Wenn die Industrie über Staus auf den Autobahnen klagt, klingt das nach Routine. Heutzutage aber wirkt die Überlastung des gesamten deutschen Verkehrssystems – besonders auch der Fernstraßen und der Schienenwege – für viele Unternehmen wie ein permanenter Stressfaktor und eine zusätzliche Belastung im Wettbewerb. Denn zum Beispiel beim Gütertransport von der Straße auf die Schiene auszuweichen, erscheint derzeit nicht sinnvoll: Gerade auch in Norddeutschland stehen die Güterzüge mitunter stundenlang, weil die Strecken völlig verstopft sind und weil die Bahntochter DBInfraGo beim Ausbau und der Sanierung der Trassen nicht nachkommt. Der Verband Nordmetall, der die Interessen der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie vertritt, stellt auf der Grundlage einer im Mai erhobenen Umfrage fest: „Norddeutschlands Metall- und Elektroindustrie leidet drastisch unter den Dauerstaulagen in und um die Hansestädte Bremen sowie Hamburg“, sagt Nico Fickinger, Hauptgeschäftsführer von Nordmetall. An der Umfrage unter den Mitgliedsbetrieben der Arbeitgeberverbände haben 172 Unternehmen aus Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, dem nordwestlichen Niedersachsen und Schleswig-Holstein teilgenommen. 63 Prozent der Geschäfts- und Personalleitungen der Betriebe im Norden sehen sich durch Staus auf Autobahnen stark oder sehr stark beeinträchtigt, 56 Prozent durch diejenigen in Städten und Ortschaften. 57 Prozent bemängeln einen unzureichenden öffentlichen Personennahverkehr, etwa Busverkehre, 46 Prozent defekte oder gesperrte Brücken. Autobahnstaus als „sehr starke Belastung“ beklagen in der Spitze der fünf beteiligten Bundesländer 55 Prozent der Hamburger Betriebe, in Bremen sind es 41 Prozent. Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern bemängeln zu mehr als einem Drittel besonders häufig schwache ÖPNV-Strukturen und unzureichende Bahnverkehre. 55 Prozent aller Befragten sehen den Ausbau der A1 mit Schwerpunkt in Bremen und Hamburg (Elbbrücken) als wichtigstes Verkehrsprojekt zur Verbesserung der Lage, 38 Prozent den der A7 (Tunneldeckel Altona), 35 Prozent den der A20 (Bad Segeberg-Bremerhaven). Zwar gebe es punktuell gute Entwicklungen, sagte Fickinger, etwa kürzlich den ersten Spatenstich für den Weiterbau der A20 bei Bad Segeberg, der wegen eines Gerichtsverfahrens und der Umsetzung notwendiger Auflagen jahrelang stillstand. Die A20 soll durch einen noch zu bauenden neuen Elbtunnel zwischen Glückstadt und Drochtersen nach Niedersachsen weitergeführt werden. Auch das gerade beschlossene Infrastruktur-Zukunftsgesetz mit dem „überragenden öffentlichen Interesse“ zur rascheren Durchsetzung neuer Projekte wecke „Hoffnung, dass es mit der teilweisen Blockade wichtiger neuer Schienen- und Straßenwege bald vorbei ist“, sagte Fickinger. „Dennoch bleibt es ein Unding, dass Hamburg als norddeutsches Nadelöhr bis heute nur zwei Elbquerungen besitzt und als einzige europäische Millionenstadt bisher keine konkrete Zeitperspektive für die Vollendung eines Autobahnringes. Hier muss drastisch Tempo zugelegt werden.“ Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Die Verkehrs-Infrastruktur zählt seit vielen Jahren zu seinen Schwerpunktthemen.