Welt 31.07.2026
06:46 Uhr

„Die Haie sind da. Entweder fressen die mich, oder ich fresse sie“


Nachdem Japan ab 1931 weite Teile der Mandschurei besetzt hatte, kam es an der Grenze zur Sowjetunion zu Gefechten. Zwar gelang dem sowjetischen Marschall Blücher 1938 ein Sieg. Aber das rettete ihn nicht vor den Nachstellungen Stalins.

„Die Haie sind da. Entweder fressen die mich, oder ich fresse sie“

Der Anruf, den der sowjetische Marschall Wassili Blücher (russ. Bljucher) im August 1938 erhielt, ließ an Deutlichkeit und Sarkasmus nichts zu wünschen übrig: „Seien Sie ehrlich, Genosse Blücher, wollen Sie eigentlich die Japaner ernsthaft bekämpfen oder nicht? Wenn nicht, gestehen Sie es mir offen wie ein guter Kommunist.“ Der Anrufer war kein Geringerer als der Diktator Josef Stalin. „Die Haie sind da“, erklärte ein konsternierter Blücher seiner Frau. Er wusste, was die Stunde geschlagen hatte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article172373320/Stalins-Saeuberungen-Gegen-diese-Intrigen-war-Marschall-Bluecher-chancenlos.html) . Dabei hatte der Marschall seiner langen Liste an militärischen Erfolgen soeben einen weiteren Eintrag hinzugefügt. Wenige Tage zuvor, am 31. Juli, hatten japanische Truppen Soldaten der Roten Armee angegriffen, die zuvor eine Stellung auf dem Berg Zaozernaja im mandschurisch-koreanisch-sowjetischen Grenzgebiet angelegt hatten. Das trieb den schwelenden Grenzkonflikt zwischen Japan und der Sowjetunion in eine neue Dimension. Im September 1931 hatten ehrgeizige Offiziere der japanischen Kwantung-Armee, die zum Schutz einer strategisch wichtigen Eisenbahnlinie in der Mandschurei stationiert worden war, den sogenannten „Mukden-Zwischenfall“ inszenier (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article200415882/Mukden-Zwischenfall-Die-Bombe-die-den-Krieg-gegen-China-eroeffnete.html) t. Die Explosion einer Bombe bot den Anlass, die Expansionsbestrebungen Japans in China voranzutreiben und die Regierung in Tokio vor vollendete Tatsachen zu stellen. In einem Akt der „Selbstverteidigung“ brachte die Armee weite Teile der rohstoffreichen Mandschurei unter ihre Kontrolle, was 1932 in die Gründung des Satellitenstaates Mandschukuo mündete, an dessen Spitze Chinas Ex-Kaiser Puyi installiert wurde (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article226206215/Chinas-letzter-Kaiser-Puyi-Warum-weinen-die-Erwachsenen.html) . Im Norden stieß Mandschukuo an das sowjetische Sibirien. Das führte wiederholt zu Spannungen, denn die Grenze war in den menschenleeren Räumen oft nicht eindeutig festgelegt. Daher kam es wiederholt zu Feuergefechten, in deren Verlauf im Juni 1937 ein sowjetisches Patrouillenboot versenkt wurde. Diesmal fand man eine diplomatische Lösung, was von den Falken in der Kwantung-Armee „als Schwächezeichen ausgelegt“ wurde, schreibt die japanische Historikerin Chiyoko Sasaki. Einen Monat später entfesselte der Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article166362503/Eine-Farce-eroeffnete-den-Zweiten-Weltkrieg-in-China.html) bei Peking den großen Krieg gegen China. Nachdem der japanische Botschafter in Moskau am 15. Juli 1938 vergeblich den Rückzug der Roten Armee von zwei Anhöhen am Chassansee (ca. 130 Kilometer südwestlich von Wladiwostok) gefordert hatte, nahmen Offiziere in der Region die Sache in die Hand, ohne sich beim Hauptquartier rückzuversichern. Ein erster Angriff auf den Berg Zaozernaja wurde am 29. Juli zurückgeschlagen. Doch zwei Tage später gelang es einer japanischen Division und Einheiten aus Mandschukuo, die feindlichen Linien in einem Nachtgefecht zu durchbrechen. Aber die Japaner hatten die Mittel unterschätzt, über die Blücher als Oberkommandierender Fernost verfügte. In den folgenden Tagen konnte der Marschall seine Truppen reorganisieren und mit ihnen die kaiserlichen Verbände wieder auf ihre Ausgangsstellungen zurückdrängen. Am 11. August kamen die Kämpfe zum Erliegen. Die Japaner zählten 526 Tote und 914 Verwundete, die Sowjetunion 717 Tote und 2827 Verwundete (verlinkt auf https://ww2db.com/battle_spec.php?battle_id=232) und Vermisste. Verglichen mit den Verlusten in den Kriegen, die zur selben Zeit in China und bald auch in Europa tobten, zeugten diese Zahlen von einer Lappalie. Aber diese reichte aus, um eine andere Rechnung zu begleichen. 1936 hatte Stalin damit begonnen, Partei und Staat von Verschwörern, Saboteuren und Spionen, wie er es nannte, zu säubern. Der „Große Terror“ traf Millionen Verdächtige (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article221227018/Grosser-Terror-Mit-diesem-Mord-begannen-die-Grossen-Saeuberungen-in-der-Sowjetunion.html) , die exekutiert wurden oder in Lagern verschwanden, und machte auch vor der Roten Armee nicht Halt. Erstes prominentes Opfer wurde Michail Tuchatschewski, dem im Juni 1937 der Schauprozess (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article231759227/Marschall-Tuchatschewski-Am-Ende-bat-er-darum-erschossen-zu-werden.html) gemacht wurde. Wie Blücher gehörte er zu den Offizieren, die im Russischen Bürgerkrieg (1917–1922) die Bolschewiki (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article192718477/Russischer-Buergerkrieg-Warum-die-Bolschewiki-die-Weissen-besiegten.html) zum Sieg geführt hatten. Zusammen mit drei weiteren Generälen waren Tuchatschewski und Blücher 1935 zu den ersten Marschällen der Sowjetunion ernannt worden. Nun trafen sie sich im Tribunal wieder, der eine als Angeklagter, der andere als Richter. Gemeinsam mit sieben Generälen wurde Tuchatschewski zum Tode verurteilt und erschossen. Insgesamt fielen 10.000 Offiziere, darunter fast alle hohen Kommandeure, dem Terror zum Opfer. Bis 1938 galt Blücher als „jemand, auf den man setzen kann“, wie es der Diktator ausdrückte. Daher blieb der Ferne Osten vom Terror zunächst weitgehend verschont. Aber dann rückte die Hausmacht, die sich der angesehene Marschall in Sibirien geschaffen hatte (dessen Eroberung 1921/22 war sein Werk gewesen), ins Visier des Kreml. Lew Mechlis, der es vom Büroleiter Stalins zum Chef der politischen Kommissare der Roten Armee und stellvertretenden Kriegsminister gebracht hatte, fiel wie ein böser Dämon über die Soldaten im Fernen Osten her. „Ich muss nach Wladiwostok fahren, um den Politapparat zu säubern … Ich habe 215 Politarbeiter entlassen, ein bedeutender Teil von ihnen ist inhaftiert. Aber die Säuberung … habe ich noch nicht abgeschlossen“, drahtete Mechlis an Stalin: „Da treibt sich viel lichtscheues Gesindel von Spionen herum.“ Dass Stalin Blücher vorwarf, die Japaner nicht ernsthaft bekämpfen zu wollen, dürfte auf Mechlis’ Einreden zurückzuführen sein. Für den Fanatiker, der im Zweiten Weltkrieg auf der Krim eine ganze Armee in den Tod treiben sollte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article164341763/Wie-Stalins-oberster-Kommissar-die-Rote-Armee-ruinierte.html) , reichte als Schuldbeweis schon aus, dass den Japanern überhaupt ein Angriff gelungen war. Nachdem Mechlis die Erlaubnis eingeholt hatte, vier Offiziere aus Blüchers Stab „aufgrund eines Sonderbefehls standrechtlich erschießen zu lassen“, erkannte der Marschall, dass sie „mich schnappen wollen. Entweder die fressen mich, oder ich fresse sie, aber Letzteres dürfte eher unwahrscheinlich sein“, schrieb er resignierend an seine Frau. Blücher sollte Recht behalten. Nach Moskau zurückgerufen, wurde er im Oktober 1938 verhaftet. Im Gegensatz zu vielen anderen verweigerte er die Selbstbezichtigung, ein japanischer Spion zu sein. Dafür wurde er gefoltert. Ein Auge wurde ihm ausgeschlagen. Am 9. November erlag er seinen Verletzungen. Seine Asche wurde in einem Massengrab verstreut. Im Juli 1939 flammten die Kämpfe wieder auf, diesmal an der Chalcha an der Grenze zur Mongolei, die für die Sowjetunion eine ähnliche Rolle spielte wie Mandschukuo für Japan. Diesmal blieb es nicht bei Scharmützeln, sondern die Gegner mobilisierten Großverbände. Die kaiserliche 6. Armee verfügte über 30.000, die sowjetisch-mongolischen Verbände über knapp 60.000 Mann. Da es der Roten Armee gelang, Hunderte Panzer und moderne Geschütze heranzuschaffen, wurden die japanischen Truppen umgangen und eingeschlossen. Ende August war die 6. Armee nahezu aufgerieben. Die Verluste waren mit jeweils 15.000 Mann hoch, wofür nicht zuletzt das unwirtliche Gelände verantwortlich war. Der Sieger hieß Georgi Schukow (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article113513046/Stalins-bester-Mann-forderte-den-groessten-Blutzoll.html) . Im Zweiten Weltkrieg sollte er es zum Generalstabschef der Roten Armee und Marschall der Sowjetunion bringen. Beide Seiten beeilten sich, um den Konflikt zu entschärfen. Mitte September wurde ein Waffenstillstand unterzeichnet. Die Kwantung-Armee wollte ihre Kräfte für die unerwartet schweren Kämpfe in China freibekommen, die Sowjetunion marschierte am 17. September 1939 in Polen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article254086998/17-September-1939-So-inszenierte-Stalin-seinen-Angriff-auf-Polen.html) ein. Im April 1941 schloss Japan, obwohl mit Deutschland und Italien seit 1940 im Dreimächtepakt verbunde (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article133248397/Haette-Japan-1942-die-UdSSR-angreifen-koennen.html) n, mit der Sowjetunion ein Nichtangriffs-Abkommen. Dass das Kaiserreich, das seinen Krieg gegen Amerika vorbereitete (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article159666276/So-entstand-Japans-Plan-gegen-Pearl-Harbor.html) , sich daran halten würde, nachdem die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen hatte, drahtete der Spion Richard Sorge aus Tokio (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article254391360/GRU-Spion-Ramsay-Ein-Mann-namens-Richard-Sorge-ist-uns-unbekannt.html) nach Moskau. Das machte die Divisionen frei, die Stalin zur Sicherung in Fernost stationiert hatte. Sie waren für den Winterkrieg ausgerüstet und kamen gerade rechtzeitig nach Europa, um im Dezember 1941 den deutschen Angriff auf Moskau (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article234116336/Unternehmen-Taifun-1941-78-Divisionen-sollten-Moskau-nehmen.html) zu stoppen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Pazifikkrieg zu seinem Arbeitsgebiet.