SpOn 12.03.2026
10:53 Uhr

Deutsche Bank: Ex-Manager verklagen Deutsche Bank auf 600 Millionen Pfund


Die Affäre um zweifelhafte Geschäfte mit der Skandalbank Monte dei Paschi di Siena holt den Frankfurter Finanzkonzern ein. Ehemalige Führungskräfte verklagen ihren früheren Arbeitgeber auf einen hohen Millionenbetrag.

Deutsche Bank: Ex-Manager verklagen Deutsche Bank auf 600 Millionen Pfund

In der Schadensersatzklage ehemaliger Mitarbeiter der Deutschen Bank gegen ihren Ex-Arbeitgeber im Rahmen der »Santorini-Affäre« ist jetzt erstmals eine konkrete Summe für den Streitwert genannt worden: mehr als 600 Millionen Pfund Sterling. Der Betrag setzt sich aus den finanziellen Verlusten der Kläger zusammen, einschließlich entgangener Gehälter und anderer Vergütungen. Das geht aus dem Geschäftsbericht für 2025 hervor, den die Deutsche Bank an diesem Donnerstag veröffentlicht hat. Ein Sprecher der Klägergruppe bestätigte die Summe als Mindestbetrag.

Insgesamt sechs frühere Mitarbeiter haben die Bank verklagt, fünf vor Gerichten in London und einer in Frankfurt am Main. Mit einem der Londoner Kläger hatte sich die Bank kürzlich außergerichtlich geeinigt. Angaben zur Höhe der Vergleichssumme wurden nicht gemacht, in Finanzkreisen wird eine hohe zweistellige Millionensumme genannt. Die Einzelklage (Az. 2-19 O 153/24) liegt dem SPIEGEL vor, die Verhandlung wird frühestens im September 2026 vor dem Frankfurter Landgericht beginnen. Die Deutsche Bank selbst »hält alle derartigen Klagen für unbegründet und wird sich entschieden gegen sie verteidigen, einschließlich der Anfechtung der überhöhten und unrealistischen behaupteten Verluste«, wie sie in ihrem Geschäftsbericht auf Seite 590 schreibt.

Michele Faissola: Kläger und Ex-Vorstand

Michele Faissola: Kläger und Ex-Vorstand

Foto: DWS

Hintergrund ist die sogenannte Santorini-Affäre um den früheren Konzernvorstand Michele Faissola. Es geht um komplexe Derivatgeschäfte, die das größte deutsche Geldhaus im Finanzkrisenjahr 2008 mit der toskanischen Bank Monte dei Paschi di Siena getätigt hatte und die auch den heutigen Konzernchef Christian Sewing belasten.

Ab 2007 hatten die jetzt klagenden Investmentbanker Deutsche-Bank-Kunden wie Monte dei Paschi ein damals neues Finanzprodukt verkauft: »Repo-to-Maturity«. Diese Art von Geschäften sind wie Kredite, die mit Wertpapieren, oftmals Anleihen, besichert sind, mit einem wesentlichen Unterschied: Wenn Banken Kredite vergeben, müssen sie dafür wertvolles Eigenkapital in ihrer Bilanz reservieren, um einen Ausfall der Darlehen leichter verdauen zu können.

Repo-Geschäfte funktionieren anders. Hier darf der Geldgeber die gegenläufigen Positionen – Anleihen und Cash – verrechnen. Der Effekt: Ein Geschäft, bei dem Anleihen und Cash in Milliardenhöhe die Seiten wechseln, sieht auf dem Papier plötzlich winzig aus und muss nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. Die Risiken der Transaktion verschwinden in der Bilanz. Für die Deutsche Bank war das insofern verlockend, als sie seinerzeit nur wenig Eigenkapital hatte, die Deals aber hohe Gewinne abwarfen.

Monte-dei-Paschi-Filiale in Tarquinia in der Region Latium

Monte-dei-Paschi-Filiale in Tarquinia in der Region Latium

Foto: Sepp Spiegl / IMAGO

Nachdem die Bilanzregulierungsbehörden diese Art von Verrechnung verboten hatten, deklarierte die Deutsche Bank das Santorini- und andere Repo-Geschäfte bilanziell so um, dass das Verrechnen weiterhin erlaubt war. Zur Rechtfertigung ihres Vorgehens brauchte es ein »Restatement«. Gegenüber der Aufsicht behauptete die Bank, das Santorini-Team um Faissola habe dem Topmanagement den Kreditcharakter des Deals von 2008 verschwiegen, worauf sie erst verspätet gestoßen sei. Faissola und seine Leute hätten Monte dei Paschi wissentlich bei der Bilanzfälschung geholfen.

An dieser Stelle kam der heutige Konzernchef Christian Sewing ins Spiel, der damals Leiter der Innenrevision (Group Audit) war. Er soll im Auftrag seiner damaligen Chefs die Aufsichtsbehörden getäuscht haben, um die Schuld gezielt auf die heutigen Kläger zu richten, die teilweise 2019 in Mailand zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren, 2022 aber in der Berufung freigesprochen wurden.

Bei einer Anhörung in der britischen Hauptstadt Ende Februar vor dem High Court in London in der Angelegenheit ging es darum, Klagen in der Santorini-Affäre, die auf der Kanalinsel Jersey anhängig sind, in London zusammenzuziehen. Zwei der vier beklagten Deutsche-Bank-Einheiten sind auf Jersey beheimatet. Europäische Mitarbeiter von Banken, die in London arbeiten, haben aus steuerlichen sowie arbeitsrechtlichen Gründen zwei Arbeitsverträge: einen britischen und einen auf Jersey. Als britischer Kronbesitz ist die Insel nicht Teil der Europäischen Union, hat aber eine eigene Gesetzgebung und ist steuerlich eigenständig.

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