SpOn 11.09.2026
18:48 Uhr

Nepal: Warum das Land nach der Sturzflut im Himalaya Entschädigungen fordert


Nepal fordert nach der Flutkatastrophe Entschädigungen von Ländern mit hohem CO₂-Ausstoß. Bisher verweigern die solche Zahlungen, doch die Idee könnte eine neue Chance bekommen.

Nepal: Warum das Land nach der Sturzflut im Himalaya Entschädigungen fordert
Klimakrise

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Die Klimakrise verschärft Ungerechtigkeit weltweit. Arme und ältere Menschen, Frauen und Kinder leiden besonders unter den Folgen wie Hitze, Dürre oder Überschwemmungen. Hunderte Millionen Menschen in Entwicklungsländern sind den Folgen des Klimawandels besonders schutzlos ausgeliefert, heißt es in einem Bericht des Entwicklungsprogramms  der Vereinten Nationen und der Oxford Poverty and Human Development Initiative. Ihnen fehlten oft Klimaanlagen, hochwassersichere Häuser, Versicherungen. Zugleich seien sie anfälliger für Krankheiten.

Arme, ältere Menschen und Kinder trifft die Klimakrise am härtesten

Arme, ältere Menschen und Kinder trifft die Klimakrise am härtesten

Foto:

Tyrone Siu / REUTERS

Wie verwundbar diese Menschen sind, zeigen Naturkatastrophen wie jene in Nepal. Vor zwei Wochen starben bei Überschwemmungen mehr als 1300 Menschen; Tausende gelten als vermisst. Nach einem Gletscherabbruch und einem Felssturz rissen Fluten Dörfer, Straßen und Häuser fort. Mein Kollege und SPIEGEL-Korrespondent Serafin Reiber  schrieb wenige Tage nach dem Unglück: »Es gehört zur bitteren Realität von Naturkatastrophen, dass sie diejenigen am härtesten treffen, die ohnehin fast nichts haben. Im Himalaja, im Trishuli-Tal, zeigt sich das in diesen Tagen auf brutale Weise.«

Ein zu warmer Gletscher und die Frage der Verantwortung

Sind Naturkatastrophen vom Menschen mitverursacht, stellt sich die Frage nach der Verantwortung. Und Forschende haben in Nepal Hinweise gefunden, dass der Klimawandel die tödliche Flut zumindest verschärft und womöglich sogar ausgelöst hat.

Das Himalajagebirge, in dem sich das Land befindet, heizt sich deutlich schneller auf als die Erde im Durchschnitt. Am Langtang Lirung, einem etwa 7227 Meter hohen Berg im Norden Nepals, herrschten in den Tagen vor der Sturzflut-Katastrophe ungewöhnlich hohe Temperaturen. Auf dem Gletscher in rund 5200 Meter Höhe lag die Durchschnittstemperatur bei etwa fünf Grad Celsius – so hoch wie zu dieser Jahreszeit noch nie, seitdem vor mehr als 55 Jahren die Messungen begonnen haben. Die Temperaturen hätten in dem erfassten Zeitraum zuvor nicht mehr als vier Grad erreicht, teilten Wissenschaftler des US-Klimaforschungsinstituts Berkeley Earth diese Woche mit. Die Forscher führen die hohen Temperaturen auch auf den besonders heißen Sommer zurück.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Durchschnittstemperatur in der Region demnach um etwa 1,8 Grad gestiegen. Die Hitze könnte die Schneeschmelze beschleunigt, den Permafrost aufgetaut und damit den Berghang destabilisiert haben. Zusätzlich könnte Schmelzwasser in Felsspalten eingedrungen sein und den Gletscherabbruch begünstigt haben.

Die Menschen in Nepal haben jedoch zur weltweiten Erderwärmung kaum etwas beigetragen: Ein Nepalese verursacht im Durchschnitt etwa 0,6 Tonnen klimaschädliches CO₂ im Jahr, ein Deutscher rund sieben Tonnen. Das südasiatische Land ist für weniger als 0,1 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich – und bekommt doch die Folgen besonders hart zu spüren.

Hilfen ja, Entschädigungen nein

Die nepalesische Regierung verlangt daher von der Weltgemeinschaft nun mindestens 20 Millionen Dollar für klimabedingte Schäden, eine sogenannte Klima-Kompensation. Die großen Länder, die besonders viel CO₂ ausstoßen und den Klimawandel anheizen, sollen für die Schäden aufkommen.

Solche Forderungen sind nicht neu. Ärmere Staaten erheben sie seit Jahrzehnten bei den Uno-Klimakonferenzen. Es hat lange gedauert, bis Industriestaaten wie die EU, Kanada und Japan – und bis vor zwei Jahren auch die USA – sich überhaupt auf solche Gespräche einließen.

Mia Mottley, Premierministerin von Barbados, hat sich jahrelang für einen Uno-Fonds für Verluste und Schäden eingesetzt

Mia Mottley, Premierministerin von Barbados, hat sich jahrelang für einen Uno-Fonds für Verluste und Schäden eingesetzt

Foto:

Alessia Giuliani / Independent Photo Agency Int. / IMAGO

Mia Mottley, Premierministerin von Barbados, sagte auf der Uno-Klimakonferenz in Ägypten vor vier Jahren: »Wenn ich jeden Tag zu Ihnen nach Hause komme, überall Dreck mache und Unordnung schaffe, müssen Sie immerzu aufräumen. Genauso geht es gerade den armen Ländern mit dem Klimawandel – und irgendwer muss für den Putzjob bezahlen.«

Auf der Konferenz in Ägypten stimmten die Staaten erstmals einem Fonds zu, der ärmere Länder bei der Bewältigung klimabedingter Schäden unterstützen soll – ohne die Zahlungen offiziell als Entschädigung zu bezeichnen. Die Wortwahl ist entscheidend: Begriffe wie »Kompensation« oder gar »Entschädigung« für Klimafolgen lehnen die Industrieländer ab. Denn daraus könnte sich ein Rechtsanspruch ableiten, das wollen die Geberländer verhindern.

Der »Fund for responding to Loss and Damage« (FRLD), der Loss-and-Damage-Fonds, soll also armen Ländern helfen, wenn die Folgen des Klimawandels nicht mehr verhindert oder durch Anpassung aufgefangen werden können. Dazu zählen etwa zerstörte Infrastruktur, der Verlust von Wohnraum und Lebensgrundlagen, aber auch Schäden, die sich nicht unmittelbar in Geld beziffern lassen.

Nepals Außenminister Shisir Khanal bestätigte im »Guardian« diese Woche, dass das nepalesische Finanzministerium und das Umweltministerium einen gemeinsamen Antrag beim Fonds gestellt haben. Zumindest einen Teil der 20 Millionen Dollar dürften die Nepalesen sogar bekommen, der FRLD hat bereits auf die Katastrophe mit einer Stellungnahme reagiert. Das Problem: Die Schäden übersteigen diese Summe bei Weitem.

Der Loss-and-Damage-Fonds hat ein Finanzierungsproblem. Für den Hilfsfonds wurden bislang mehr als 820 Millionen US-Dollar von Industrieländern wie Deutschland, Japan oder Kanada zugesagt, derzeit stehen aber nur 342 Millionen Dollar zur Verfügung. Es haben aber 119 Entwicklungsländer insgesamt rund 2,8 Milliarden Dollar beantragt, so steht es in einer Mitteilung des Fonds vom Juli . Viele klimabedingte Katastrophen erregen weit weniger Aufmerksamkeit als jene in Nepal.

»Jetzt kommt es auf Staaten mit hohen Emissionen wie Deutschland an, Geld in den Fonds einzuzahlen und andere große Verursacher ebenfalls zur Einzahlung zu aktivieren«, sagt Vera Künzel von der Organisation Germanwatch. Allerdings soll im neuen Haushalt der Bundesregierung bei der Entwicklungshilfe eher gekürzt werden. Das ist auch in anderen Ländern der Trend. Großbritannien etwa hat seine Klimahilfen im März halbiert .

Letzte Hoffnung für arme Länder: der Rechtsweg

»Der Fonds beantwortet bisher nicht die Fragen der Verantwortung und der Entschädigung«, sagt die auf Umweltrecht spezialisierte Juristin Christina Voigt von der Universität Oslo dem SPIEGEL. Sie rechnet damit, dass Nepal schnelle Hilfe bekommen könnte. Viele Anträge anderer Länder seien jedoch noch nicht geprüft, die Höhe der Zahlungen ungewiss.

»Die Frage der Entschädigung wird immer dringlicher, je heftiger die Folgen der Klimakrise ausfallen«, sagt Voigt. Freiwillig würden sich weder Unternehmen noch Staaten auf ein solches Schuldeingeständnis einlassen.

Auch Versuche, Entschädigungen einzuklagen, scheiterten bisher. Etwa die Klage eines peruanischen Bauern gegen den Energiekonzern RWE. Das Unternehmen habe mit seinen Kohlekraftwerken dazu beigetragen, dass der Gletscher über seinem Dorf in den Anden schmilzt, so der Bauer. Die Klage wurde im Mai 2025 abgewiesen.

Bauer Saul Luciano Lliuya vor dem Andengletscher: RWE hat eine Mitverantwortung

Bauer Saul Luciano Lliuya vor dem Andengletscher: RWE hat eine Mitverantwortung

Foto:

Angela Ponce / REUTERS

Das könnte sich mit einem Gutachten des Internationalen Gerichtshofes (IGH) vom vergangenen Jahr ändern: In seiner nicht bindenden »Advisory Opinion« kommt der IGH zu dem Schluss, dass Staaten völkerrechtlich verpflichtet sind, die Erderwärmung zu bekämpfen. Das ist zwar kein Urteilsspruch, könnte jedoch künftige Klimaklagen stärken und Entschädigungsforderungen erleichtern, glauben Experten wie Voigt. Dafür müsste dann im Einzelfall nachgewiesen werden, dass die Schäden mit unzureichendem Klimaschutz zusammenhängen.

Der SPIEGEL berichtet für Sie über die Klimakrise. Alle Beiträge finden Sie immer laufend aktualisiert hier.

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Ihre Susanne Götze
Redakteurin Wissenschaft