins Ausbilder geschult, „Basic Warrior Training“ vermittelt – auch an Menschen ohne militärische Vorerfahrung. Ziel: die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine stärken. Der Krieg ist nicht in Appen. Die Vorbereitung auf ihn jedoch schon. Diese neue Realität verändert, wie Soldaten ihren Beruf sehen. „Angesichts des Russland-Ukraine-Krieges hat sich das Berufsbild nochmal klar geschärft“, sagt der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg, der die Kaserne in dieser Woche besucht hat. Er hat Gespräche mit Soldaten und Mitarbeitern geführt, mit Kommandeuren, mit dem psychosozialen Netzwerk, mit dem Militärpfarrer. Was er in Appen gehört hat und was er an nahezu allen Bundeswehrstandorten erfährt, ist eindeutig. „Die Fragen der Soldatinnen und Soldaten sind existenzieller geworden, weil es in der Landes- und Bündnisverteidigung um den Schutz des eigenen Lebens, das Leben meines Nächsten und um die Sicherung unserer demokratischen Gesellschaft geht.“ Damit verschiebt sich auch der Rahmen, in dem über militärischen Dienst gesprochen wird. Felmberg betont den politischen Kern: „Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Sie dient dem Frieden.“ Auch der Einsatz im Krieg könne diesem Ziel dienen, weil ein gerechter Frieden ohne Freiheit und Demokratie nicht zu denken sei. Sätze wie diese waren lange abstrakt. Jetzt haben sie Gewicht. Denn die neue Lage bleibt nicht auf Übungen und Strategiepapiere beschränkt. Sie reicht in das Leben der Soldaten hinein. Versetzungen an die Nato-Ostflanke sind bereits Realität: Deutsche Soldaten sind in Rūdninkai und Rukla in Litauen stationiert. 5000 Männer und Frauen sollen es einmal sein. Familien stehen vor der Entscheidung, ob sie mitgehen oder in Deutschland bleiben. Es geht nicht mehr nur ums klassische Mitziehen zum nächsten Einsatzort, sondern um den Bündnisfall: Greift Russland ein Land der Nato an, müssen deutsche Soldaten im Verteidigungsfall an der Ostflanke kämpfen – lange, bevor Krieg deutschen Boden erreichen könnte. Kein Gespräch landet jemals in einer Dienstakte In dieser Situation verändert sich nicht der Auftrag der Militärseelsorge, wohl aber ihre Bedeutung. Felmberg beschreibt sie als festen Bestandteil des Systems. „Die Militärseelsorge ist Outstanding Insider. Heißt: Wir sind überall dabei, aber wir sind nicht in der Hierarchie. Das ist ein großer Vorteil.“ Denn das macht die Gespräche offen und schafft Vertrauen. Egal, was die Soldaten dem Pfarrer anvertrauen, es landet niemals in einer Dienstakte. Eine Befragung unter mehr als 7000 Soldaten zeigt entsprechend hohe Zustimmungswerte: Rund 96 Prozent der Soldaten im Auslandseinsatz schätzen die Militärseelsorge, 91 Prozent sind es im Grundbetrieb. Auch viele ohne Kirchenbindung nutzen das Angebot. „Der sicherste Platz, Sorgen zu äußern, ist der Pfarrer.“ Grundsatzfragen des Glaubens treten dabei meist in den Hintergrund. Sie entstehen eher in Ausnahmesituationen – nach einem Todesfall, einem Unfall, einem Suizid. Die wenigsten kommen zum Pfarrer sofort mit einer theologischen Fragestellung. Das ergibt sich durch Schicksalsschläge, wenn vielleicht im Kameradenkreis ein Suizid zu betrauern und zu beklagen ist. Es geht um Konflikte im Dienst, Spannungen im Team, private Belastungen. Um Dinge, die im militärischen Alltag keinen Raum haben. Felmberg beschreibt diesen Ort als eine Art Ventil: „Wir wissen, was hier passiert. Das wissen wir auch im Auslandseinsatz. Das gibt Vertrauen, weil der Soldat, der zum Pfarrer kommt, weiß: Der kennt unsere Lebenswirklichkeit.“ Unverändert bleibt dagegen das moralische Zentrum des Soldatenberufs. „Jeder, der Soldat wird, muss sich fragen: Kann ich im Notfall jemanden töten?“, sagt Felmberg. Und stellt die Gegenfrage: „Nehme ich in Kauf, dass meine Freiheit durch jemand anderen verteidigt wird?“ Eine einfache Antwort gibt es nicht – nur die Notwendigkeit, sich dieser Spannung zu stellen. Mit dem geplanten Aufwuchs der Bundeswehr verschärft sich diese Lage weiter. Mehr Soldaten bedeuten auch mehr Bedarf an Begleitung. Die evangelische Militärseelsorge müsste nach Felmbergs Angaben um 42 Pfarrerinnen und Pfarrer wachsen, um ihre Präsenz zu halten. „Das ist keine tiefe Theologie, das ist Mathematik.“ Keine Probleme, neue Militärpfarrer zu finden Probleme, Pfarrerinnen und Pfarrer für den anspruchsvollen Dienst zu bekommen, hat Felmberg nicht. Verändert hat sich aber deren Vorbereitung auf die Seelsorgearbeit. „Deswegen arbeiten wir ganz stark am Thema unserer eigenen Resilienz.“ Sollte es zu einem Bündnisfall kommen, wären die Dimensionen andere als in den bisherigen Einsätzen, sagt Felmberg. „Wenn es zu einer Situation der Landes- und Bündnisverteidigung kommt, müssen wir mit ganz anderen Verletzten- und Todeszahlen rechnen als in Afghanistan.“ In Afghanistan waren in 20 Jahren 60 gefallene deutsche Soldaten zu beklagen. „Wenn wir Zahlen hören, was an einem Tag an Verwundeten, Verletzten und Toten zwischen der Ukraine und Russland zustande kommt, dann kann man sich vorstellen, was es bedeuten würde, wenn der Verteidigungsfall eintritt.“ „Gott möge das alles verhüten“, sagt Felmberg, und doch bereitet er seine Militärpfarrer auf den Ernstfall vor, genauso wie die Ausbilder in Appen ihre angehenden Unteroffiziere und Feldwebel. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg- und Schleswig-Holstein-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Sie hat unter anderem katholische Theologie studiert. Einer ihrer Schwerpunkte sind die Kirchen in Norddeutschland.