Istanbuls abgesetzter Bürgermeister Ekrem İmamoğlu ist in einem umstrittenen Gerichtsverfahren zu 25 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der bereits zuvor inhaftierte Gegner von Präsident Recep Tayyip Erdoğan wurde der Beleidigung eines Staatsbediensteten schuldig gesprochen, wie türkische Medien am Freitagabend berichteten.
Demnach belegte ihn das Gericht auch mit einem politischen Betätigungsverbot: Sollte das Urteil rechtskräftig werden, würde İmamoğlu auch formal sein Amt verlieren und der Stadtrat von Istanbul die Möglichkeit bekommen, einen neuen Bürgermeister für die Millionenmetropole zu bestimmen.
İmamoğlu-Unterstützer rufen Slogans vor dem Silivri-Gefängnis, in dem der inhaftierte Bürgermeister von Istanbul vor Gericht steht (März 2026)
Foto: Dilara Acikgoz / AP / dpaİmamoğlu ist der profilierteste Gegner von Langzeit-Präsident Erdoğan und galt lange als aussichtsreicher Kandidat für dessen Nachfolge bei einem möglichen Wahlduell. Inwieweit er dem islamisch-konservativen Staatschef noch gefährlich werden kann, ist angesichts der vielen Ermittlungen, Prozesse und Urteile gegen ihn aber fraglich.
İmamoğlu bezeichnet Urteil als Skandal
Zur jüngsten Gerichtsverhandlung wurde İmamoğlu aus einem Hochsicherheitsgefängnis zugeschaltet. Das Urteil bezeichnete er laut dem Staatssender TRT als Skandal, die Anschuldigungen als haltlos. Ihm wurde vorgeworfen, vor vier Jahren einen Istanbuler Bezirksbürgermeister beleidigt zu haben.
Allerdings war er zweimal freigesprochen worden, bevor ein Berufungsgericht den Fall wegen angeblicher Formfehler neu aufrollen ließ. Die türkische Opposition spricht von einem politisch motivierten Verfahren mit dem einzigen Ziel, Erdoğans Rivalen auszuschalten .
EU und Bundesregierung kritisieren Verhaftungswelle
Die Istanbuler Stadtverwaltung wird seit den Kommunalwahlen 2019 von der Oppositionspartei CHP regiert. 2024 konnte İmamoğlu sein Amt als Bürgermeister verteidigen. Im März 2025 gab es dann eine landesweite Verhaftungswelle, bei der er und zahlreiche Rathausmitarbeiter festgenommen wurden – ebenso wie CHP-Bürgermeister in anderen Städten der Türkei.
Es folgte eine Kaskade von Ermittlungen und Prozessen, İmamoğlu wurden unter anderem Korruption, Geldwäsche und die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen.
Die deutsche Regierung, das EU-Parlament und die Europäische Kommission werteten die Absetzung İmamoğlus als schweren Rückschlag für die Demokratie in der Türkei. Erdoğans Regierung weist jegliche Einflussnahme auf die Justiz zurück.
Mehr zum Kampf um Demokratie in der Türkei: Mit der Gründung einer neuen Partei sagt Özgür Özel dem Präsidenten Erdoğan den Kampf an. Der Rückhalt unter den Abgeordneten und in der Bevölkerung ist offenbar groß .
