13,3 Millionen Menschen gelten in Deutschland als „ armutsgefährdet (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/plus250760496/Schande-fuers-reiche-Deutschland-Warum-sich-die-Armut-wirklich-ausbreitet.html) “, gleichzeitig gibt es mit 172 Milliardären so viele Superreiche wie nie zuvor. Ein wesentlicher Faktor ist die Vermögensvererbung. „Vermögen ohne Leistung – wie ungerecht ist Erben?“, fragte ZDF-Moderatorin Sarah Tacke in ihrer Sendung den ehemaligen SPD-Generalsekretär und heute bei der Bürgerbewegung Finanzwende tätigen Kevin Kühnert, den Ökonomen Bernd Raffelhüschen, Familienunternehmerin (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/familienunternehmen/) und CSU-Mitglied Andrea Thoma-Böck und die Gründerin des „Netzwerks Chancen“ für sozialen Aufstieg, Natalya Nepomnyashcha. „Frau Thoma-Böck, Sie führen gemeinsam mit Ihrer Schwester ein erfolgreiches Familienunternehmen in dritter Generation und wollen es vermutlich auch an die vierte Generation irgendwann vererben. Wollen Sie es dann möglichst steuerfrei vererben?“, wollte Tacke von ihrem Gast wissen. „Selbstverständlich, das ist ja alles schon versteuertes Geld. Vor allem auf Anlagevermögen noch Erbschaftsteuer zu zahlen – damit belastet man die nachfolgende Generation“, antwortete Thoma-Böck. Die Unternehmerin warnte, dass eine zusätzliche Erbschaftsteuer die ohnehin schwierige Unternehmensnachfolge in Deutschland weiter erschweren könnte. Viele Betriebe fänden bereits heute keinen Nachfolger mehr. In Deutschland werden geschätzt jedes Jahr rund 400 Milliarden Euro vererbt. 52,3 Prozent der Menschen in Deutschland haben laut einer Umfrage (verlinkt auf https://www.morgenpost.de/wirtschaft/article240762418/Gold-Immobilien-Schulden-Was-die-Deutschen-wirklich-erben.html) bislang nichts geerbt oder gehen davon aus, dass sie niemals erben werden. Vor allem im Osten Deutschlands werde wenig geerbt, erklärte Tacke anhand einer aufgezeigten Statistik. „Fühlen Sie sich als Glückskind?“, fragte Tacke „Herr Kühnert, wenn Sie auf die Zahlen schauen, zeigt das, dass Wohlstand reine oder vor allem Glückssache ist?“, fragte die Moderatorin. Kühnert argumentierte, dass Erbschaften die Startchancen im Leben sehr ungleich verteilen. Es gehe ihm dabei nicht um Neid oder darum, wohlhabende Unternehmer anzugreifen, sondern um die gesellschaftlichen Folgen großer Vermögensunterschiede. „Menschen mit Multimillionenvermögen haben durchschnittliche Wertzuwächse in ihren Vermögensbeständen von acht Prozent in den letzten 30 Jahren gehabt“, so Kühnert. „Fühlen Sie sich als Glückskind?“, fragte Tacke Familienunternehmerin Thoma-Böck. „Natürlich habe ich Glück gehabt, aber ich habe in erster Linie kein hohes Bankkonto geerbt. Ich habe in erster Linie Verantwortung geerbt“, sagte Thoma-Böck und zeigte sich entsetzt über die geführte Neiddebatte: „Dieses Land brennt, es erodiert, und wir unterhalten uns jetzt wirklich über Erbschaftsteuern.“ Sie kritisierte, dass der Staat so hohe Steuereinnahmen wie noch nie habe. Besonders bemerkenswert wurde die Debatte, als Kühnert anfing, nach der „Gerechtigkeit“ im Zusammenhang mit Erbschaften zu fragen. „Herr Kühnert, Sie benutzen mir hier den Begriff ‚Gerechtigkeit‘ zu viel. Sie können ja gar nicht wirklich definieren, was Gerechtigkeit sein soll“, griff Raffelhüschen ein und sagte: „Sie wissen ja noch nicht mal, wie Sie Gerechtigkeit messen sollen. Sie reden über Fieber, ohne dass Sie in Grad Celsius oder Fahrenheit messen, weil Sie überhaupt keine statistischen Messkonzepte dafür haben.“ Raffelhüschen plädierte dafür, eher über „Gleichheit“ zu sprechen. Eine vollständige Gleichbehandlung sei bei der Erbschaftsteuer praktisch kaum möglich. „Ich müsste manche Kühe schlachten, ohne sie melken zu können“, so der Ökonom. Eine stärkere Erbschaftsteuer lehnt der Ökonom mit Blick auf den internationalen Vergleich ab: Deutschland habe insbesondere bei Ehepartnern und Kindern bereits hohe Steuersätze, während mehrere europäische Länder die Erbschaftsteuer (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/erbschaftssteuer/) abgeschafft hätten. Er warnte zudem: „Die Erbschaftsteuer ist eine Steuer, die wahnsinnig kostenintensiv ist. Sie brauchen einen Bürokratieapparat, um sie zu erheben.“ Tacke unterstrich den Ist-Zustand mit weiteren Zahlen: Jeder sechste Mensch in Deutschland gilt als armutsgefährdet (als armutsgefährdet gilt nach Definition des Statistischen Bundesamtes, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens der Bevölkerung zur Verfügung hat). Gleichzeitig zählt die Bundesrepublik mehr Milliardäre als je zuvor – 172 an der Zahl – und liegt damit weltweit auf Platz 4. „Da ist doch was schief, oder?“, wollte sie von dem Finanzwissenschaftler wissen. Raffelhüschen kritisiert hohe Steuer- und Abgabenlast Raffelhüschen widersprach Tackes These einer wachsenden Ungleichheit. Die Zahl der Milliardäre müsse inflationsbereinigt betrachtet werden. „Dann sehen Sie, dass die Milliardäre gar nicht so sehr viele mehr geworden sind.“ Zwar sei die Vermögensschere (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/vermoegenssteuer/) größer geworden, bei den Einkommen habe sich die Verteilung jedoch kaum verändert. Die zunehmende Vermögensungleichheit führt er vor allem auf gestiegene Aktienkurse zurück. Kühnert sagte hingegen: „Nach der OECD ist Deutschland ein Hochsteuerland bei Einkommen und ein Niedrigsteuerland bei Vermögenswerten.“ Das führe mittelfristig dazu, dass bei Vermögen und Einkommen etwas auseinanderlaufe. Raffelhüschen kritisierte in der weiteren Diskussion die hohe Steuer- und Abgabenlast in Deutschland. „Wir haben im Moment die höchsten Abgabenlasten, die wir jemals in diesem Land gehabt haben. Wir haben noch nie so viele Steuern eingenommen.“ Trotz Rekordeinnahmen des Staates reichten aber die Einnahmen nicht aus. „Wir haben noch nie so viel Geld den Politikern in die Hand gespült, und noch nie sind die damit ausgekommen. Selbst die höchsten Steuerlasten reichen nicht.“ Eine weitere Erhöhung der Steuern lehnt er deshalb ab. Thoma-Böck warnte vor einer beschleunigten Abwanderung von Unternehmen und Kapital. „Ich spreche mit vielen Unternehmern und ich sage Ihnen: Die meisten haben die Koffer schon gepackt.“ Deutschland sei für Investitionen zunehmend unattraktiv, während die Unternehmen wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit bereits zurückhaltend investierten. „Das habe ich vor zwei Jahren schon gesagt und die Welle hat sich beschleunigt.“