Die wichtigste Innovation des Bodenkrieges im 20. Jahrhundert begann am 15. September 1916 um kurz vor sechs Uhr morgens: Direkt außerhalb des völlig zerschossenen französischen Dorfes Combles, 130 Kilometer nordnordöstlich von Paris, erschienen etwa 32 Metallkolosse hinter den britischen Linien; es handelte sich um die ersten Panzer vom Typ Mark I (verlinkt auf https://tankmuseum.org/tank-nuts/tank-collection/mark-i/) im Kampfeinsatz; 17 weitere waren schon beim Marsch an die Front ausgefallen oder im Schlamm steckengeblieben. Exakt um 6.20 Uhr an diesem kühlen Frühherbstmorgen endete das vor jedem Angriff übliche Dauerfeuer der britischen Artillerie auf die deutschen Stellungen. Infanteristen der 168. und der 169. Brigade, bestehend vor allem aus Londonern, sprangen aus ihren Schützengräben und rückten auf die deutschen Linien vor. Es war wie bei unzähligen früheren ähnlichen Sturmattacken in der Somme-Schlacht (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article249484970/Somme-Schlacht-1916-Die-groesste-britische-Niederlage-wurde-durch-diese-Explosion-eroeffnet.html) – und doch anders. Denn diesmal begleiteten Ungetüme auf Ketten die Soldaten, bewaffnet mit je zwei Sechs-Pfünder-Geschützen und drei bis vier Maschinengewehren oder sechs MGs. Zwei Ketten liefen in Längsrichtung außen um ihre gesamten rhombusartigen Stahlkörper; an der vorderen Schmalseite gab es oben zwei Luken, hinten hing am Rumpf ein doppeltes Metallrad. Der noch nicht 18-jährige Kriegsfreiwillige C. J. Arthur erlebte den Angriff der vollkommen neuen Waffe unmittelbar mit: „Die Panzer waren zugleich eine Enttäuschung und eine Freude“, berichtete er rückblickend. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde krochen die Kettenfahrzeuge über das Niemandsland auf die deutschen Schützengräben außerhalb von Combles zu. Gewehrsalven prallten wirkungslos von ihren vernieteten Stahlplatten ab; gleichzeitig feuerten die Fahrzeuge gezielt auf deutsche Stellungen. Der Stacheldrahtverhau, der bis dahin jeden Vorstoß von Infanterie verlangsamt hatte und die Soldaten zum leichten Ziel für die Verteidiger gemacht hatte, wurde einfach niedergewalzt. In den deutschen Stellungen brach Panik aus: Hunderte Männer suchten ihr Heil in der Flucht – und liefen in das ins Hinterland der Hauptkampflinie verlagerte britische Sperrfeuer. Soldaten mit besseren Nerven blieben in ihren Schützenlöchern hocken und bereiteten Stielhandgranaten vor. Als die Tanks die Gräben überrollten, warfen sie ihre Granaten in die Laufwerke oder steckten sie zwischen die Glieder der schweren Ketten. Beides verfolgte C. J. Arthur, der im Gegensatz zu den bereits erfahrenen Kameraden seiner Einheit heiß auf den Kampf war, mit eigenen Augen. Ein Mark I fuhr durch ein dichtes Stacheldrahtgewirr in einem Hohlweg, zerriss es und machte „so den Weg für uns frei“. Ein anderer Panzer fuhr durch das winzige Straßendorf Flers, ein paar hundert Meter nordwestlich von Combles, als aus einem der zerschossenen Gebäude ein deutsches Maschinengewehr das Feuer eröffnete. „Ein Panzer kroch die Straße entlang“, berichtete der junge Corporal, „bog scharf ab und fuhr durch das Haus“. Das MG-Nest schwieg für immer. Jedoch fiel ihm auch die andere Reaktion der gegnerischen Truppen auf: „Ich sah, wie eine Gruppe feindlicher Soldaten auf einen fahrenden Panzer kletterte und versuchte, ihn außer Gefecht zu setzen, nachdem sie aus nächster Nähe mit einem Maschinengewehr auf ihn geschossen und Handgranaten aus einer Entfernung von etwa fünf Yards geworfen hatte.“ Doch sobald die Luken eines Mark I geschlossen waren, konnten ihre Waffen nichts mehr ausrichten. Von den 32 (nach anderen Angaben: 27) britischen Panzern, die an diesem Morgen zwischen Flers und Combles die deutschen Linien erreicht hatten, fielen durch die improvisierten Gegenangriffe bis zum späten Vormittag trotzdem mehr als die Hälfte aus; die übrigen waren ausnahmslos wenigstens leicht beschädigt. Gegen 13 Uhr ebbte der Kampf ab. Die beiden Brigaden hatten ihr Tagesziel erreicht, eine Linie zwischen den beiden Dörfern. Ihre Männer waren erschöpft, hatten zahlreiche Verwundete zu versorgen und Gefallene zu bergen. Ohnehin verfügten nur noch wenige an diesem Freitagmittag über Munition; auch der Artillerie mangelte es an Granaten. Die deutschen Truppen hatten sich inzwischen wenige hundert Meter zurückgezogen und besetzten hier bereits vorab im Hinterland angelegte Laufgräben, die sie rasch zu Schützengräben ausbauten und mit neu gezogenen Stacheldrahtverhauen verstärkten. Mit motorisierten Fahrzeugen den Stillstand des Stellungskrieges aufzubrechen, war eigentlich eine naheliegende Idee. Vorausschauende Menschen hatten sie sogar Jahre vor Kriegsbeginn gehabt, etwa der britische Schriftsteller H. G. Wells: In seiner Erzählung „ The Land Ironclads (verlinkt auf https://gutenberg.net.au/ebooks06/0604041h.html) “ aus dem Jahr 1903 prophezeite er für den nächsten militärischen Konflikt eingefrorene Fronten, die nur durch neuartige „Land-Panzerschiffe“ überwunden werden könnten. Winston Churchill kannte diese Erzählung; schon am 17. November 1901 hatte er dem Schriftsteller in einem Brief mitgeteilt: „Ich lese alles, was Sie schreiben!“ Als Ende 1914 nach dem „ Wettlauf zum Meer (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article133730478/Wassermassen-retten-das-letzte-bisschen-Belgien.html) “ die Front in Nordostfrankreich und Westbelgien erstarrte, erinnerte sich der nun als Marineminister (First Lord of the Admiralty) tätige Politiker an die ursprünglich im Magazin „The Strand“ erschienene Vision. Am 5. Januar 1915 schrieb Churchill an Premierminister Herbert Henry Asquith und schlug vor, dass die British Army „Landpanzerschiffe“ entwickeln und bauen lassen solle. Als er sieben Wochen später die Ablehnung des zuständigen Kriegsministeriums erhielt, das seinen Vorschlag als „wahrscheinlich nicht erfolgversprechend“ fand, überraschte ihn das. Trotzdem ließ Churchill das Projekt fortsetzen – nur eben unter seiner eigenen Verantwortung als politischer Chef der Royal Navy. Am 20. Februar 1915 berief er dazu einen Ausschuss ein; die Leitung übernahm Eustace Tennyson-d'Eyncourt (verlinkt auf https://watermark02.silverchair.com/rsbm.1951.0005.pdf?token=AQECAHi208BE49Ooan9kkhW_Ercy7Dm3ZL_9Cf3qfKAc485ysgAAAk4wggJKBgkqhkiG9w0BBwagggI7MIICNwIBADCCAjAGCSqGSIb3DQEHATAeBglghkgBZQMEAS4wEQQMAcMKnem_ueqC6YhzAgEQgIICATnmJRdMg0u7oNZDYBKjWqXiqbJ3hmfcsNxQ5t2PFIaPlrppGHncP_TCTG4tMGcR9WZFddfmqnv1UCrw8VEzjURIn0SMVKGGCaVkLfqvvAnevLNC-xP2gQC1Bo3jJoppT-3umSEXPd5bVIUJ6xG5K1iZK7JG3bCf0R4zsQ2xKS6HjjYkywSMscCyadU-bPx5tHbOa-53aZ3GvmQ48P_iw1_vBWaUm6wWVcYjx9D7bF33Hps5s5WUfw7TFmm4fbnvfkLNcfNtOhoroKL3FiTzlnT1GxFS2I72sAb1Cea1KH90ajVqfDnRM4kSsEmw9Wor4AT7-xGTx5Goj_8X0847bAMaluEdjCgBrOZhZVuMvnF6AdpikkgAgT6FTvIKXDDJTfknT0JGIL70JbnKd-Lqxp9Q-W21lg5jrjQnJPmSX8cZcX1L11p8uhu1-xpXGsqQo8qucoyZJziDL4p2P-8GSqpt1KfLujj3NZmysYpHUGKBGUctelcOJn_rooKU7WQfjQzhBfxeh00VoWSD7GloD5jUHr25FxyN9ha3KvXBlz9dN91kf4Gjlv31qrJ_MQFOy-Qb_fjIzZj5P_Q7lUxq_hqn3IUgG3sN6U1tUKZhzFhi2m_Jv64iS73neT6VPZPsDhDND-A-z5XGuHbTUJ74uCBicOOPVafWhNWK73-oAqXuIg) , der Konstruktionsdirektor der Navy. Als erfahrener Marineingenieur verstand er zunächst nicht, warum er eine Waffe für den Einsatz an Land entwickeln lassen sollte. In den folgenden Monaten wurde Tennyson-d'Eyncourt jedoch zur treibenden Kraft des Vorhabens, das so auch weiterlief, nachdem Churchill wegen des Desasters der gescheiterten Invasion in Gallipoli von seinem Amt zurückgetreten war. In der Tat lag die Idee nahe. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte es erste mit Panzerplatten sowie Waffen ausgestattete Lastwagen gegeben und mit dem Simms Motor War Car von 1899 den Prototyp eines eigens entwickelten Fahrzeugs. Doch er war wie ähnliche Studien in Frankreich, Deutschland und Italien nur auf (wenigstens einigermaßen intakten) Straßen einsetzbar. Parallel damit entstanden die ersten Traktoren mit Kettenantrieb, gleichzeitig in Großbritannien und den USA. Sie waren langsamer als Radfahrzeuge, aber deutlich besser im Gelände. Als Artillerieschlepper wurden erste Modelle sogar in den Einsatz beim Militär genommen. Theorie blieben dagegen zunächst die Visionen von Kampfpanzern. Gunther Burstyn, ein Oberleutnant der österreichisch-ungarischen Eisenbahntruppe, schlug 1911 dem Wiener Kriegsministerium ein „Motorgeschütz“ vor – die Entwicklung wurde abgelehnt. Ebenso erging es der Idee des ungarischen Ingenieurs Pál Lipták 1913. Ähnliches erlebten Erfinder in Australien, Frankreich und Deutschland. Anfang August 1914 hatte keine der nun kriegführenden Mächte einen echten Kampfwagen auch nur in Entwicklung. Doch die Realität des Stellungskrieges führte dazu, dass nun viele bisher verworfene Ideen ausprobiert wurden. In Frankreich entwickelten parallel der Ingenieur Paul Frot und der Rüstungskonzern Schneider-Creusot bewaffnete und geschützte Kettenfahrzeuge; beide Prototypen gingen 1915 in die Erprobung. In Großbritannien war zur selben Zeit der Prototyp „Little Willie“ fertig, aus dem dann der erste rhombusförmige Kampfpanzer „Big Willie“ entwickelt wurde und anschließend der Mark I. Dessen Serienproduktion lief am 12. Februar 1916 an; bis Anfang September waren 150 Stück produziert. Die ersten 60 von ihnen befanden sich bereits bei der British Expeditionary Force in Nordostfrankreich, offiziell übrigens als Tanks verschifft (woraus sich der englische Name der neuen Waffenkategorie ableitet); die übrigen noch in Großbritannien beim Hersteller oder auf Übungsplätzen. Taktisch enttäuschte der erste Einsatz von Panzern. Von 49 bereitstehenden Mark I blieb ein gutes Drittel liegen, und noch einmal so viele wurden so schwer beschädigt, dass sie abgeschrieben werden mussten. Der von ihrem Einsatz erhoffte tiefe Einbruch in die deutschen Linien misslang. Trotzdem bestellte der britische Oberbefehlshaber tausend weitere Panzer weiterentwickelter Typen. 14 Monate nach der Schlacht bei Combles erzielten knapp 400 der Muster Mark II bis IV einen gewaltigen Erfolg. Seither ist der Panzer aus dem Bodenkrieg im 20. Jahrhundert nicht mehr wegzudenken. Erst die Drohnen-Revolution im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat seit 2022 die Gewichte deutlich verschoben.