Welt 23.09.2026
12:21 Uhr

18-Jähriger Syrer zeigte Hitlergruß vor Synagoge – Nun beklagt er sich über sein fehlendes Wahlrecht


Er soll einen Juden bedroht und beleidigt haben. Wenige Wochen später forderte derselbe 18-Jährige aus Syrien öffentlich mehr politische Mitbestimmung für Ausländer. Eine Linken-Politikerin findet das nachvollziehbar.

18-Jähriger Syrer zeigte Hitlergruß vor Synagoge – Nun beklagt er sich über sein fehlendes Wahlrecht

In Berlin werden im Schnitt sieben antisemitische Vorfälle pro Tag (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article256142832/Schlaege-Tritte-Anspucken-Sieben-Angriffe-am-Tag-Meldestelle-zaehlt-doppelt-so-viele-Faelle-von-Antisemitismus-in-Berlin.html) registriert. Einer sorgt nun erneut für bundesweite Schlagzeilen. Denn ausgerechnet der Mann, der Ende Juli vor einer Synagoge einen Juden mit dem Tod bedroht und auf Video den Hitlergruß gezeigt haben soll, trat wenige Wochen später in einem Zeitungsbericht auf, um mehr politische Mitbestimmung zu fordern. „Weil auch Ausländer ein Recht haben, zu wählen. Weil die hier auch leben und arbeiten“, soll sich Jihad A. in einem Bericht des „Tagesspiegel“ über Erstwähler beklagt haben. Nach Recherchen der „B.Z.“ (verlinkt auf https://www.bz-berlin.de/polizei/jihad-a-polizei-bestaetigt-verbindung-zum-antisemitischen-vorfall-6ab2560bb1857e86757aaa59) handelt es sich dabei um denselben jungen Mann, der am 25. Juli vor der Synagoge der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte aufgefallen sein soll. Damals war der Gemeindevorsitzende Pavel Lyubarsky auf dem Weg zum Schabbat-Gottesdienst nach eigenen Angaben antisemitisch beleidigt und bedroht worden. Lyubarsky berichtete, ein junger Mann habe ihm „Fuck Jews!“ und „I will kill you!“ zugerufen. Jihad A. soll daraufhin von Teilnehmern einer Mahnwache vor der Synagoge gefilmt worden sein. In den Videos, die in sozialen Netzwerken verbreitet wurden, ist ein junger Mann zu sehen, der mehrfach den Hitlergruß zeigt. Die Berliner Polizei soll den Mann daraufhin erkennungsdienstlich behandelt haben, auch davon gibt es Fotos, die online gestellt wurden. Der Staatsschutz habe die Ermittlungen übernommen, heißt es. Laut „B.Z.“ bestätigte die Berliner Polizei die übereinstimmenden Personalien bei beiden Vorfällen. WELT hat bei der Berliner Staatsanwaltschaft und der Berliner Polizei nachgefragt, ob diese Angaben stimmen. Eine Antwort steht allerdings noch aus. Auch die jüdische Gemeinde wurde um eine Stellungnahme gebeten. Der „Tagesspiegel“ hat inzwischen reagiert und die entsprechende Passage mit den Aussagen des 18‑Jährigen entfernt. „Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels kam ein junger Mann zu Wort, der – wie wir erst später erfahren haben – in der Vergangenheit einem Vorstandsmitglied einer jüdischen Gemeinde auf der Straße den Hitlergruß gezeigt haben soll“, heißt es in dem Posting eines Redakteurs. „Dieser Zusammenhang war uns bei der Veröffentlichung nicht bewusst. Wir haben die entsprechende Passage jetzt entfernt, weil wir ihm keine politische Plattform bieten wollen.“ Die Redaktion wolle nun in der Angelegenheit weiter recherchieren, heißt es auch in einer Stellungnahme auf WELT-Nachfrage. Öffentlich gemacht worden war der Fall zuvor von Shlomo Afanasev, Ratsmitglied und Gründungsmitglied der betroffenen jüdischen Gemeinde. Er schrieb auf der Plattform X dazu (verlinkt auf https://x.com/ShlomoAfanasev/status/2102301245465661843) : „Der Mann, der auf den Aufnahmen mit Hitlergruß zu sehen ist, taucht nun in einem Artikel des ,Tagesspiegels‘ auf und beklagt dort, dass er nicht wählen darf.“ Weiter erklärte er: „Eine Demokratie lebt von Freiheit und Rechten, aber ebenso von Verantwortung.“ In dem „Tagesspiegel“-Artikel wird Jihad A. als 18-jähriger Syrer aus Moabit vorgestellt. Auf dem Foto trägt er dieselbe Kappe sowie ein markantes Bärtchen wie in den Videos vor der Synagoge. Der Reporter traf ihn demnach bei einer Informationsveranstaltung zur Berlin- Wahl in einem Neuköllner Jugendclub namens „Burger Talk“ (verlinkt auf https://berlin-jugendarbeit.com/events/burger-talk/) , auf der sich Kandidaten der verschiedenen Parteien vorstellten. Bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin durften zum ersten Mal Jugendliche ab 16 Jahren ihre Stimme abgeben. Nachdem die Linken-Kandidatin Kerstin Wolter ihre Positionen vorstellte, meldete sich der 18‑Jährige laut „Tagesspiegel“ in der Fragerunde zu Wort. Er habe berichtet, bereits seit elf Jahren in Deutschland zu leben, aber lediglich einen Aufenthaltstitel zu besitzen. Deshalb sei er von der Berliner Abgeordnetenhauswahl ausgeschlossen, obwohl er gerne seine Stimme abgeben würde. Er halte es für ungerecht, nicht wählen zu dürfen, und habe die Kandidatin gefragt: „Was kann man dagegen machen?“ Die Linken-Politikerin Wolter antwortete mit Verständnis für die Situation des 18-Jährigen, wie ein online verfügbarer Videostream der Veranstaltung belegt (verlinkt auf https://www.youtube.com/watch?v=dcCj80ZVrKc) . Deshalb sprach sie sich für schnellere und einfachere Einbürgerungsverfahren aus. „Ich glaube, das gehört zu einer Demokratie einfach dazu, dass Menschen, die hier arbeiten und zur Schule gehen, auch hier wählen dürfen.“