Protestierender:
»Die Bundeswehr gehört nicht in die Schulen. Die Bundeswehr soll raus aus den Schulen!«
Während Jugendliche gegen Aufrüstung demonstrieren, laden Schulen immer öfter sogenannte »Jugendoffiziere« der Bundeswehr ein. Einer von ihnen ist Martin Kobbe. Er ist seit April dabei und heute zu Besuch an einer Hamburger Berufsschule. Kobbe möchte aufklären – ohne für die Bundeswehr zu werben.
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»Wieso? Weshalb? Warum sprechen wir überhaupt über einen neuen Wehrdienst, Bedarfswehrpflicht, die Leute gehen auf die Straße, demonstrieren gegen Wehrpflicht. Ich möchte nicht aus dem Raum gehen und denen irgendeine Meinung aufdrücken.«
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»Einen wunderschönen guten Morgen.«
»Guten Morgen!«
Gerade das werfen Kritiker den Jugendoffizieren aber vor. Sie würden die militärische Perspektive normalisieren und Werbung für die Bundeswehr machen, die tatsächlich händeringend Rekruten sucht. Stimmt nicht, sagt Martin Kobbe.
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»Da das nicht nur so ist, dass ich nicht darüber sprechen soll, sondern ich darf es nicht. Ich würde faktisch ein Dienstvergehen begehen, wenn ich anfange, Recruiting zu machen oder Karriereberatung.«
Für das tatsächliche Anwerben von Rekruten gibt es bei der Bundeswehr die sogenannten »Karriereberater«. Aber lässt sich das in der Realität wirklich trennen?
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»Hat irgendjemand Erfahrungen mit der Bundeswehr?«
Schülerinnen und Schüler:
»Ich war zwei Jahre lang als Zeitsoldat in Husum.«
»Ich war sechs Jahre in Rotenburg.«
»Acht Jahre, Jäger.«
Ein paar Vorkenntnisse sind also schon da. Was kann Martin Kobbe da noch beibringen? Und wird die Debatte so kontrovers, wie der Jugendoffizier es sich wünscht? In der Gruppenarbeit werden erst einmal die wirklich wichtigen Fragen gestellt:
Schüler:
Du gehst oft zum Sport, ne?«
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»Genau.«
Schüler:
»In der Woche?«
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»In der Woche? Ich gehe meistens viermal ins Gym. Und bei dem Wetter aktuell auch vier-, fünfmal laufen.«
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»Für mich persönlich ist einer der wichtigsten Punkte, dass ich authentisch sein kann. Ich bin kein Pressesprecher, die dürfen mich alles fragen. Und ich kann nicht nur, sondern darf es auch kritisch ansprechen. Hätte ich jetzt den Auftrag, rein positiv über die Bundeswehr zu berichten, dann würde ich mir manchmal selber vorne denken: Naja, ist nicht alles Gold, was glänzt.«
Die Schülerinnen und Schüler müssen sich eigenständig eine Meinung bilden können. Das besagt der Beutelsbacher Konsens von 1976. Also die Regeln für politische Bildung in Deutschland. Diese gelten auch für die rund 80 Jugendoffiziere der Bundeswehr Jugendoffiziere gibt es schon seit 1958. Doch selten standen sie so im Fokus der Öffentlichkeit und so oft in den Klassenzimmern. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl ihrer Schulbesuche mehr als verdoppelt auf über 5000 pro Jahr. Für Martin Kobbe ist es bereits der zweite Auftritt an der Hamburger Berufsschule. Warum haben sich die Lehrer dafür entschieden, ihn einzuladen?
Christian Sommer, Berufsschullehrer:
»Weil wir Schüler dabei haben, die jetzt einen Brief bekommen haben für den neuen Wehrdienst und um darüber Aufklärung zu betreiben. Was bedeutet das überhaupt? Warum kommt das auf die Schüler zu? Und Hilfestellung geben für unsere Schüler.«
Die Briefe zur freiwilligen Musterung bekommen seit diesem Jahr alle Männer ab Jahrgang 2008. Sie müssen angeben, ob sie Interesse an einem Wehrdienst hätten. Eine tatsächliche Wehrpflicht gibt es aber nicht. Trotzdem kritisieren einige Schüler die neue Regelung:
Schüler:
»2008 kriegt einen Brief, wird potenziell auch eingezogen, gemustert und dann halt dem Wehrdienst unterstellt. Finde ich in dem Sinne schwierig.«
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»Würdest du sagen, dass das, was gerade passiert, dass diese Briefe verschickt werden, schon zu viel ist dafür, dass wir gerade so im Frieden sind?«
Schüler:
»Ich finde es noch nicht zu viel. Es wird erst viel, wenn es wirklich erzwungen wird.«
Martin Kobbe, Jugendoffizier: »Ist jemand komplett anderer Meinung als Colin?«
Schüler:
»Ich finde, man kann schon ordentlich was einschränken, wenn es darum geht, das Land zu verteidigen. In diesen Wochen und Monaten werden den Menschen auch viele Eigenschaften weitergegeben, wo dann vielleicht die Menschen auch reifer wieder rauskommen.«
Das sehen nicht alle so: Immer wieder gibt es Proteste gegen eine mögliche Wehrpflicht – wie hier Anfang Mai in Berlin. Dort ging es auch um die Schul-Auftritte der Jugendoffiziere.
Protestierender:
»Ich mein, die machen: Werben fürs Sterben.«
Protestierender:
»Ich finde, das ist eine Instrumentalisierung der Jugend. Man versucht, sie im jungen Alter zu brainwashen. Ich finde, die Schulen sollten sich zur Neutralität bekennen.«
Protestierender:
»Das sind letztendlich Menschen, die ganz klar dafür geschult sind, Jugendliche zu beeinflussen und zu manipulieren. Und da finde ich selbst in einer Diskussionsveranstaltung ist da immer ein total großes Ungleichgewicht. Eine Schule sollte ein Ort sein, wo die Schülerinnen ihre Meinung frei entwickeln können. Und da ist es eben total kontraproduktiv, wenn da einfach Leute vom Staat reingeschickt werden, um irgendwie die Außenpolitik und die Wehrpflicht zu argumentieren und die Menschen davon zu überzeugen.«
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»Ich persönlich bin komplett gegen eine Wehrpflicht. Hängt auch damit zusammen, dass ich damals in einem Alter Abitur gemacht habe, als es die Wehrpflicht noch gab. Und ich wollte nach dem Abitur unbedingt studieren. Ich hatte kein Interesse an einer Wehrpflicht. Tatsächlich musste ich zur Musterung. Ich wurde damals vorübergehend ausgemustert. Später habe ich mich freiwillig dazu entschieden, zur Bundeswehr zu gehen. Deshalb wäre es Heuchelei, wenn ich hier sitze und sage: Jawoll, Wehrpflicht finde ich gut. Ich persönlich finde es nicht und ich kann auch für die Bundeswehr sprechen. Es ist ja nie schön, jemanden zu irgendetwas zu zwingen.«
Wie sehen die Schüler das? Kobbe will das jetzt wissen:
Martin Kobbe, Jugendoffizier:
»Alle, die finden, dass ein Dienst an der Waffe immer freiwillig bleiben sollte, dass es nie eine Pflicht geben darf, unabhängig von den äußeren Umständen, die bleiben, stehen. Alle anderen setzen sich einmal bitte hin. Auch wenn wir im Verteidigungsfall sind. Es muss immer freiwillig bleiben. Spannend.«
Schüler:
»Ich bin hier, weil ich mich generell für das Thema interessiere und ich auch selbst schon öfter mit den Gedanken gespielt habe, ob ich jetzt so eine kleine Wehrpflicht machen soll. Weil bei mir war es zum Beispiel so, dass ich einfach den Brief bekommen hatte, keine Zeit mich so damit zu beschäftigen und habe den dann liegen lassen und habe es halt nicht gemacht. Wenn ich jetzt auf mein früheres Ich zurückgucke, hätte ich es wahrscheinlich lieber gemacht.«
André ist einem Dienst an der Waffe nach dem Workshop zugeneigter. Hat Martin Kobbe also doch ein bisschen rekrutiert? Die Schüler widersprechen.
Schülerin:
»Er hat das versucht, ein bisschen relativ neutral zu halten, was ja wahrscheinlich auch sein sein Job ist.«
Schüler:
»Persönlich gesehen, fand ich das nicht werbend. Es war wirklich offen gehalten, das Gespräch. Man hatte keine Limitation, man konnte wirklich das sagen, was man meinte, und man hat auch wirklich gut darüber diskutiert.«
Martin Kobbe und auch die Schüler scheinen zufrieden zu sein. Trotzdem geht der Lehrer beim Thema Bundeswehr auf Nummer sicher:
Christian Sommer, Berufsschullehrer:
»Wir haben jetzt heute Nachmittag dann auch noch die Phase ohne den Jugendoffizier und dann wird das alles aufgearbeitet. Dass unsere Schüler hier mit einem guten Gefühl auch nach Hause gehen.«
