Welt 17.07.2026
07:16 Uhr

Dieser Präsident log in vier Jahren mehr als 30.000 Mal


Am 20. Januar 2017 trat Donald Trump das wichtigste Amt der USA an. Es folgte eine vierjährige Nervenprobe voller Regelverletzungen und Realitätsverzerrungen. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

Dieser Präsident log in vier Jahren mehr als 30.000 Mal

Der Vorwurf ging nach hinten los. „Einige Medienvertreter haben bewusst falsch berichtet“, behauptete Sean Spicer, der neue Sprecher des Weißen Hauses, bei seinem ersten Auftritt vor Washingtoner Hauptstadtjournalisten. Zahlreiche Medien, von CNN über die „Washington Post“ bis zur „New York Times“, hatten berichtet, dass bei der feierlichen Amtseinführung von Donald Trump als 45. Präsident der USA am 20. Januar 2017 wesentlich weniger Menschen erschienen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article161379528/Zahl-der-Zuschauer-bei-Amtseinfuehrung-Trump-vs-Obama-Inauguration-zum-US-Praesidenten.html) waren als bei der ersten „Inauguration“ von Barack Obama 2009. Spicer hielt dagegen, bei Trump habe es „das größte Publikum“ gegeben, „das je einer Inauguration beigewohnt hat, Punkt – sowohl persönlich als auch weltweit“. Spicer, der selbst gerade einmal sechs Monate im Amt blieb, machte sich damit lächerlich. Viele Beobachter fühlten sich an den sprichwörtlichen „ Comical Ali (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article161435770/Sean-Spicer-Trumps-Sprecher-weckt-Erinnerungen-an-Comical-Ali.html) “ erinnert, den Sprecher des irakischen Diktators Saddam Hussein. Er hatte es 2003 fertiggebracht, am Ostufer des Tigris mitten in Bagdad den bevorstehenden „Sieg“ des Irak über die US Army anzukündigen, als eine Panzerkolonne der Marines gerade am Westufer des Flusses einen der Paläste Saddams einnahm. Der Vergleich war berechtigt, denn Fotos und Videos zeigten unwiderlegbar: Die National Mall im Herzen der US-Hauptstadt vom Kapitol bis zum Obelisken, der an George Washington erinnert, war bei Trumps Amtseinführung weitaus weniger gefüllt als acht Jahre zuvor. Das spiegelte sich auch in registrierten Daten wider. So nutzten am 20. Januar 2017 zwischen vier Uhr morgens und Mitternacht exakt 570.557 Passagiere die Metro der US-Hauptstadt. Bei Obamas erster Inauguration 2009 waren es 1,1 Millionen Fahrten gewesen, und selbst 2013 bei seiner Vereidigung nach der Wiederwahl im Amt wurden mit 782.000 Passagieren deutlich mehr Menschen gezählt. Da es aber keine Möglichkeit gab, per Auto in die Stadtmitte zu gelangen, war dies eindeutig. Trotzdem behauptete Trump wenig später bei seinem Antrittsbesuch bei der CIA in Langley (US-Bundesstaat Virginia): „Ehrlich, es sah nach anderthalb Millionen Menschen aus.“ Das gesamte Feld sei „rappelvoll“ gewesen. Die Trump-Beraterin Kellyanne Conway (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article161409351/Kellyanne-Conway-Unser-Pressesprecher-hat-alternative-Fakten-dazu.html) verteidigte die offensichtlichen Lügen ihres Chefs und seines Sprechers als „alternative facts“. Ansgar Graw, WELT-Korrespondent in den USA, empfand den ersten Auftritt des neuen US-Präsidenten als würdelos. Wörter wie „blamieren“ oder „narzisstisch“ prägten seinen Aufmacher am Montag, dem 23. Januar 2017. Die Schriftstellerin Thea Dorn (verlinkt auf https://www.krimilexikon.de/dorn.htm) zeigte sich im WELT-Interview schockiert: „Bis zur Inauguration hatte ich gehofft, Gott möge den Himmel öffnen und zu uns hinunterrufen: ,Hehe, reingefallen! Alles nur ein Scherz!‘ Aber Gott ist ja nicht unbedingt für seinen Humor bekannt. Da schickt er der Menschheit schon lieber von Zeit zu Zeit eine kräftige Plage an den Hals.“ Die kommenden vier Jahre wurden die schlimmste Phase für die US-Politik mindestens seit Richard Nixon, der 1974 als bislang einziger Amtsinhaber zurücktreten musste. Vom 20. Januar 2017 bis zum 20. Januar 2021 wurde Trump bei nicht weniger als 30.573 falschen oder irreführenden öffentlichen Aussagen ertappt – die „ Washington Post (verlinkt auf https://www.washingtonpost.com/politics/2021/01/24/trumps-false-or-misleading-claims-total-30573-over-four-years/) “ zählte Tag für Tag mit. Außerdem wechselte kein Präsident so oft wichtige Mitglieder seiner Regierung aus wie er. Er verbrauchte in vier Jahren (einschließlich der kommissarisch tätigen Amtsinhaber) sieben Verteidigungsminister, sechs Nationale Sicherheitsberater sowie je vier Justizminister und CIA-Direktoren. Eine Fülle von Fehlleistungen begleitete die Amtszeit des 45. US-Präsidenten. Schon Ende Januar 2017 warf er der eigenen Justizministerin „ Verrat (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article161684344/Justizministerin-entlassen-Warum-Trumps-Verratsvorwurf-so-gefaehrlich-ist.html) “ vor, zwei Wochen später faselte er vom „nuklearen Holocaust“. Im August 2017 empfahl er den Einsatz von Schweineblut (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article167797149/Kolonialismus-Schweineblut-gegen-Moslems-Was-Trumps-Tweet-bedeutet.html) gegen feindlich gesinnte Moslems. Im Jahr darauf kündigte er das Atomabkommen mit dem Iran, was es Teheran erleichterte, an eigenen Kernwaffen zu arbeiten. 2019 erpresste er die damalige Regierung in der Ukraine, seinen Gegenkandidaten bei der kommenden Präsidentschaftswahl, Joe Biden, öffentlich zu beschuldigen – sonst würden die USA die Militärhilfe einstellen. 2020 empfahl der Präsident in der Corona-Krise öffentlich, sich gegen die Infektion Desinfektionsmittel zu spritzen. Unstreitig ihren Tiefpunkt erreichte seine Präsidentschaft am 6. Januar 2021, als der bereits mit sieben Millionen Stimmen Rückstand auf seinen Konkurrenten abgewählte Trump einen primitiven Mob anstachelte (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article223901406/Kapitolstuermer-Jake-Angeli-Der-Q-Schamane-mit-den-Bueffelhoernern.html) , das Kapitol zu stürmen. Fünf Menschen kamen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt, darunter 140 Polizisten. Trump verweigerte den erbetenen Befehl, die Nationalgarde zur Hilfe zu holen, obwohl die Parlamentspolizei und die Bürgermeisterin von Washington, D.C. formell beim US-Verteidigungsministerium Unterstützung angefordert hatten. „Willkommen im Realitätsverzerrungsfeld der ersten postfaktischen Regierung Amerikas“, hatte WELT-Korrespondent Clemens Wergin aus Washington nach der Amtseinführung kommentiert: „Manche hoffen nun auf eine neue Ära bürgerschaftlichen Engagements. Das wird bitter nötig sein, um ein Gegengewicht zu bilden gegen einen Präsidenten, der einen deutlichen Hang zur Regelverletzung und zur Realitätsverzerrung hat.“ Erstaunlicherweise überstand die US-Demokratie die ersten vier Jahre von Trump. „Als Joe Biden seinen Eid ablegte, ging für viele Amerikaner – und für viele Freunde Amerikas im Ausland – ein Albtraum zu Ende“, urteilte abermals Clemens Wergin, nun als Chefkorrespondent für auswärtige Politik wieder zurück in der Berliner WELT-Redaktion: „Donald Trump hat ein erschüttertes und tief gespaltenes Land zurückgelassen.“ Nach der „vierjährigen Nervenprobe“ eine für einen Präsidenten angemessene Antrittsrede zu hören, habe signalisiert: „Die Zeiten von Tumult, verbalen Ausfällen und ständigen Regelverletzungen sind vorbei.“ Ein Irrtum. Biden baute so erkennbar ab, dass er seine Kandidatur für eine Wiederwahl mitten im Wahlkampf zugunsten seiner Vizepräsidentin Kamala Harris aufgeben musste. Die dann am 5. November 2024 mit 2,3 Millionen Stimmen Rückstand deutlich gegen Trump verlor, dem ein glücklich überstandenes Attentat (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article253251884/Attentate-Der-Trump-Attentaeter-haette-auch-auf-Joe-Biden-geschossen.html) zusätzliche Sympathien einbrachte. Seit dem 20. Januar 2025 amtiert Donald Trump als 47. Präsident der USA. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Die politische Entwicklung in den USA verfolgt er seit Anfang der 1990er-Jahre mit dem Blick und dem Gedächtnis des Historikers.