An Sensationen mangelt es bei den diesjährigen French Open weiß Gott nicht. Meist geht es dabei um die Top-Stars der Szene, die ungewöhnlich früh ausgeschieden sind: Jannik Sinner, Novak Djokovic, Aryna Sabalenka, Elena Rybakina oder Coco Gauff. Aber dann ist da doch die eine, die positive Sensation. Die Geschichte dieser Maja Chwalinska, der unbekannten Polin, die sich in Roland Garros plötzlich ins Rampenlicht schmetterte. Auf Platz 114 der Weltrangliste stand sie bei ihrer Anreise an die Seine. Qualifikation hieß das für sie. Drei Matches, um überhaupt erst einmal in das Hauptfeld zu kommen. Drei Siege später hatte die nur 1,64 Meter kleine Schlesierin aus Dąbrowa Górnicza ihr Minimalziel geschafft. Und dann begann er richtig, „Majas Wahnsinn in Paris“, wie die polnische Sportzeitung „Sportowy“ vor dem Finale titelte. Interessiert hat sich anfangs kaum jemand für sie. Ihre Landsfrau Iga Swiatek, 24 Jahre alt wie sie, und die Doppelpartnerin aus der Jugend, die schon viermal in Paris gewann und längere Zeit die Nummer eins der Welt war, nahm natürlich den großen Platz in den polnischen Medien ein. Und auch in den ausländischen, wenn jemand über Tennis in Polen berichtet. Doch spätestens vergangenen Sonntag wurde alles anders. Der letzte Tag im Mai, der letzte Tag für Swiatek bei den French Open. Überraschendes Aus gegen die Ukrainerin Marta Kostyuk. Chwalinska dagegen spielte immer befreiter auf, glänzte mit ihrem unorthodoxen wie unberechenbaren Spiel. Kein Schlag ist wie der andere. „Sie hat dieses Überraschungsmoment, wechselt oft das Tempo. Viele Topspielerinnen sind diesen Stil nicht gewohnt“, sagt Tennis-Ikone Boris Becker. „Immer, wenn es gut lief, verletzte sie sich“, sagt ihr Trainer Wenn man sie spielen sieht, fragt man sich schnell: Wie kann sie auf Rang 114 der Welt stehen? Ihr Trainer Jaroslaw Machowsky hat in der polnischen Tageszeitung „Fakt“ eine Erklärung parat: „Immer, wenn es gut lief, verletzte sie sich. Dann braucht es Zeit, um wieder in Form zu kommen. Nun ist sie gesund.“ Dazu holte sie mit Maciej Ryszczuk den einstigen Fitnesstrainer von Swiatek ins Team. Alles Zahnräder, die ineinandergreifen. Und plötzlich steht sie nach neun Siegen innerhalb von zweieinhalb Wochen im Finale (Samstag, 15 Uhr, Eurosport), wo sie auf die Russin Mirra Andreeva trifft. Beide bestreiten ihr erstes Grand-Slam-Endspiel. Andreeva, gerade mal 19 Jahre alt, traute man das schon länger zu. Oft scheiterte sie an ihren Nerven. Nun aber ist die Nummer acht der Welt die klare Favoritin gegen eine Kontrahentin, die bis vor wenigen Tagen nur Insidern ein Begriff war. Während Andreeva, die im Halbfinale Kostyuk schlug, weiß, dass ein Major-Titel für sie nur eine Frage der Zeit ist, machte Chwalinska keinen Hehl daraus, dass sie es selbst nicht fassen kann, was da gerade abgeht. „Das ist wie ein Traum. Ich weiß nicht, was gerade passiert. Ich bin einfach nur glücklich“, erklärte sie die Sensation. Die ganz großen Gegnerinnen fehlten auf ihrem Weg, so viel steht fest. Aber mit Olympiasiegerin Qinwen Zheng, Elise Mertens, Maria Sakkari, Diane Parry, Anna Kalinskaja und Diana Shnaider stellten sich ihr solide Spielerinnen in den Weg, gegen die sie allesamt Außenseiterin war. Dieser Status störte sie aber nicht, sie zog ihr Ding vor den Augen ihrer Eltern Tomasz und Marcela klassisch durch. Ukraine gegen Russland – dieses Finale wurde verhindert „Gegen die Besten Tag für Tag zu spielen, ist so eine Herausforderung. Manchmal bin ich verrückt. Ich habe aber versucht, ruhig zu bleiben, das ist der beste Weg für mich. Das hilft mir, mein bestes Tennis zu spielen“, sagte sie. Und das wird sie auch brauchen. Andreeva, von Ex-Wimbledon-Siegerin Conchita Martinez betreut, ist reif für den ganz großen Wurf. Ihre Schlagstärke ist beeindruckend, ihr Kampfgeist und ihre Furchtlosigkeit sind es ebenso. Wie sie im Viertel- und Halbfinale Sorana Cirstea und dann Kostyuk auseinandernahm – beeindruckend. „Ich habe sie gesehen, sie hat super gespielt“, analysierte Chwalinska. „Aber ich werde alles geben“, kündigte sie wenig überraschend an. Mit ihrem Einzug ins Finale und dem Sieg von Andreeva gegen Kostyuk wurde ein Endspiel verhindert, das die Organisatoren fürchteten: Ukraine gegen Russland, Kostyuk gegen Shnaider. Die Kämpferin für die Freiheit ihrer geliebten Heimat gegen die offensichtliche Putin-Sympathisantin, die bei Gazprom-Turnieren antritt, dem Konzern, der Millionen in den russischen Krieg pumpt. Es wäre ein Finale gewesen, wie es noch keines gab. Kein gemeinsames Foto vor dem Match, kein Handschlag danach. Wohl auch keine anerkennenden Worte der einen über die andere, wobei Kostyuk betont, auf dem Platz Tennis von der Politik zu trennen. Entsprechend erkannte sie Andreevas Leistung gegen sie auch an: „Sie hat gut gespielt, solide, hat nicht viel verschlagen, ich dagegen schon. Sie hat viel besser aufgeschlagen, ich konnte da nicht viel machen.“ Aber nun kam es anders und die Veranstalter werden darüber nicht traurig sein. Die Geschichte Chwalinskas überstrahlt seit Donnerstagabend ohnehin alles. Eine Frau, die mit dem Tennis im Grunde schon aufgehört hatte, erobert aus dem Nichts die Weltbühne. Depressionen überkamen sie. 2021 ließ sie den Schläger fallen, für satte eineinhalb Jahre. „Am Anfang versuchte ich mir einzureden, dass ich einfach stark und ausdauernd sein und weitertrainieren müsse, aber irgendwann konnte ich einfach nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Ich fühlte mich völlig ausgelaugt. Da wurde mir klar, dass ich eine Pause machen musste. Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder Tennis spielen würde. Ich kam aber zurück und bin sehr glücklich darüber.“ So ist sie erst die zweite Qualifikantin nach Emma Raducanu 2021 bei den US Open, die ein Grand-Slam-Finale erreichte. Die Britin gewann damals den Titel. Gelingt das auch Chwalinska, würde sie am Montag auf Rang 14 der Weltrangliste stehen. 100 Plätze besser als an dem Tag, als sie in Paris zur Reise ihres Lebens ansetzte.