Welt 15.10.2026
14:48 Uhr

Die jüdischen Sammler


Die große Herbstausstellung des Bucerius Kunst Forums zeigt herausragende Werke moderner Kunst und rekonstruiert Sammlungen mit Werken „von Monet bis Picasso“, die von den Nazis zerschlagen wurden.

Die jüdischen Sammler

Rosa Schapire lebte innerhalb eines Gesamtkunstwerks: Die Kunsthistorikerin, Sammlerin und Publizistin hatte 1921 zwei Räume ihrer Hamburger Wohnung vom Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff gestalten lassen, mit dem sie eng befreundet war. Vor den grün gestrichenen Wänden des Wohnzimmers standen handgeschnitzte Möbel, die ultramarinblau und leuchtend gelb bemalt waren, es gab Bilder, Skulpturen, Reliefs und ein Kakteenfenster. Als Schapire 1939 vor den Repressionen der Nationalsozialisten nach London fliehen musste, sollte ihr die gesamte von Schmidt-Rottluff entworfene Einrichtung zusammen mit weiteren Kunstwerken folgen und war bereits in einer Transportkiste am Hafen deponiert. Doch ihr Eigentum kam nie an, wurde von den Nazis beschlagnahmt und als „Judengut“ versteigert. 15 Privatsammlungen mit Werken von Monet bis Picasso Auf unbekannten Wegen gelang es Schapire dennoch, einige Gemälde, Plastiken, Grafiken sowie ihre „Brücke“-Künstlerpostkarten nach England zu retten. Die bewahrten Schätze sind jetzt Teil der großangelegten, auf intensiver Forschung beruhenden Ausstellung „Von Monet bis Picasso – Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ im Bucerius Kunst Forum, die WELT AM SONNTAG exklusiv vorab besuchen konnte. Die Schau rekonstruiert 15 jüdische Privatsammlungen moderner Kunst, die vor 1945 angelegt wurden, und führt die weltweit verstreuten Werke wieder zusammen. Denn die hochkarätigen Kollektionen, etwa von Martha und Walter Blank, Max Silberberg, Max Meirowsky, Martha und Hugo Nathan oder den Familien Mendelssohn und Hirschland, wurden infolge von Entrechtung und Enteignung der jüdischen Bürger auseinandergerissen, geraubt oder mussten weit unter Wert verkauft werden. „Die 15 Sammler stehen für Tausende“, sagt Forumschefin Kathrin Baumstark. Sie hat die Schau mit dem Kunsthistoriker und Journalisten Stefan Koldehoff kuratiert, der das Projekt auf den Weg brachte. Bedeutende Sammlungen neu entdeckt Mit dem Verlust ihres Kunstbesitzes gerieten auch viele der Sammler in Vergessenheit. Die Kollektion Clothilde und Paul Schüler etwa zählte zu den unbekanntesten in Deutschland – dabei gehörten ihr bedeutende Werke an, darunter „Neckerei“ von Emil Nolde oder das einzige Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker, auf dem sie sich mit erhobenem Pinsel als Malerin dargestellt hat. Paul Schüler musste im Zuge der Weltwirtschaftskrise Konkurs anmelden und einen Teil der Bilder verkaufen. Aufgrund des Berufsverbots für Juden konnte er wirtschaftlich nicht wieder Fuß fassen. Die nach der Krise verbliebene Kunst wurde unter NS-Druck verkauft oder von der Gestapo beschlagnahmt; es folgten Deportation und Tod. „Die Nazis wollten auch die Lebensgeschichten der Menschen tilgen“, sagt Baumstark. Nun soll die kulturhistorische Leistung der Sammler ins öffentliche Bewusstsein zurückgelangen. Dafür wurde im Ausstellungssaal für jede Sammlung ein eigener Bereich gestaltet. Dort finden, vor Wänden, die in 15 Grünschattierungen gehalten sind, auch die Biografien der Sammlerpersönlichkeiten Platz. Daneben entfaltet sich die Kunst, hängen Werke oder auch Werkgruppen, die ursprünglich zur jeweiligen Sammlung gehört haben: Bilder, die Privaträume schmückten, persönliche Bedeutung besaßen, bewegte Leben begleiteten. Progressive und moderne Kollektionen Viele der Meisterwerke sind heute von immensem Wert, stammen sie doch unter anderem von Cézanne, Van Gogh und Picasso, von Monet, Rodin und Pissarro, von Liebermann, Slevogt und Corinth. Anhand des Ausgestellten lässt sich zudem zeigen, dass jüdische Sammler besonders progressive und moderne Kollektionen aufbauten. So trug das jüdische Bürgertum entscheidend dazu bei, dass sich in Deutschland um 1900 ein moderner Kunstkanon durchsetzen konnte. Die Sammler, darunter Unternehmer, Bankiers, Fabrikanten oder Ärzte, waren außerdem als Leihgeber für Museen aktiv, stifteten Kunstwerke, förderten Künstler und Kultureinrichtungen – bis sich der Staat gegen sie wandte. Auch die jüdischen Sammlerinnen, wie etwa Margarete Mauthner oder Antonie Lessing, spielten als geschmackssichere, unbeirrbare Kunstkennerinnen eine besondere Rolle für die Moderne. Margarete Oppenheim stehe ebenfalls „für jene zahlreichen jüdischen Frauen, die in Kaiserreich und Weimarer Republik hochbedeutende Kunstsammlungen erworben haben, ohne dabei in erster Linie auf Wertbeständigkeit oder soziale Anerkennung zu zielen“, erklärt Koldehoff. Oppenheim habe aus Leidenschaft gesammelt – auch solche Künstler, die damals noch nicht am Kunstmarkt etabliert waren, zum Beispiel Cézanne und Van Gogh, dessen „Mädchen mit zerzaustem Haar“ zu sehen ist. Nach dem Tod der Sammlerin 1935 wurde ihr Besitz versteigert, doch die Erben konnten weder über den Erlös noch über verbliebene Werke frei verfügen. 95 Leihgaben bei rund 500 angefragten Werken Heute führen mehrere Museen Gespräche mit den Nachfahren der Sammlerin, es gab Einigungen im Sinne der Washingtoner Erklärung zum Umgang mit NS-Raubkunst von 1998, in der sich die unterzeichnenden Staaten verpflichteten, geraubte Kulturgüter zu identifizieren und mit den früheren Eigentümern oder deren Erben „gerechte und faire Lösungen“ zu finden. Andere Museen verweigern den Dialog. In der Schau hängen statt der Cézanne-Gemälde aus der ehemaligen Oppenheim-Sammlung leere Rahmen: Zwar ließen sich die Werke identifizieren, standen aber im Kontext des Projekts nicht zur Verfügung. Insgesamt, so Baumstark, kamen 95 Leihgaben ins Bucerius Kunst Forum – von rund 500 angefragten Werken. Durch die Ausstellung werden krasse Gegensätze deutlich: Da ist der Zauber der Kunst, der Klassischen Moderne, da ist auch die Aufgeschlossenheit, Fortschrittsorientiertheit und Neugier der Sammlerinnen und Sammler. Dem gegenüber stehen die Kleingeistigkeit, die Missgunst, die Grausamkeit, die Menschenverachtung und die perfide Terror-Bürokratie der NS-Diktatur. Denn nur durch zynische Verordnungen, durch Zwangssteuern wie die Reichsfluchtsteuer, durch Ausreiseverbote, Vermögenssperren oder Devisenauflagen wurde der systematische Raub jüdischen Eigentums möglich, der bis heute nachwirkt. Bucerius Kunst Forum: „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“. Bis 29. März 2027