Vernichtende Ratschläge aus Bayern
Kaum neigen sich die Sommerferien auch in Bayern ihrem Ende zu, zeigt sich Markus Söder demonstrativ arbeitsbereit und tatendurstig. Der CSU-Chef veranstaltet seit gestern Abend eine Klausurtagung mit dem Parteivorstand. Aber wenn man unter dem Wort »Klausur« versteht, dass da in aller Stille und hinter verschlossenen Türen beraten wird, dann ist das wohl etwas missverständlich. Denn still und verschlossen ist der bayerische Ministerpräsident eigentlich nie. Man darf das also nicht so wörtlich nehmen.
CSU-Chef Markus Söder: gönnerhafte Ratschläge
Foto: Sven Hoppe / dpaLeicht misszuverstehen ist auch, was Söder am Sonntag in der »BamS« mitgeteilt hat. »Söder stellt sich hinter Merz«, war danach zu lesen, und »Söder stärkt Merz den Rücken«. Tatsächlich hat der CSU-Chef zwar die Frage, ob Friedrich Merz noch der richtige Regierungschef sei, mit »Ja, er steht zu den Reformen« beantwortet. Und er hat auch gesagt, dass die CSU den Kanzler jedenfalls nicht stürzen werde, aber für die CDU sei er nicht zuständig (mehr hier ).
Gleich danach gibt Söder dem Merz gönnerhafte Ratschläge, als wäre der sein Lehrling und habe gerade seine allererste Arbeit abgeliefert. Zwar völlig unbrauchbar, aber man will den Anfänger ja nicht entmutigen: »An einigen Stellen« könne Merz sowohl seine Arbeit als auch seine Kommunikation »optimieren«, sagt Söder. Und »es müsste vielleicht auch mal darüber nachgedacht werden, ob die Pressearbeit im Kanzleramt »verstärkt werden kann«. Das klingt nur wie ein freundlicher Rat. Ist aber vernichtend.
Zur CSU-Klausurtagung hat Söder Michael Kretschmer von der CDU eingeladen, den Ministerpräsidenten von Sachsen. Kretschmer sprach aus, was Söder dann doch nicht so direkt sagen kann: »Es braucht dieses CSU-Gen in dieser aktuellen Phase«, sagte Kretschmer, es gehe darum, auf die Menschen zuzugehen und zu verstehen, was sie wollten. Und Söder, sagte Kretschmer, sei dafür ein Paradebeispiel. Es mag also schon sein, dass Söder hinter Merz steht. Aber womöglich nur, damit er am schnellsten in der ersten Reihe steht, wenn der Bundeskanzler fällt.
Mehr Hintergründe hier: In der CDU geht die Angst um
Heute ein Eisbär
Noch ist Friedrich Merz aber im Amt. Und während sich Markus Söder in München warmläuft, weilt der Kanzler heute in der Eiseskälte. Er ist nach Finnland an den Polarkreis gereist, um dort beim EU-Arktisgipfel mit anderen europäischen Regierungschefs über die gemeinsame Verteidigungsstrategie zu beraten. Der Nordosten der EU grenzt hier in Lappland direkt an Russland, da sind wir Auge in Auge mit Wladimir Putin. Und auf Grönland, weiter oben im Norden, wirft bekanntlich Donald Trump begehrliche Blicke.
Friedrich Merz bei der Ankunft in Rovaniemi, Finnland
Foto: Michael Kappeler / dpaEs ist noch gar nicht so lange her, da galt der Klimawandel als größtes Problem der Arktis. Die letzte Arktisstrategie der EU stammt aus dem Jahr 2021, darin lag der Akzent noch auf Umweltschutz. Seither haben sich die Prioritäten dramatisch verschoben, die Arktis ist heute vor allem ein geostrategisch bedeutendes Gebiet.
Der Klimawandel spielt zwar noch eine Rolle, aber auch da hat sich der Zusammenhang geändert: Weil das ewige Eis eben doch nicht so ewig ist, sondern schmilzt, tun sich neue Routen für Handels- und Kriegsschiffe auf (mehr hier ). Und es wird möglich, an Rohstoffe heranzukommen, die vorher außer Reichweite waren. All das hat, als dritte Bedrohung, auch das Interesse Chinas geweckt. Das ist zwar alles nicht schön. Aber für Merz trotzdem eine Gelegenheit, sich zur Abwechslung mal nicht mit seinem AfD-Problem beschäftigen zu müssen, sondern stattdessen als Außenkanzler aufzutreten.
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Wer rettet uns vor der KI? Trump schon mal nicht.
Jeden Tag müssen wir neue Schreckensnachrichten über die künstliche Intelligenz zur Kenntnis nehmen, die uns womöglich schon in einem halben Jahr alle umbringen wird. Die Gefahr scheint so groß zu sein, dass sich sogar die Chefs der führenden KI-Entwicklerfirmen sowie Elon Musk zu Wort gemeldet haben (mehr zum Thema hier ). Diese Leute stehen nicht im Verdacht übertriebener Technikkritik. Aber jetzt plädieren sie unisono dafür, den Fortschritt zu bremsen, bevor die Sache endgültig außer Kontrolle gerät.
Tasten einer beleuchteten Tastatur
Foto: Sebastian Gollnow / dpaDas Problem mit der KI ist dabei nicht etwa, dass sie nicht tut, was man ihr sagt. Nein, ganz im Gegenteil: Sie tut zu sehr das, was man ihr sagt ohne Sinn und Verstand und vollkommen ohne Rücksicht auf Verluste. Dario Amodei, der Chef von Anthropic, warnt davor, dass sich so ein entfesselter Schwarm von KI-Agenten verhalten könne wie ein »fanatisch ergebenes Kollektiv«, das dann Angriffe auf Ziele ausführe, die nichts mit der ursprünglichen Aufgabe zu tun hätten.
Wie sie jetzt vor ihrer eigenen Schöpfung stehen und es mit der Angst zu tun bekommen, da kommen mir diese KI-Giganten vor wie der Zauberlehrling aus der gleichnamigen Ballade von Johann Wolfgang von Goethe. Der Meister ist aus dem Haus und der Lehrling will jetzt auch mal zaubern, also verwandelt er einen alten Besen in einen Wasserträger, der ihm in Kübeln Wasser für ein Bad heranschleppen soll. Und der folgsame Besen macht und macht und macht ohne Sinn und Verstand auch noch weiter, als die Wanne schon längst überläuft. Der Zauberlehrling will ihn aufhalten, das klappt aber nicht:
»Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!«
Bei Goethe wird es dann erst noch viel schlimmer, bis es wieder gut wird: Gerade noch rechtzeitig kommt der Meister nach Hause und stoppt den Besen und die Flut. So endet die Ballade von 1798. Im Jahr 2026 gibt es leider einen ganz anderen Meister. Er hört auf den Namen Donald Trump und hat sich bereits zu dem Hilferuf der KI-Entwickler geäußert: Es gebe viele »sehr negative Kräfte«, die unbegründete Sorgen schüren, sagte Trump: »Wer bei KI gewinnt, gewinnt.« Leider kein Zauberspruch, der alles wiedergutmacht. Sondern nur mal wieder so ein dahergeredeter Trump-Spruch (mehr dazu hier).
Mehr Hintergründe hier: OpenAI-Agenten sollen auch Softwareplattform angegriffen haben
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Gewinner des Tages…
Naturaufnahme aus Kanada: Und schön ist es dort auch noch
Foto: Robert Postma / imago images / Design Pics…ist Kanada. Das sympathischste Land Nordamerikas lädt heute zu einem Investitionsgipfel. Die Kanadier zeigen sich in dem von Donald Trump angezettelten Zollkrieg selbstbewusst, werben mit ihrer Topkreditwürdigkeit, ihrer relativ niedrigen Verschuldung und ihren bestens ausgebildeten Fachkräften. Wäre dieses Land nicht eine wunderbare Bereicherung für die EU? Warum das keine abwegige Idee ist, hat mein Kollege Markus Becker aufgeschrieben.
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Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
CDU laut Hochrechnung in Niedersachsen vor SPD – AfD und Linke legen zu: Nach dem Wahldebakel in Sachsen-Anhalt gelten die Kommunalwahlen als wichtiger Stimmungstest in Westdeutschland. Für die Merz-Partei lief es besser als zuletzt.
Alexander Zverev gewinnt die US Open – und merkt es erst mal nicht: Zum ersten Mal hat Alexander Zverev bei den US Open gesiegt. Seinen Triumph realisierte der deutsche Tennisprofi erst mit etwas Verzögerung – für Boris Becker »die Szene des Jahres«.
Asterix-Titelbild für Rekordsumme versteigert: Die Rede ist von einem Weltrekord für ein Werk des Comiczeichners Albert Uderzo: Im belgischen Lüttich hat das Originalcover von »Asterix bei den Briten« den Besitzer gewechselt – für sehr viel Geld.
Heute bei SPIEGEL Extra: »Wir messen inzwischen 55 Prozent erschöpfte Führungskräfte«
Immer mehr Menschen haben das Gefühl, zu viel zu arbeiten – und an zu vielen Sachen gleichzeitig. Forscherin Heike Bruch erklärt, warum ganze Organisationen ausbrennen. Und warum Chefs zuerst an sich denken sollten .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Stefan Kuzmany, Autor der Chefredaktion
