Von einem Schock kann keine Rede mehr sein. 25 Jahre nach der ersten Pisa-Studie fallen die Leistungen der 15-Jährigen in Deutschland im Lesen, in Mathematik und Naturwissenschaften noch schlechter aus als damals. Viele reagieren danach entsetzt, aber – anders als 2001 – kaum noch überrascht. Die Ergebnisse seien »für Deutschland dramatisch« , erklärte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU). Zu viele Jugendliche erreichten nicht die erforderlichen Basiskompetenzen. Gleichzeitig hänge der Bildungserfolg weiter viel zu stark von der sozialen Herkunft ab.
Es gehe um Fragen »gesellschaftlicher und ökonomischer Teilhabe«, darum, ob das »Aufstiegsversprechen in unserem Land« noch funktioniere. »Es funktioniert im Moment nicht«, so Prien. Anlass für eine schulpolitische Trendwende sieht Prien allerdings nicht.
»Wir kennen die Antworten«
Anders als beim Pisa-Schock vor 25 Jahren »haben wir heute einen Plan, jeder in seiner Verantwortung«, erklärte die Ministerin. »Anders als damals kennen wir heute die Antworten und müssen sie konsequent und nachhaltig umsetzen.« Prien verwies unter anderem auf das kürzlich verabschiedete Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz für Kitas, mit dem die frühkindliche Bildung gestärkt werde. Man müsse künftig auch im Sinne von Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit dafür sorgen, »dass jedes Kind seine Potenziale entfalten kann«. Dafür brauche es aber keinen »kurzfristigen Aktionismus, sondern einen langfristigen gemeinsamen Kurs«.
Prien erklärte, die Schulen in Deutschland stünden vor erheblichen Herausforderungen. »Die Schülerschaft hat sich verändert, keineswegs nur durch Zuwanderung, sondern auch durch Erziehungsmethoden, durch die Art und Weise, wie Familien leben, die Anzahl der Alleinerziehenden, den Einfluss von Bildschirmzeiten und durch Social Media«, sagte die CDU-Politikerin. Schulen müssten heute viel mehr für Bindung und Erziehung leisten als früher. »Es nützt aber nichts, darüber zu lamentieren. Das ist die Realität, und darauf muss sich das Schulsystem insgesamt besser einstellen.«
Dorothee Feller, Schulministerin in Nordrhein-Westfalen (CDU)
Anna Stolz, amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Kultusministerin in Bayern, verteidigte den bisherigen Kurs im Freistaat. »Bereits nach den letzten Ergebnissen haben wir sofort gehandelt«, erklärte die Ministerin. So seien die Fächer Deutsch und Mathematik über die vier Schuljahre in der Grundschule um sechs Wochenstunden aufgestockt worden. »Rund eineinhalb Jahre vor der Einschulung erheben wir verbindlich den Sprachstand und schließen bei Förderbedarf eine verpflichtende Sprachförderung an«, ergänzte Stolz.
Amtskollegin Dorothee Feller, Schulministerin in Nordrhein-Westfalen, räumte ein, dass die Ergebnisse für Deutschland erschreckend schwach seien. Zwar liege Deutschland in einigen Bereichen über EU-Durchschnitt, das jedoch nur, weil sich viele EU-Staaten noch deutlich stärker verschlechtert hätten, so die Ministerin: »Unser Anspruch muss ein anderer sein.« Auch sie hat nach eigener Einschätzung bereits die nötigen Schritte unternommen. »Wir haben in Nordrhein-Westfalen bereits passgenaue Maßnahmen eingeleitet, um die Trendumkehr zu schaffen.«
Feller mahnte Geduld an: »Ich habe immer gesagt, dass wir einen langen Weg vor uns haben und davor gewarnt, zu hohe Erwartungen an die nächsten Schulleistungsstudien zu knüpfen.«
Ties Rabe, ehemaliger Schulsenator in Hamburg (SPD)
Weniger gelassen gab sich Hamburgs ehemaliger Schulsenator Ties Rabe: »Wir müssen mehr tun«, mahnte Rabe. Der frühere Präsident der Kultusministerkonferenz hatte mit seinen politischen Maßnahmen in der Hansestadt tatsächlich dafür gesorgt, dass sich die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler verbessert hatten.
Nun empfiehlt er aus dem politischen Ruhestand heraus ein »Sofortprogramm«: Dazu gehören aus seiner Sicht Extra-Sprachförderung im Vorschulalter, in der Grundschule etwa tägliches Lesen und deutlich mehr Deutsch- und Matheunterricht, kostenlose Nachhilfe für Fünferkandidaten sowie Verbesserung der Unterrichtsqualität durch Hospitationen unter Kolleginnen und Kollegen und Inspektionen der Schulaufsicht. »Diese Reformen kosten kaum Geld, erfordern keinen Umbau des Schulsystems, können in kürzester Zeit umgesetzt werden und erzielen nachweislich große Erfolge«, so Rabe.
»Schuldzuweisungen an Lehrkräfte« brächten nicht weiter
Die Forderungen des Deutschen Philologenverbands (DPhV) gehen in eine ähnliche Richtung. Allerdings warnte die Interessenvertretung der Gymnasiallehrkräfte davor, die Verantwortung an Schulen und Lehrkräfte zu delegieren. »Schuldzuweisungen an Lehrkräfte und an das deutsche Schulsystem haben uns bisher keinen einzigen Schritt vorangebracht«, sagte die Vorsitzende Susanne Lin-Klitzing.
Die Opposition übte harsche Kritik an der deutschen Bildungspolitik in den vergangenen Jahren. Die neuen Pisa-Zahlen seien »die Quittung für jahrzehntelanges bildungspolitisches Versagen«. Wer wie Prien ein »selektives Schulsystem« konserviere, in dem der Geldbeutel der Eltern über den Bildungserfolg entscheide, habe aus Pisa bisher nichts gelernt, kritisierte Nicole Gohlke, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke im Bundestag und Sprecherin für Bildung und Wissenschaft.
Gohlke forderte, Prien müsse »in die Menschen investieren, die unsere Kinder jeden Tag bilden, und damit aufhören, Vierjährige zu vermessen«. Die Politikerin spielte damit etwa auf das neue Kitagesetz an, das verbindliche Sprachtests für Kitakinder vorsieht. Kitaverbände betonen immer wieder, dass ihnen personelle Kapazitäten fehlen.
Präsidiumsbeschluss der SPD
Die SPD brachte einen Vorschlag ein, woher zusätzliches Geld für die Bildung kommen soll: Die Partei forderte angesichts der desaströsen Ergebnisse einen höheren Beitrag vermögender Menschen. »Was für Schule, Ausbildung und Studium gilt, muss auch für den ersten Bildungsort gelten: Der Zugang darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen«, heißt es in einem Präsidiumsbeschluss, aus dem die »Neue Osnabrücker Zeitung« (NOZ) zitiert. »Um die Länder zu stärken, die maßgeblich für Bildung zuständig sind, wollen wir millionenschwere Vermögen und sehr große Erbschaften stärker in die Verantwortung nehmen«, heißt es demnach in dem SPD-Beschluss.
Aufstiegsversprechen einlösen
Wirtschaftsvertreter betonten, wie wichtig bessere Leistungen und mehr Chancengerechtigkeit für Deutschland als Wirtschaftsstandort seien. Die Pisa-Studie habe »dem Land der Dichter und Denker schon wieder einen blauen Brief geschickt«, erklärte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Er mahnte: »Dieses Mal muss die Politik Konsequenzen ziehen.« Man müsse »Bildung vom Ergebnis her denken: Jedes Kind muss die Schule mit dem Rüstzeug für Ausbildung, Studium und Beruf verlassen.« Dieses Aufstiegsversprechen müssten Bund und Länder einlösen, und zwar »verbindlich, messbar und unabhängig von Herkunft oder Wohnort«, forderte Dulger.
Auch der Leiter des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik, Ludger Wößmann, warnte vor den wirtschaftlichen Folgen der schlechten Pisa-Leistungen. Der Rückgang der Mathematik- und Leseleistungen seit der letzten Studie von 2022 entspreche langfristig einem durchschnittlichen Verlust im Erwerbseinkommen von drei bis vier Prozent. Im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau von 2018 seien es sogar neun bis zehn Prozent.
»Es ist auch nicht beruhigend«, so Wößmann, »dass viele andere westliche Länder ebenfalls Rückgänge zu verzeichnen haben. Das bedeutet nur, dass dort der Wohlstand ebenfalls gefährdet ist – zumal die Leistungen in vielen ostasiatischen Ländern uns mehrere Schuljahre voraus sind.«
Das Bündnis Bildungswende JETZT warnte davor, die Ergebnisse nur »als kurzen Moment der Betroffenheit zu behandeln«. Die bundesweite Initiative von Lehrkräften, Eltern, Erziehern und anderen Akteuren forderte ein grundlegendes Umdenken in der Bildungspolitik. »Die Frage ist, ob die Politik dieses Mal zusätzlich zum Aufschrei endlich bereit ist, die Bildungskrise wirklich zu lösen«, erklärte Sprecherin Janne Schmidmann. »Die Bildungskrise ist eine Demokratiekrise, und wer unsere Zukunft ernst nimmt, muss endlich in die Bildung investieren.« Für den 19. September hat das Bündnis zu bundesweiten Demonstrationen aufgerufen.
Eine Analyse zu den Pisa-Ergebnissen lesen Sie hier .
