Zoé Kammermann, SPIEGEL:
»Keine sanitären Anlagen, die Klos sind nicht mehr benutzbar. Essen kriegen sie einmal pro Tag. Alle haben Hunger, alle haben Durst. Wie lange kann das hier noch so weitergehen?
Ich befinde mich gerade in Ceuta, am Rande der Exklave, am Rande der Stadt. Hier hinter mir ist die marokkanische Grenze. Hier auf dem Gelände befindet sich ein Zentrum für Minderjährige. Da dieses Zentrum jedoch seit Donnerstag überfüllt ist, schlafen viele der Kinder und Jugendlichen auf der Straße rund um das Gebäude. Sie haben Zelte aufgebaut mit Decken. Sie haben Paletten aufgestellt, um sich zumindest ein bisschen zu schützen, um ein bisschen Privatsphäre zu haben. Doch die Situation ist nicht haltbar.
Es gibt keine sanitären Anlagen, die Klos sind nicht mehr benutzbar. Essen kriegen sie einmal pro Tag. Alle haben Hunger, alle haben Durst. Es gibt Kinder hier, die sind vier oder fünf Jahre alt und schlafen seit fünf Nächten auf der Straße. Die oberste Priorität der Jugendlichen hier ist, ihre Handys zu laden. Die, die die Handys nicht im Meer verloren haben, wollen unbedingt ihren Familien und Freunden schreiben, um ihnen ein Zeichen zu geben, dass sie noch am Leben sind. Ladestationen gibt es natürlich nicht auf diesem Gelände. Deshalb pilgern die Jugendlichen hier in die nahegelegenen Viertel, um ihre Handys irgendwie aufzuladen.
Beim durchs Meer schwimmen, haben sich viele der Jugendlichen verletzt. Sie haben Wunden an den Füßen, an den Knien, an den Ellenbogen. Niemand verarztet sie hier. Viele sind auch erkältet, weil es nachts kalt wird und sehr windig ist. Die große Frage, die sich alle hier stellen, ist: Wie geht es weiter? Die Personen, die volljährig sind, haben große, große Angst, zurück nach Marokko gebracht zu werden. Die Minderjährigen wollen auch nicht zurück nach Marokko, fragen sich aber, wie es für sie weitergehen kann. Denn offensichtlich kümmert sich hier niemand um sie. Die Zustände sind jetzt schon unmenschlich und sie werden mit jedem Tag schlimmer werden.«