Eine türkische Verbrecherbande war womöglich an dem Brandanschlag auf ein Starlink-Terminal in Polen beteiligt. Nach Informationen des SPIEGEL führt eine Spur zu den »Daltons«, einer türkischen Gruppe der Organisierten Kriminalität, die auch in Deutschland aktiv ist. Das bestätigten voneinander unabhängige Quellen aus mehreren Ländern. Mitglieder der Bande könnten die gezielte Sabotageaktion demnach im Auftrag russischer Geheimdienste verübt haben.
Die Station des satellitengestützten Internetdienstes in Zentralpolen war am 23. September in Brand geraten. Die mithilfe von Starlink übermittelten Internetdaten spielen eine zentrale Rolle für die Ukraine, deren Armee damit ihre Verteidigungsanstrengungen im russischen Angriffskrieg koordiniert.
Die polnische Regierung bezeichnete den Brand als gezielte Sabotageaktion und machte Russland verantwortlich. Am Montag wurden dann nach einem polnischen Rechtshilfeersuchen und aufgrund europäischer Haftbefehle im baden-württembergischen Nürtingen zwei türkische Staatsbürger festgenommen. Die polnischen Behörden werfen ihnen vor, an dem Anschlag auf das Starlink-Terminal beteiligt gewesen zu sein.
Nach Informationen des SPIEGEL handelt es sich bei den Festgenommenen um den 38-jährigen Ümit E. und den 34-jährigen Müslüm T. Das Oberlandesgericht Stuttgart muss in Kürze über ihre Auslieferung nach Polen entscheiden.
Aus mehreren Sicherheitsbehörden verlautete, die Männer gehörten womöglich zu den »Daltons« oder könnten zumindest von Anhängern der Bande beauftragt worden sein. Die »Daltons« hätten den Auftrag zur Durchführung des Anschlags wiederum möglicherweise von russischen Geheimdiensten erhalten.
Die »Daltons« gelten als eine der europaweit schlagkräftigsten Banden der Organisierten Kriminalität . Ihre Mitglieder treten seit Jahren nicht nur in ihrem Heimatland, sondern auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern in Erscheinung, unter anderem mit Schutzgelderpressungen, Waffenhandel und Auftragsmorden.
Der mutmaßliche Anführer der »Daltons«, Beratcan Gökdemir, wurde 2024 in Russland festgenommen. Die Türkei forderte seine Auslieferung. Nach Informationen aus deutschen Sicherheitsbehörden ließ Russland den mutmaßlichen Bandenchef aber gewähren und protegierte ihn sogar. Experten vermuteten, der Kreml habe dafür womöglich eine Gegenleistung der »Daltons« erwartet. Ob Gökdemir sich weiterhin in Russland aufhält, ist unklar.
»Warnung vor Sabotage- und Tötungsoperationen«
Die Bundesregierung und Vertreter der Sicherheitsbehörden hatten bereits vor Monaten gewarnt, Russland könne für Sabotageaktionen auf Banden der Organisierten Kriminalität zurückgreifen. Das Bundesinnenministerium teilte im Mai auf Anfrage der Grünen mit, die »Zusammenarbeit russischer Stellen mit Akteuren der Organisierten Kriminalität« biete sich insbesondere bei Aktivitäten wie »Sabotage- oder Tötungsoperationen« an.
Bisher hatten russische Dienste bei Sabotageaktionen in Deutschland und anderen europäischen Ländern neben hauptamtlichen Agenten vor allem auf sogenannte Low-Level-Agenten gesetzt. Dazu zählten etwa Kleinkriminelle, die für wenig Geld und ohne Kenntnis über Hinterleute, Tragweite und Ziele der Operationen kleinere Aufträge erledigten.
Sollten sich die Informationen bewahrheiten, dass bei dem Anschlag auf das Starlink-Terminal in Polen auch Anhänger der »Daltons« involviert waren, würde das für einen Strategiewechsel russischer Dienste sprechen. Im September war auch eine Starlink-Station in Bulgarien in Brand geraten.
Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Sinan Selen, hatte – ohne Russland namentlich zu nennen – erst am Montag vor einem »wachsenden Bedrohungspotenzial« gewarnt. Dafür werde »das gesamte Instrumentarium an Angriffsmitteln und Akteuren kombiniert und koordiniert eingesetzt«, sagte Selen. »Tote werden in Kauf genommen, schwere Schäden gezielt beabsichtigt.«

