Drei Jahre nach dem Terror.
Milena Glimbovski, Unternehmerin
»Ich sehe, wie viel mehr Angst meine Familie oder auch jüdische andere Freunde haben.«
Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat das Leben von Jüdinnen und Juden verändert – auch in Deutschland.
Ben Salomo, Musiker
»Teilweise können wir dieses Land gar nicht mehr wiedererkennen, wie es sich hier gewandelt hat nach dem 7. Oktober.«
Morgengebet in einer Berliner Synagoge: Ben Salomo legt sich die Gebetsriemen an – sie verbinden symbolisch Kopf, Herz und Hand, oder anders gesagt: Denken, Fühlen und Handeln.
Das Handeln ist bei dem 48-jährigen Musiker seit dem Angriff der Hamas auf Israel unverändert geblieben: Salomo spricht nach wie vor an Schulen über das Judentum und den Nahostkonflikt.
Denken und Fühlen aber haben sich seitdem für ihn fundamental geändert, sagt er. Vor allem in Bezug auf seine Heimat, Deutschland.
Ben Salomo, Musiker
»Wie wenig Solidarität man hier von der Mehrheitsgesellschaft erfahren hat nach dem 7. Oktober. Es wurde sehr, sehr schnell eigentlich die Trauer, die wir erlebt haben und die wir immer noch erleben, weggewischt und ganz schnell dann nur nach Gaza geschaut.«
Milena Glimbovski, Unternehmerin
»Es ist ein Tag, den ich mit viel Trauer und Schmerz auch verbinde. Aber vor allem viel Angst auf beiden Seiten. Viele Menschen, die viel mehr Angst erleben im Alltag, die viel mehr Rassismus und Antisemitismus ausgesetzt sind und viel Leid und viel Spaltung.«
Die Spaltung nach Terror und dem darauffolgenden Gazakrieg lässt sich am besten bekämpfen, wenn man ins Gespräch kommt, davon ist Milena Glimbovski überzeugt. Die Unternehmerin und Autorin hat erst vor wenigen Jahren begonnen, über ihr Jüdisch-Sein zu sprechen.
Milena Glimbovski, Unternehmerin
»Ich trage keinen Davidstern, ich bin nicht gläubig, aber ich erzähle. Für mich ist mein Judentum auch meine Kultur und ich erzähle das im Gespräch, wenn ich Menschen kennenlerne und es sich ergibt. Ich erzähle es auch Leuten, die muslimisch sind, dass ich Jüdin bin und es ergeben sich interessante Gespräche und manchmal bin ich die erste jüdische Person, die sie kennenlernen.«
Auch beim Thema Linkspartei setzt sich Glimbovski für Dialog ein. Die Linke könnte bald in Berlin regieren. Teilen der Partei wird Antisemitismus vorgeworfen. Den gebe es allerdings in allen Milieus und Parteien, glaubt die 36-Jährige.
Milena Glimbovski, Unternehmerin
»Auf die Linke wird eingedroschen und es wird alles in die Wege versucht zu leiten, um zu verhindern, dass die Linke ihr Wahlversprechen einhalten kann, nämlich die Vergesellschaftung der großen Konzerne, die das Leben hier in der Stadt unbezahlbar machen.«
Glimbovski hat einen offenen Brief von Berliner Jüdinnen und Juden unterschrieben, der die Vorwürfe gegen die Linke als »Propaganda« abtut und ein Rot-Grün-Rotes Bündnis für die Hauptstadt fordert. Die wahre Gefahr kommt für sie von rechts.
Milena Glimbovski, Unternehmerin
»Ich bin geschockt, wie gestern ein AfD-Landtagspräsident gewählt werden konnte in Deutschland. Es kommt nicht in meinen Kopf rein, dass es tatsächlich passiert ist. Und das macht mir tatsächlich wesentlich mehr Sorgen als ein paar linke Antisemiten, die irgendwie Quatsch verzapfen.«
Zurück bei Ben Salomo, Einkauf im koscheren Supermarkt – den Musiker hat der offene Brief richtig wütend gemacht. Die jüdischen Linkspartei-Unterstützer sind für ihn eine kleine Minderheit, die die möglichen Folgen der Wahl völlig falsch einschätzt.
Ben Salomo, Musiker
»Das ist tatsächlich ein Super-GAU gewesen. Also es fühlt sich für uns Jüdinnen und Juden hier in Berlin, aber nicht nur in Berlin. Weil das, was hier in Berlin anfängt, wird Schule machen in Deutschland. Das fühlt sich für uns an, in der Mehrheitsperspektive, für uns Juden wie ein Super GAU an. Dass diese Partei sich für uns wirklich so anfühlt, als sei sie im Prinzip die antisemitischste Partei Deutschlands.«
Auf den Erfolg der AfD blickt zwar auch Salomo mit Sorge, aber gegen die Rechtsextremen gebe es ja bereits gesellschaftlichen Widerstand. Ähnlich müsse es nun auch bei der Linken laufen.
Ben Salomo, Musiker
»Ich wünsche mir sehr, dass man seine Kräfte sammelt und sich organisiert und endlich halt auch anfängt, diesen anderen extremistischen Teilen in Deutschland was entgegenzusetzen und sich nicht Sand in die Augen streuen lassen von Leuten, die diese Gruppierungen versuchen zu relativieren.«
Milena Glimbovski, Unternehmerin
»Das ist nicht der Zeitpunkt, wo wir uns mit unserem Kram beschäftigen müssen. Das ist der Zeit Punkt. Jetzt ist 1930. Wir müssen uns jetzt gemeinsam gegen die Rechten wehren. Alle zusammen. Sonst haben wir in ein paar Jahren bei der nächsten Bundestagswahl alle eine große böse Überraschung und niemand hat es kommen sehen.«
-
3 Min
-
4 Min
-
2 Min
-
Tote Geiseln an Israel übergeben: »Das ist wahrscheinlich der traurigste Tag seit dem 7. Oktober«3 Min
3 Min

