Bei zwei Dingen konnte Otto von Bismarck richtiggehend grantig werden: zum einen, wenn es Kritik an seiner Politik gab. Als nach der Reichsgründung 1871 und dem Boom der Gründerzeit eine Phase wirtschaftlichen Abschwungs einsetzte, taten sich dabei linksliberale Politiker wie Eugen Richter, Ludwig Loewe und Rudolf Virchow hervor. Wenn Leute wie sie zweitens auch noch Unterstützung von Zeitungen erhielten, verstand der Reichskanzler gar keinen Spaß mehr. Dass er selbst die Presse als politisches Werkzeug nutzte, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, und vor finanzieller Zuwendung für regierungsfreundliche Journalisten nicht zurückschreckte, war für ihn opportun. Solange er dabei gut wegkam. Zu den Verlegern und Journalisten, die hier nicht mitspielen wollten, gehörte Leopold Ullstein mit seiner dezidiert liberalen Berliner Zeitung. Ullstein, der das 1877 gegründete Blatt noch im selben Jahr von dem wirtschaftlich glücklosen Journalisten Peter Langmann übernommen hatte, brachte sie ab Januar 1878 in seinem eigenen Verlag heraus, der selbst erst wenige Monate alt war. Der Reichstag debattierte im September 1878 über das sogenannte Sozialistengesetz, das einen Monat später in Kraft trat. Es verbot der Sozialdemokratie (SPD heißt die Partei erst ab 1890) mit Ausnahme der Reichstagsfraktion jede öffentliche politische Betätigung und diente dazu, ihre Mitglieder und Anhänger zu verfolgen. Die Berliner Zeitung, obwohl kein Freund der Sozialdemokratie, kritisierte das Vorgehen des Staates als unangemessen. Zudem kommentierte sie genüsslich Bismarcks Erklärung in der Debatte zum geplanten Gesetz. Der Kanzler hatte angegeben, nie mit Sozialdemokraten verkehrt zu haben. Nach dem Verweis auf Ferdinand Lassalle, den Sozialisten und Wortführer der frühen Arbeiterbewegung, wiegelte Bismarck ab: Er rechne Lassalle nicht zu den Sozialdemokraten. Ullsteins Zeitung befand: „Die Wertschätzung solcher Methode überlassen wir dem Urteil unserer Leser.“ Woher stammte dieses Selbstvertrauen, sich mit dem mächtigen Bismarck anzulegen? Ullstein war alles andere als ein Heißsporn. Bereits 50 Jahre alt, stieg er 1877 in das Pressegeschäft ein und gründete einen Verlag unter seinem Namen. Das Metier allerdings war ihm nicht fremd. Am 6. September 1826 im fränkischen Fürth als Sohn einer jüdischen Familie geboren, war er nach der Schule bei seinem Vater in die Lehre gegangen, dem Papierhändler Hajum Hirsch Ullstein. Zu dessen Kunden gehörte auch die renommierte Vossische Zeitung. 1856 zog Leopold – geschult im Handel für Buch- und Zeitungsdruckereien – nach Berlin, um in der aufstrebenden Metropole ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Ein Risiko, denn laut Branchenverzeichnis war er lediglich einer von 75 Papierhändlern in der Stadt. Leopold Ullstein halfen seine Erfahrung und sein Geschick bei der Kundenakquise, um Fuß zu fassen. Er trat der Berliner Kaufmannschaft sowie dem ursprünglich jüdischen Hilfsverein „Gesellschaft der Freunde“ bei, inzwischen ein Netzwerk der Bildungseliten von Kultur, Handel und Medien. Ullstein galt als zuverlässig, engagiert, unterhaltsam. Politisch orientierte er sich an der Deutschen Fortschrittspartei und saß für die Liberalen einige Jahre als Abgeordneter in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, wo er sich gern an Debatten beteiligte. Als er die Wiederwahl verpasste, wechselte Ullstein ins Zeitungsgeschäft. Als Verleger wollte er jedoch nicht nur Papier verbrauchen – es drängte ihn, mit publizistischen Mitteln den liberalen Fortschritt zu fördern. Die Berliner Zeitung bestach nicht nur durch ihren frischen Ton Leopold Ullstein wusste, worauf er sich einließ. Im Verfassungskonflikt von 1863 hatte der damalige preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/otto-von-bismarck/) der Presse schon einmal zugesetzt. Beim Streit über die Machtaufteilung zwischen König und Parlament war Bismarck als Vermittler aufgetreten, von Zeitungen jedoch wegen seiner „rücksichtslos erscheinenden königstreuen Politik“ angefeindet worden. Er strengte daraufhin nicht nur Hunderte Beleidigungsprozesse an, sondern erließ auch eine Verordnung, wonach Zeitungen nach zweimaliger Warnung verboten werden konnten, wenn sie die öffentliche Wohlfahrt gefährden. Diesen obrigkeitsstaatlichen Stil praktizierte er auch als Reichskanzler, was die Situation zuspitzte, da sich Blätter, selbst die ehrwürdige Vossische Zeitung, politisierten und für den liberalen Freisinn eintraten. In einer Werbung um Abonnenten am 29. September 1878 beschrieb Neuverleger Ullstein die publizistische Ausrichtung seiner Berliner Zeitung: Sie trete für eine konstitutionelle Regierung ein und wolle keinen Kanzler-Absolutismus. Im selben Monat zitierte das Blatt Äußerungen von Rudolf Virchow über Bismarck: „Das Ziel aller seiner Bemühungen ist, an der Spitze der Geschäfte zu bleiben. Er schafft eine Politik, deren erste Prämisse seine Persönlichkeit selbst ist, und deshalb wissen wir nicht, wohin er uns führen wird.“ Die Berliner Zeitung bestach nicht nur durch ihren frischen Ton. Man merkt den Artikeln an, dass die Redakteure Lust an der Provokation haben. Im Februar 1879 stellte sie die Frage, wieder Virchow zitierend, ob die „Kollegen“ Bismarcks im preußischen Staatsministerium überhaupt noch eine eigene Meinung hätten, ob sie noch selbstständige Personen seien „oder nur die subordinierten Organe Se. Durchlaucht“. Einen Tag später hieß es: „Was den Kanzler so stark macht, ist ja lediglich die Schwäche derer, die sich zu ihm beugen.“ Sie dichteten ihm Eigenschaften an, die er gar nicht besitze, „um ihre eigene Feigheit zu bemänteln“. In einem weiteren Leitartikel wurde Bismarcks Schaukelstrategie – nach Gutdünken den politischen Partner zu wechseln – aufgespießt. Nachdem die vor wenigen Tagen noch „mit Schmeicheleien und Verheißungen“ umworbene katholische Zentrumspartei wieder in Ungnade gefallen sei, würden nun die Nationalliberalen, „die jüngst erst unter durchlauchtiger Sohle so jämmerlich ,quietschten‘“, glücklich „an der Brust des versöhnten Kanzlers“ liegen. Angesichts dieser Beispiele konnte es nicht erstaunen, dass es Prozesse wegen „Bismarck-Beleidigung“ hagelte und Gefängnisstrafen für Redakteure verhängt wurden. Der erste Prozess fand bereits am 26. Juli 1878 statt, der leitende Redakteur Langmann musste sich gleich in sechs Fällen verantworten. Bei der Verurteilung von Gustav Adolf Fischer, der das Gros der Leitartikel jener Zeit schrieb, gelang es Leopold Ullstein nur durch eine Kaution von 300 Mark, ihm die Haft zu ersparen. Im Laufe des Jahres 1879 wurde die Rubrik „In eigener Sache“, in der die Redaktion die Leser über derlei Prozesse informierte, immer länger. Zu Änderungen in der Berichterstattung führte das nicht. Auch nicht, als die Berliner Militärführung im Befehl an die Truppen, liberale Zeitungen weder zu lesen noch gar zu abonnieren, die Berliner Zeitung als besonders gefährlich hervorhob. Seinen Gipfel erreichte der Konflikt am 30. Mai 1879. „Bismarck Diktator!“ lautete die Überschrift des Leitartikels bündig. Wieder einmal ging es um das Auftreten und den Machtanspruch des 64-jährigen Kanzlers. Man halte Deutschland für zu groß, als dass seine Existenz und sein Heil an die Mitwirkung einer einzelnen Persönlichkeit gebunden sein dürften, so die Zeitung, sei aber zu einem Kompromiss bereit: Man gebe Bismarck die diktatorische Gewalt auf Lebenszeit! Offenbar auf dessen seinerzeit bereits fortgeschrittenes Lebensalter zielend, ätzte das Blatt: Hier sehe man doch wenigstens ein Ende. Und weiter: Der Vorschlag sei vollkommen ernst gemeint, nur müsse die diktatorische Gewalt Bismarcks in einem Punkt begrenzt werden: „Er darf unter keiner Bedingung seine Reichskanzlerwürde erblich machen.“ Alles in allem war der Konflikt mit Bismarck für Leopold Ullstein ein turbulenter Start ins Verlegerleben. Hinzu kam bald der Berliner Antisemitismusstreit, den der Hofprediger Adolf Stoecker und der nationalliberale Historiker Heinrich von Treitschke 1879/80 entfachten. In monatelangen Artikelschlachten stellten sie Judentum und Christentum als unversöhnlich dar. Der rassische Antisemitismus war auch Folge des wirtschaftlichen Abschwungs in Deutschland, der nicht nur zum Misstrauen gegenüber der liberal-kapitalistischen Wirtschaftsordnung und zum Ruf nach Abschaffung des Freihandels führte, sondern auch auf der Suche nach Sündenböcken angebliche jüdische Spekulanten verantwortlich machte. Den zunehmenden Antisemitismus spürte auch die Berliner Zeitung. Etwa, als der Redakteur Isidor Levy, ein ausgewiesener Jurist, 1882 gegen Stoecker polemisierte und auch Bismarck angriff. Schon früher hatte Leitartikler Fischer Treitschke als „verkappten Reaktionär“ bezeichnet. Oder weil das Blatt unbeirrt und ausführlicher als andere über Auswüchse der Judenfeindlichkeit und Pogrome berichtete. Leopold Ullstein setzte sich für die Unterstützung jüdischer Familien ein, die kriminalisiert wurden. Andererseits ging es auch um die Zukunft seines Unternehmens und seiner inzwischen fünf Söhne, die den Verlag weiterführen sollten. Als „Judenpresse“ geschmäht zu werden, war dabei nicht nur hinderlich, sondern band in der Auseinandersetzung unnötig Kräfte. Womöglich in der Hoffnung, weniger Angriffsfläche zu bieten, konvertierten zum Ende der 1880er-Jahre alle seine Kinder zum Protestantismus. Vater Leopold hielt am jüdischen Glauben fest. Die schwierige Anfangsphase festigte das Band zwischen Verleger und Redaktion. Die Mitarbeiter trugen Ullsteins entschieden freiheitlich-demokratische Haltung mit und zeigten, dass Zeitungsmachen mehr als ein Geschäft war. Leopold Ullstein gewann nicht nur durch die kritische Berichterstattung an Profil. Seine Leidenschaft für den Journalismus war entfacht. Er optimierte Abläufe bei der Zeitungsherstellung, im Vertrieb und in der Werbung, entwickelte Zeitungen, die er übernahm oder gründete, zu leserzugewandten und auflagenstarken Publikationen. Dazu gehörten neben der Berliner Zeitung, heute noch als B.Z. im Hause Axel Springer (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/axel-springer/) existent, die Berliner Morgenpost, die er ein Jahr vor seinem Tod auf den Weg brachte. Leopold Ullstein starb 1899. Die Nachrufe würdigten sein verlegerisches Geschick. Die Berliner Zeitung blickte aber auch auf den Anfang zurück und betonte bei aller Konfliktbereitschaft Ullsteins Fairness im Umgang: „Er hatte viele politische Gegner, aber keinen persönlichen Feind.“ Ob das Otto von Bismarck unterschrieben hätte, sei dahingestellt. Lars-Broder Keil hat in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ zum 200. Geburtstag vorgelegt: „Leopold Ullstein. Liberaler und Medienrevolutionär“ (Hentrich & Hentrich Berlin. 92 S., 9,90 Euro)