65 Jahre ist das Étienne Davignon zur Last gelegt Kriegsverbrechen her: Weil er bei der Ermordung des ersten Premierministers des Kongos, Patrice Lumumba, mutmaßlich eine Rolle gespielt hat, muss der ehemalige belgische Spitzenpolitiker vor Gericht. Die Ratskammer in Brüssel entschied, dass der heute 93-jährige Davignon sich einem Strafprozess stellen muss, wie die belgische Nachrichtenagentur Belga berichtet.
Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft beantragt, dass Davignon unter anderem wegen bestimmter Formen der Beteiligung an Kriegsverbrechen und unrechtmäßiger Freiheitsberaubung vor das Strafgericht treten muss.
Konkret geht es um die Rolle Davignons bei der Ermordung Lumumbas 1961. Der erste Ministerpräsident des 1960 von Belgien unabhängig gewordenen Kongo wurde nach seinem Sturz erschossen. Vorwürfen zufolge sollen dabei Belgien und die USA ihre Finger im Spiel gehabt und Davignon als junger belgischer Diplomat eine Rolle gespielt haben. Belgien war unter Leopold II. Kolonialmacht im Kongo und regierte mit brutalsten Methoden.
Premierminister Lumumba im Juli 1960
Foto: APEin Sohn Lumumbas hatte vor etwa 15 Jahren eine Klage gegen rund ein Dutzend Belgier eingereicht, die seiner Ansicht nach mit dem Tod in Verbindung gestanden haben könnten. Davignon, der von 1977 bis 1985 EU-Kommissar und auch Vizepräsident der Behörde war, ist der einzige Angeklagte, der noch lebt.
Lumumbas Enkelin zeigt sich zufrieden
»Es ist ein Schritt in die richtige Richtung«, sagte Lumumbas Enkelin Yema Lumumba der Nachrichtenagentur Reuters angesichts des bevorstehenden Prozesses. »Wir wollen die Wahrheit ans Licht bringen und die Verantwortlichkeiten klären.«
Patrice Lumumba galt als charismatische Sozialist und wird vielerorts noch heute als eine Symbolfigur afrikanischer Unabhängigkeit verehrt. Obwohl seine Regierung nur drei Monate Bestand hatte, wurde er zu einer Ikone des Antikolonialismus, als die afrikanischen Nationen in den Sechzigerjahren nach Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialstaaten strebten.
Am 17. Januar 1961 starb Patrice Lumumba, der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident Kongos, durch die Kugeln eines Exekutionskommandos, barfuß und ohne Brille, zuvor gefoltert, in einer Waldschneise in der Provinz Katanga im Süden des Landes. Lesen Sie hier mehr über den Fall und die mutmaßliche Beteiligung Étienne Davignons.
