Welt 06.10.2026
02:04 Uhr

„Gerechtigkeit für jede Jane Doe“ – Studenten an Elite-Uni protestieren gegen Patriarchat


An der US-Elite-Universität Cornell demonstrieren Studenten gegen den Umgang der Hochschule mit Vorwürfen sexueller Gewalt. Sie fordern die Entlassung des Uni-Präsidenten sowie den Niedergang des Patriarchats.

„Gerechtigkeit für jede Jane Doe“ – Studenten an Elite-Uni protestieren gegen Patriarchat

Studenten der Cornell University versammelten sich auf einem zentralen Platz des Campus, um gegen den Umgang der Universität mit Vorwürfen sexueller Gewalt in einem Verbindungshaus zu protestieren. Über Nacht wurden zudem das Hauptverwaltungsgebäude der Hochschule mit Graffiti besprüht und beschädigt. Bei der Demonstration, die den großen Platz vor dem Studentenzentrum füllte und darüber hinausging, trugen Studenten, Professoren und weitere Teilnehmer violette Schleifen und hielten Schilder mit Aufschriften wie „Unterstützt Überlebende, verweist Vergewaltiger der Universität“ und „Gerechtigkeit für jede Jane Doe“ – unter diesem Pseudonym ist die Frau, die den mutmaßlichen Übergriff gemeldet hat, in den Gerichtsunterlagen bekannt. „Viel zu oft begegnen uns Schweigen, Erklärungen und Verfahren – aber nicht genügend Unterstützung“, sagte die Studentin Athena Holloway vor der Menge. „Wie viel muss noch passieren, bis unsere Universität sich auf die Seite der Überlebenden stellt?“ Hispanistik-Professorin Julia Chang fügte unter Applaus hinzu: „Vergewaltigung darf nicht als unvermeidlich angesehen werden.“ Die Redner kritisierten Studentenverbindungen, den Hochschulrat und Cornell-Präsident Michael Kotlikoff. Sie warfen ihm und seiner Universitätsleitung vor, den Schutz des Rufs der Universität über die Sicherheit der Studierenden zu stellen. „Kotlikoff, tritt zurück!“, skandierten die Demonstranten neben weiteren Parolen, als sie zum beschädigten Verwaltungsgebäude marschierten, um dort einen Forderungskatalog zu übergeben. Darin verlangten sie unter anderem Änderungen an der Definition sexueller Einwilligung im Verhaltenskodex für Studenten, eine grundlegende Reform des Disziplinarsystems sowie den Ausschluss oder die Aberkennung von Abschlüssen aller Studenten, die an dem mutmaßlichen Übergriff auf die als Jane Doe bekannte Frau im Jahr 2024 beteiligt gewesen sein sollen. „Nieder mit dem Patriarchat!“ Vor dem Verwaltungsgebäude hielten Studenten ein Banner mit der Aufschrift hoch: „Burn Down the Patriarchy“ („Nieder mit dem Patriarchat“). Die Ivy-League-Universität bemüht sich seit Tagen, einen Sturm der Empörung – auf dem Campus und darüber hinaus – über ihren Umgang mit der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung aus dem Jahr 2024 einzudämmen. Am frühen Montagmorgen fand die Universität die Spuren dieser Wut direkt an den Wänden ihrer Verwaltung, die mit Graffiti besprüht worden waren. In der Nacht zum Montag wurde auch eine Glastür beschädigt. Auf den Wänden daneben waren in Rot Botschaften geschrieben, die sich gegen ein Patriarchat und die Reaktion der Elite-Uni auf Vorwürfe des sexuellen Angriffs richteten, wie Fotos in Nachrichtenmedien zeigten. Die Universität habe Ermittlungen eingeleitet, teilte Sprecher Kyle Kimball zu dem Vandalismus mit. „Eigentum zu beschädigen ist nicht die Antwort auf Frust und starke Emotionen“, sagte er. Die Graffiti wurden später entfernt und die beschädigte Glastür mit Brettern verschlossen. Die unter dem Namen Jane Doe bekannte Frau wirft mehreren Mitgliedern der Studentenverbindung Chi Phi vor, sie im Oktober 2024 sexuell missbraucht zu haben, nachdem sie unter Druck gesetzt worden sei, Alkohol zu trinken und Drogen zu nehmen. Damals war sie Studentin an der Cornell University. Vor Kurzem reichte sie Klage gegen die Universität, sieben ehemalige Studenten, die Studentenverbindung und weitere Beteiligte ein. In der Klageschrift heißt es, sie sei vollständig handlungsunfähig gewesen, während Mitglieder der Verbindung sie sexuell missbrauchten. Einer der Männer habe zudem anderen per Nachricht mitgeteilt, sie könnten sich beteiligen. „Ich fühlte mich wie ein Köder. Ich hatte das Gefühl, von Löwen umringt zu sein. Es war einfach ein vollkommen entwürdigender und lähmender Ort“, sagte sie im vergangenen Jahr gegenüber Ermittlern der Cornell University, wie aus Unterlagen hervorgeht, die der Associated Press vorliegen. „Von Menschen und Institutionen Im Stich gelassen“ Das mutmaßliche Opfer, das unter dem Pseudonym Jane Doe auftritt, hat die Universität, sieben ehemalige Studenten, die Studentenverbindung und weitere Parteien vor Kurzem verklagt. Anwälte von zwei der ehemaligen Studenten haben eine Beteiligung ihrer Mandanten an der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung bestritten. Die Nachrichtenagentur AP konnte die anderen beschuldigten Männer bislang nicht für eine Kommentaranfrage erreichen. Gerichtsunterlagen zufolge gaben einige der Beschuldigten bei einer Befragung durch Ermittler der Universität an, dass es sich um einvernehmliche sexuelle Aktivitäten gehandelt habe. Die Klage hat in den USA für Aufsehen gesorgt und Fragen dazu aufgeworfen, was die Universität, die Campus-Polizei und der zuständige Bezirksstaatsanwalt machten, als die Klägerin im November 2024 der Polizei berichtete, sie sei sich absolut sicher, dass sie vergewaltigt worden sei. Bislang hat es keine strafrechtlichen Anklagen gegeben. Die Studentenverbindung Chi Phi wurde eingestellt. Die Universität teilte mit, sie habe einige Studenten aus der Hochschule ausgeschlossen und andere suspendiert. Die Hochschulverwaltung sprach von einem „falschen Narrativ, dass es in diesem Fall kaum Konsequenzen gegeben habe“. Die Gouverneurin des US-Bundesstaats New York, Kathy Hochul, beantragte die Generalstaatsanwaltschaft des Staats in der vergangenen Woche, die strafrechtlichen Ermittlungen in dem Fall zu übernehmen. Zudem forderte Hochul eine unabhängige Untersuchung dazu, wie die Universität mit dem Fall umgegangen ist. Hochul erklärt, Jane Doe sei „von Menschen und Institutionen im Stich gelassen worden.“ Der Präsident der Universität, Michael Kotlikoff, äußerte sich in einem Video vom Samstag bedrückt (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article6ac1b4cdd993ea3f355f541b/us-elite-universitaet-zutiefst-beunruhigend-uni-praesident-meldet-sich-nach-mutmasslicher-gruppenvergewaltigung-zu-wort.html) über den mutmaßlichen Vergewaltigungsfall. Darin erklärte er, der Bericht von Jane Doe werfe „erschütternde und zutiefst beunruhigende Fragen zu sexueller Gewalt, Entmenschlichung sowie zu Aspekten der Partykultur, des Alkohol- und Drogenkonsums“ auf.