Am 27. August 1756 erklärte Friedrich II. von Preußen dem englischen Gesandten Andrew Mitchell (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article238466537/Marquise-de-Pompadour-Ueber-ihr-Schlafzimmer-gelang-der-Coup.html) sein militärisches Kalkül: Er werde durch Sachsen marschieren, wo wenig Widerstand zu erwarten sei, anschließend über die Berge nach Böhmen eindringen und Prag besetzen, sodass, „wenn der Winter kommt, er gute Quartiere in Böhmen hat, was die Finanzen in Wien durcheinander und den dortigen Hof vielleicht zur Vernunft bringen wird“. Zwei Tage später setzten sich die preußischen Truppen in Marsch. Aber Friedrichs Plan ging nicht auf. Aus dem schnellen Feldzug wurde der Siebenjährige Krieg (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article202341804/Friedrich-der-Grosse-Wie-Preussen-den-Siebenjaehrigen-Krieg-ueberlebte.html) . Dass der preußische König seine Stärke überschätzte, musste er schon nach wenigen Wochen feststellen. Denn obwohl von seinen Gegnern Russland und Frankreich noch längst nicht (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article169392601/Russen-Oesterreicher-und-Sachsen-pluendern-Berlin.html) aktiv geworden waren, hatte sein Präventivschlag auch Sachsen nicht unvorbereitet getroffen. Ihre 20.000 Mann starke Armee kapitulierte nicht, sondern zog sich unter der Führung von Friedrich Graf Rutowski in ein befestigtes Lager zwischen den Festungen Königstein und Sonnenstein zurück, das Historiker als eine „der taktisch stärksten Stellungen Mitteleuropas“ beschrieben haben. Damit wurde Friedrichs Zeitplan zur Makulatur. Denn für eine erfolgreiche Belagerung fehlten ihm zum einen die Mittel, zum anderen bewies die Armee der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, dass die Reformen, die nach den ersten beiden verlorenen Kriegen um Schlesien (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article222565874/Friedrich-der-Grosse-Warum-er-Maria-Theresia-Schlesien-raubte.html) angestoßen worden waren, Früchte trugen. Bereits am 20. September war Feldmarschall Maximilian Ulysses von Browne, dessen Familie aus Irland stammte, mit 40.000 Mann an der Grenze aufmarschiert und schickte sich an, die Sachsen zu entsetzen. Friedrich, der das Kurfürstentum als Aufmarschgebiet, Nachschubdepot und mögliches Tauschpfand brauchte, schickte seinen schottischstämmigen Feldmarschall Jakob Keith mit einem Teil der Armee gegen die Sachsen, während er selbst mit 28.000 Soldaten gegen Browne in Stellung ging. Als dem König gemeldet wurde, dass bei Lobositz (Lovosice) an der Elbe in Nordböhmen österreichische Truppen ausgemacht wurden, ging er davon aus, es mit Brownes Nachhut zu tun zu haben. Vom Fluss zogen dichte Nebelschwaden auf, als die preußische Kavallerie am 1. Oktober den Befehl erhielt, gegen die Österreicher vorzugehen. Während sich die Regimenter zu Fuß noch Mut antranken, indem sie „ihren kleinen Vorrat an Fusel“, so ein Teilnehmer, der „Courage“ wegen „bis auf den Grund“ leerten, erlebten die Reiter eine böse Überraschung. „Kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reuterery, von der Oesterreichischen geschlagen, und bis nahe unter unsere Kanonen verfolgt zurück“, notierte der Schweizer Ulrich Bräker, der als Grenadier durch falsche Verlockungen in die preußische Armee gepresst worden war und seine Erlebnisse später in seiner Autobiografie „Der arme Mann im Tockenburg“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article-6735d824b0ce946580dff6b5/schlacht-bei-lobositz-die-kugel-schoss-das-gehirn-und-die-hirnschale-in-das-gesicht.html) verarbeitet hat. Erst durch das Zurückweichen seiner Kavallerie erkannte Friedrich, es mit Brownes Haupttruppe zu tun zu haben. Als diese zum Gegenangriff antrat, befahl der König seiner Infanterie, ihre Stellung um jeden Preis zu halten und das Feuer gegebenenfalls auf Freund und Feind zu eröffnen. Er selbst soll in Erwartung einer drohenden Niederlage den Schauplatz kurzfristig verlassen haben. Unterdessen mussten Bräker und seine Kameraden erleben, wie „die Feldschlangen (Geschütze) Mannschaft zu beyden Seiten neben mir wegrafften, und der Wallplatz bereits mit Todten und Verwundeten übersäet war“. Obwohl die Preußen mit 26.000 Mann den 35.000 Österreichern deutlich unterlegen waren, lieferten sich Friedrichs Regimenter an den Weingärten des Loboschberges einen regelrechten Wettlauf mit den Panduren, die die rechte Flanke der Österreicher deckten. Hervorgegangen aus den Milizen der Militärgrenze gegen das Osmanische Reich in Kroatien und Ungarn gehörten diese Verbände inzwischen zu den kampfstärksten Einheiten der kaiserlichen Armee. Die Preußen „marschierten mit freier Brust auf ihren in hohlen Wegen, tiefen Gräben und hinter den Mauern versteckten Feind und mussten jeden Schritt Landes mit dem theuren preußischen Blut erkaufen“, zitiert der Historiker Marian Füssel (verlinkt auf https://www.uni-goettingen.de/de/640300.html) aus den Erinnerungen eines namenlosen Unteroffiziers. Bräker erlebte „ein unbeschreibliches Blutbad“, als vom Loboschberg der Angriff auf das kaiserliche Zentrum begann. „Da mussten wir über Hügel von Todten und Verwundeten hinwegstolpern.“ Schließlich hatte Bräker „fast alle meine 60 Patronen verschossen“, „bis meine Flinte halb glühend war“. Der Mangel an Munition hatte zur Folge, dass die Schlacht in ein blutiges Handgemenge ausartete. „Preussen und Panduren lagen überall durcheinander; und wo sich einer von diesen letztern noch regte, wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen, oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestossen.“ Am Ende verloren die Preußen 2906 Mann, davon 727 Tote, 1879 Verwundete und 300 Gefangene und Deserteure. Browne, dessen Verluste in ähnlichen Größenordnungen lagen, konnte sich in leidlicher Ordnung zurückziehen, was es Friedrich ermöglichte, den Sieg medial für sich zu reklamieren. Wie wenig der Erfolg jedoch bedeutete, zeigte sich wenige Tage später, als der österreichische General mit 8000 Mann einen erneuten Vorstoß unternahm, der nur deswegen ohne Folgen blieb, weil die Sachsen ihre Chance zum Ausbruch nicht erkannten und mangels Vorräten am 14. Oktober vor den Preußen die Waffen streckten. Die Österreicher zogen sich daraufhin nach Böhmen zurück. Mit viel Glück hatte Friedrich durch das Treffen bei Lobositz Sachsen gewonnen, dessen Armee mit Drohungen und Schlägen in die preußische gepresst wurde (viele Soldaten sollten Anfang 1757 desertieren). Sein eigentliches Ziel jedoch, sein Winterquartier in Prag zu beziehen, hatte er verpasst. Für Preußen kam es noch schlimmer. Österreich klagte Preußen vor dem Reichstag in Regensburg wegen Landfriedensbruchs an. Daraufhin erklärte das Reich im Januar 1757 Preußen den Krieg (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article186893606/Siebenjaehriger-Krieg-Reichsexekution-gegen-Friedrich-den-Grossen.html) , wobei Frankreich und Schweden als Garantiemächte des Westfälischen Friedens von 1648 angerufen wurden. „Der König (Friedrich) hatte den Kampf eröffnet; jetzt war er gezwungen, ihn fortzusetzen, und zwar auch dieses Mal wieder unter dem Diktat bedingungsloser Offensive“, folgerte sein Biograf Johannes Kunisch (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kunisch) . Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.