Die Anrufe kamen so verlässlich wie der Anstoß. Fünf Minuten bevor die Oberligaspiele von Eintracht Mahlsdorf angepfiffen wurden, klingelte bei der Polizei das Telefon. Um 13.55 Uhr beschwerte sich ein Anwohner über Monate in verlässlicher Regelmäßigkeit über die Lautstärke der Fans. Auf der einen Seite des Gartenzauns trommelnde Anhänger, auf der anderen ein ruheliebender Hausbesitzer – der Konflikt schwelte über Monate, eskalierte und gipfelte schließlich in einem Trommel-Verbot für die Eintracht-Fans. Mahlsdorf ist ein gutbürgerlicher Stadtteil am östlichen Stadtrand Berlins. Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten, verkehrsberuhigte Straßen und ein kleines Geschäftszentrum am S-Bahnhof: Es zieht vor allem Familien aus dem hektischen Zentrum hierher. Davon profitiert auch die Eintracht, der Verein ist mit 700 Mitgliedern sportliches und auch soziales Zentrum von Mahlsdorf. Es könnte alles so idyllisch sein, wäre da nicht der Ärger rund um die Heimspiele der Männer in der Oberliga Nordost auf dem Sportplatz „Am Rosenhag“. „Die Grundstücke grenzen direkt an unsere Plätze. Es ist nicht so, dass die Leute nicht wissen, dass hier ein Sportplatz ist, wenn sie hierherziehen. Wir reden am Ende von 15 Spielen im Jahr“, sagt Tino Loest zu WELT. Der Präsident des Vereins muss sich seit Monaten mit Lärmmessungen, einer Anwohner-Initiative und dem Bezirksamt beschäftigen. Das kostet Nerven und Zeit, die er für die eigentliche Vereinsarbeit sehr viel besser aufwenden könnte. Mahlsdorf spielt seit 2021 in der Oberliga. Mit dem Erfolg des Teams bildete sich auch eine kleine Fanbasis. Zu den Spielen gegen Tennis Borussia, der U23 von Hansa Rostock (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/fc-hansa-rostock/) , Optik Rathenow oder Anker Wismar kommen zwischen 80 und 400 Zuschauer. Unter ihnen immer die „Mahlsdorf Supporters“, die ihr Team mit Trommeln, Fangesängen und einem Megafon unterstützen. Wie ein Staubsauger – 69,7 Dezibel sind zu laut Sehr zum Ärger einiger Anwohner, die vor einem Jahr eine Initiative gegen den Lärm während der Heimspiele gegründet haben. Sie besteht aus acht Personen, die sich gegen die Stimmung auf den Rängen wehren. „Mit dieser Initiative haben wir ausgemacht, dass wir fünf, sechs Spiele im Jahr ohne Einschränkungen machen können“, sagt Loest. Doch eine Person ist nicht bereit, auf den Klub zuzugehen. „Es ist vor allem ein Nachbar, der rigoros ist und nicht mit sich reden lässt. Der wohnt am Kunstrasenplatz. Wenn wir dort spielen, kann ich schon verstehen, dass das stört. Dieser Anwohner hat uns nur einmal eine E-Mail geschrieben. Ansonsten ruft er sofort die Polizei an und legt beim Bezirksamt Beschwerde ein“, sagt Loest. Der Mann hatte Erfolg und legte mit seinen Anrufen bei der Polizei und den Beschwerden beim Bezirksamt die Basis für das Trommel-Verbot. „Prinzipiell verhängt das Bezirksamt nicht einfach Verbote auf Grundlage von Hinweisen aus der Bevölkerung, sondern nimmt diese auf und prüft. Dies ist auch im Falle des Sportplatzes ‘Am Rosenhag‘ geschehen. So wurden drei Messungen im September und November 2025 bei Spielen durchgeführt“, sagt Stefan Bley (CDU) zu WELT. Der Bezirksstadtrat für Schule, Sport, Weiterbildung, Kultur und Facility Management ließ die Messungen vor dem Hintergrund des Bundes-Immissionsschutzgesetzes durchführen. In der Sportanlagenlärmschutzverordnung (BImSchV) heißt es: „In allgemeinen Wohngebieten gelten 55 dB(A) tagsüber und 50 dB(A) abends.“ Weiter findet man in § 3 Nr. 3 der 18. BImSchV u. a. die Formulierung, welche pyrotechnischen Gegenstände oder druckgasbetriebenen Lärmfanfaren als Beispiele für übermäßig lärmerzeugende Instrumente gelten.In der Sportanlagenlärmschutzverordnung (BImSchV) heißt es: „In allgemeinen Wohngebieten gelten 55 dB(A) tagsüber und 50 dB(A) abends.“ Weiter findet man in § 3 Nr. 3 der 18. BImSchV u. a. die Formulierung, welche pyrotechnischen Gegenstände oder druckgasbetriebenen Lärmfanfaren als Beispiele für übermäßig lärmerzeugende Instrumente gelten. Die Messungen ergaben aber Werte, die über den in der BImSchV als zumutbar festgelegten Grenzen lagen. Ein Problem, das vor allem die Spiele, die Sonntag stattfinden, betrifft. „Im Ergebnis liegen wir bei 69,7 dB (A) und dabei über den im WA zulässigen Werten. Hier sind allerdings bereits Zuschläge in Höhe von 6 dB (A) inbegriffen, die durch den Einsatz von Trommeln entsprechend der vorangegangenen Ausführungen hinzuzuziehen sind“, sagt Bley. Und weiter: „Die Schlussfolgerungen seitens des Umwelt- und Naturschutzamtes lauten daher: Die Nutzung von übermäßig lärmerzeugenden Instrumenten ist zwingend zu untersagen, da sonst kein rechtsgültiger Spielbetrieb gewährleistet werden kann.“ Auswärtsfans müssen ihre Trommeln abgeben 70 Dezibel entsprechen ungefähr den Geräuschen, die ein Staubsauger oder ein Fön verursachen. Loest ärgert sich vor allem über das Verhalten des Nachbarn und nicht über dessen Wunsch nach kompletter Wochenendruhe. „Er hat nie das Gespräch mit dem Klub gesucht. Das halte ich für ein grundsätzliches Problem in Deutschland. Viele haben verlernt zu diskutieren, miteinander zu reden und eine gemeinsame Lösung zu finden. Es gibt nur noch schwarz oder weiß. Es gibt nur noch Elektro- oder Benzinautos. Es gibt nur noch links oder rechts.“ Loest will diskutieren und mit der Nachbarschaft eine gemeinsame Lösung finden: „Der Anwohner muss verstehen, dass da ein Sportplatz ist, auf dem Lärm entsteht. Wir müssen verstehen, dass es auch eine Mittagsruhe gibt. Aber wir müssen uns darüber unterhalten, welche Konsequenz wir gemeinsam daraus ziehen.“ Nur Trommeln sei schlecht, aber gar nichts machen zu dürfen, eben auch. Die Fans demonstrierten mit einem Banner: „Trommeln ist der Herzschlag der Kurve. Stoppt das Verstummen!“ Das Verbot trug in den vergangenen Monaten kuriose Blüten. So musste der Sicherheitsdienst immer wieder Fans der Gästeteams vor den Spielen ihre Trommeln abnehmen und um Verständnis bitten. „Aber dann hauen die eben mit den Händen gegen die Werbebanden, dass es nur so scheppert. Dann muss wieder der Sicherheitsdienst einschreiten und um Ruhe bitten“, sagt Loest. Auch das Bezirksamt will einen Kompromiss Was lustig klingt, könnte für den Verein im Kleinen und den unterklassigen Fußball im Großen zum ernsten Problem werden. Wenn die Fans bei den 15 Spielen im Jahr ruhig sein müssen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie dem Klub den Rücken kehren. „Wir sind auf das Amt zugegangen und haben denen mitgeteilt, dass ein generelles Verbot für uns nicht akzeptabel ist. Der Amateursport hat es eh schon schwer, wir freuen uns, wenn bei uns 180 Zuschauer kommen und vielleicht in der nächsten Saison 280 daraus werden. Aber wenn dieses untersagt wird, bevor es sich entwickeln kann, dann hast du keine Chance. Dann können wir auch gleich sagen: ‘Dann erlauben wir das nur noch bei Hertha BSC (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hertha-bsc-berlin/) und Union und alle anderen sind dann nur noch eine Randnotiz“, sagt Loest. Er plädiert für eine offene Diskussion und eine Kompromissfindung: „Wir müssen einen Weg miteinander finden. Sonst heißt es: Wir trommeln weiter und dann sehen wir uns in ein paar Jahren vor Gericht. Das wollen wir aber nicht“. Ein Punkt, in dem sich Verein und das Bezirksamt einig sind. „Ein Verbot hat nur so lange Bestand, wie die Werte gemäß der Gesetze nicht überschritten werden. Selbstverständlich sind wir auch auf der Suche nach guten Kompromissen, um den Spielbetrieb inklusive Fan-Szene adäquat zu ermöglichen und stehen daher im stetigen Austausch mit dem Verein bzw. den Anwohnenden“, sagt Bley. Der Klub lädt in der Sommerpause zum Bürgerdialog ein. Noch ist die Hoffnung da, eine gemeinsame Lösung zu finden, mit der trommelnde Fans und ruhesuchende Anwohner zufrieden sind.