Justin:
»Ich war mir eigentlich sicher, dass ich in dem Moment sterben werde. Es war so, als würde mein Herz sozusagen aus der Brust springen.«
Sarah:
»Im Nachhinein, wenn ich mir Fotos von dem Tag angeschaut habe, so todesbleich im Gesicht... Ich dachte, ich komme da nie wieder raus.«
Vapen ist in. Doch was harmlos wirkt, kann enden wie bei Justin und Sarah. E-Zigaretten sehen auf den ersten Blick aus wie bunte Stifte, mit Aromen wie Apfel, Wassermelone, Minze oder Cola. Doch seit Monaten warnen Experten vor illegal zusammengepanschten Flüssigkeiten, die mit Vapes verdampft werden können.
Polizei Hof, Aufklärungsvideo:
»Immer häufiger stellen wir unter den Jugendlichen sogenannte Liquids fest, die unter dem Namen ›Görke‹, ›Baller-Liquids‹ oder ›Zombieliquids‹ kursieren.«
Justin dachte, das Liquid, das er mit seiner Vape verdampfte, sei harmlos – endete aber mit einem Krampfanfall im Krankenhaus. Auch Sarah hat die Wirkung von »Baller-Liquids« völlig falsch eingeschätzt.
Sarah:
»Wir waren in der Raucherecke und da habe ich das halt angeboten bekommen unter der Aussage: Ja, das ist wie Cannabis. Und dann habe ich das geraucht.«
»Baller-Liquids« sind so gefährlich, weil sie synthetische Cannabinoide enthalten. Die ahmen die Wirkung von natürlichem Cannabis nach, können aber hundertfach stärker wirken. Drogenproduzenten kaufen die nötigen Chemikalien häufig über Onlineplattformen aus Asien. In illegalen Hinterhoflaboren panschen sie diese dann zusammen. Die Cannabinoide werden mit Vape-Flüssigkeit und Aromen vermischt, in Flaschen abgefüllt und verkauft. Und das längst nicht mehr nur in dunklen Straßenecken, aber dazu später mehr.
Eine Realschule im ländlichen Bayern, das Fichtelgebirge ist näher als eine Großstadt. Hier kollabierte ein Schüler, nachdem er auf dem Schulhof ein illegales »Baller-Liquid« geraucht haben soll.
Birgit Großekathöfer, SPIEGEL:
»Hast du schon mal etwas von ›Baller-Liquids‹ gehört?«
Schülerin:
»Ja, tatsächlich schon. Die sind auf jeden Fall gefährlich. «
Schüler:
»Zum Beispiel meine Nachbarin von unten hat das genommen und dann kam der Krankenwagen und hier an der Schule war auch schon mal was.«
Birgit Großekathöfer, SPIEGEL:
»Habt ihr schon mal mitbekommen, dass es einem richtig schlecht ging danach?«
Schülerin:
»Ja, und dann kam halt der Krankenwagen.«
Schülerin:
»Ist umgekippt und dann kamen Jugendamt und Krankenwagen.«
Carolin Stuhlmüller, Schulleitung:
»Guten Morgen!«
Für die Schulleitung und das Kollegium ein Schock. Das Rauchen von Vapes ist auf dem gesamten Schulgelände verboten.
Carolin Stuhlmüller, Schulleitung:
»Wir haben auch den Eindruck, dass auch die Eltern nicht alle über die Risiken aufgeklärt sind. Dass die Eltern auch nicht alles wissen, was ihre Kinder treiben. Das kommt dann erst durch so einen Zufall erst zu Tage. Aber es trifft einen immer wieder hart und man ist immer wieder erstaunt, wie einem das persönlich zusetzt.«
Stefanie Vollert, Kriminalhauptkommissarin:
»Guten Morgen!«
Carolin Stuhlmüller, Schulleitung:
»Ich grüße Sie. Herzlich willkommen!«
Heute kommt Besuch von der Polizei: Kriminalhauptkommissarin Stefanie Vollert klärt eine 8. Klasse über illegale Drogen auf. Seit sich in Bayern Fälle häufen, bei denen Jugendliche nach dem Konsum von »Baller-Liquids« im Krankenhaus landen, widmet sie dem Thema eine ganze Schulstunde.
Stefanie Vollert, Kriminalhauptkommissarin:
»Ich bin nicht da, um ihnen zu sagen, wie schlimm alles ist, sondern sie aufzuklären, wie sieht es rechtlich, gesundheitlich aus. Und vor allen Dingen, was es für ihren weiteren Lebensweg bedeutet, wenn ich Einträge habe und dann vielleicht eine Arbeitsstelle suche, was es zu Hause für Probleme geben kann, wenn ich etwas konsumiere, im Freundeskreis. Also dieses ganze Drumherum.«
Der Konsum von Mehrweg-Vapes unter Jugendlichen hat sich zwischen 2021 und 2025 bei den Mädchen vervierfacht, bei Jungen hat er sich mehr als verdoppelt.
Stefanie Vollert, Kriminalhauptkommissarin:
»Diese normalen Vapes sind ja schon ein Riesenproblem und dann natürlich auch jetzt diese ›Baller-Liquids‹, ›Liqui‹, ›Görke‹, ›Zombie-Liquids‹, wie man das Ganze nennt. Das ist für mich wichtig, dass ich euch nochmal erkläre, was ist das genau, weil man hört ja immer viel, weiß aber gar nicht, was das richtig ist. Und nachdem das hier bei euch auch an der Schule war, ist das ganz gut, euch aufzuklären, damit ihr wisst, worum es denn da geht.«
Zieht man an der Vape, wird die Flüssigkeit verdampft. Über die Lunge erreicht der Stoff blitzschnell das Gehirn. Die Folge: ein kurzer, intensiver Rausch der ballert, starke Euphorie oder Betäubung. Aber auch: Plötzliches Wegtreten, Herzrasen, Erbrechen, Angstattacken oder ein Kreislaufkollaps, der tödlich enden kann. Nach etwa 15 bis 30 Minuten ist der akute Rausch vorbei, deshalb legen viele der Konsumenten sofort nach, was schnell in die Abhängigkeit führen kann.
Heute sind die Möglichkeiten, an Drogen zu kommen, besonders leicht, vor allem über Social Media. Hier werden die Liquids auffällig und gezielt von Dealern für Jugendliche beworben. Bestellen kann man ganz bequem online – mit nur einem Klick vom Kinderzimmer aus.
Justin:
»Es ist egal, ob Sie jetzt in der Großstadt sind oder auf dem Dorf sind. Es gibt überall das schwarze Schaf, dass das verteilt so.«
Sarah:
»Man bekommt es überall. Das ist wirklich gar nicht schwierig. Das ist so, als würde ich in den Supermarkt gehen und Käse kaufen.«
Der Handel mit Drogen ist bei Instagram und TikTok verboten.
Ausschnitt Tiktok-Video:
»Wir erlauben nicht, dass Werbeinhalte und Landingpages, die illegale Drogen anzeigen, bewerben, verkaufen, dafür werben oder Zugang zu ihnen zu gewähren.«
In der Praxis heißt das: Plattformen versuchen solche Beiträge sofort zu löschen und die verantwortlichen Accounts zu sanktionieren. Aber nicht jeder problematische Beitrag wird erkannt.
Zurück im Klassenzimmer: Auch normale Vapes schaden der Gesundheit und können süchtig machen. Kriminalhauptkommissarin Vollert zeigt den Schülerinnen und Schülern, woran sie möglicherweise illegale Liquids erkennen können.
Stefanie Vollert, Kriminalhauptkommissarin:
»Wie funktioniert jetzt hier so ein Fläschchen? Ihr seht da außen rum ein Label, also ein Papier, da steht vieles drauf. Das ist bei uns so gesetzlich vorgegeben. Wie viele Milliliter da drin sind, welche Geschmacksrichtung. Hier haben wir Eisbonbon zum Beispiel. Und was ist jetzt unterwegs, was ist seit ungefähr einem Dreivierteljahr bei uns hier das Problem? Diese »Baller-Liquids«, dieses »Licky«, dieses »Zombie-Liquid«, dieses »Görke«, das sind alles gemischte Liquids, die man nicht in einem Geschäft kaufen kann. Sondern die muss man unter der Hand irgendjemanden abkaufen. Natürlich, dadurch, dass die ja illegal zusammengemischt werden, ist da kein Label außenrum. Das heißt, dass da nicht draufsteht, was da drinnen ist und wie giftig das ist oder um was es sich da genau handelt.«
Aufklärung statt Mathe – den Achtklässlern gefällt das.
Schüler:
»Das war spannend. Ich fand das auch gut, das mal aus anderer Sicht zu sehen, von der Polizei zum Beispiel. Man konnte viel mitnehmen.«
Schüler:
»Ich fand, das war aufklärend und ja, ich bin mir jetzt um einiges bewusster, was das angeht.«
Stefanie Vollert, Kriminalhauptkommissarin:
»Der Tag ist zu Ende, aber ich denke trotzdem, dass ich ganz schön viel vermitteln konnte. Die Jugendlichen haben gut mitgemacht. Rundum gelungen, wobei Prävention ja nicht messbar ist, aber ich tu' mein Bestes.«
Auch Justin und Sarah wollen Jugendliche erreichen, deswegen haben sie sich entschieden, ihre eigene Suchtgeschichte öffentlich zu machen – mit einer klaren Botschaft:
Justin:
»Das ist auch einer der Hauptgründe, warum ich jetzt hier bin: Vor allem, damit auch die Jüngeren mal hören, es ist nicht das, was erzählt wird, was drin ist. Es ist nicht cool diesen ganzen Scheiß zu dampfen, nur weil jeder auf dem Schulhof diesen Scheiß dampft. Auch wenn ich selbst einer von denen war, aber heute würde ich das keinem empfehlen. Gerade deswegen versuche ich auch ein bisschen aufzuklären, was so was angeht: Ey, scheiß' darauf, was die anderen sagen, mach' lieber dein Ding.«
Justin und Sarah versuchen mittlerweile auf ihren eigenen Social-Media-Accounts Aufklärungsarbeit zu leisten. Also da, wo die Gefahr am größten ist.
