Hunderte Menschen haben in Albaniens Hauptstadt Tirana gegen die Regierung und für bessere Studienbedingungen protestiert. Dabei kam es immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Demonstranten – darunter viele Studierende – forderten den Rücktritt Regierungschef Edi Rama. Einige Menschen errichteten Barrikaden aus Absperrgittern und warfen Steine sowie Molotowcocktails. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein.
Im Bildungsministerium verursachten die Protestteilnehmer einen Brand, wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Zwei Demonstrierende kletterten über eine Mauer des Ministeriums und warfen Leuchtfackeln hinein. Wenig später quoll dichter schwarzer Rauch aus einem Fenster. Die Feuerwehr löschte den Brand rasch.
Auch das Finanzministerium nahmen die Protestierenden ins Visier. Sie brachen die Türen auf, einige von ihnen drangen kurzzeitig in das Gebäude ein. Nachdem sie von der Polizei zurückgedrängt wurden, begaben sich die Menschen zu den Büros des Ministerpräsidenten, in deren Richtung sie Steine warfen. In einer Bankfiliale schlugen sie Fensterscheiben ein und zündeten Unterlagen an. Auch ein offenbar leer stehendes Gebäude stand in Flammen.
Bereits am Dienstag hatten Hunderte Menschen vor dem Bildungsministerium Ramas Rücktritt gefordert. Die Kundgebung richtete sich gegen schlechte Studienbedingungen, hohe Ausbildungskosten und fehlende berufliche Perspektiven.
Die Demonstranten drangen ins Rathaus von Tirana ein, legten dort Feuer und beschädigten weitere Gebäude. Nach Angaben der Polizei wurden rund zehn Menschen festgenommen. Sechs Polizisten, acht Demonstranten, drei Journalisten und zwei Passanten mussten nach Angaben des Gesundheitsministeriums medizinisch versorgt werden.
Die Polizei erklärte, ihre Einsatzkräfte seien an dem Tag mit »anhaltender Gewalt« konfrontiert gewesen und von maskierten Menschen mit Steinen, Feuerwerkskörpern und Molotowcocktails angegriffen worden.
»Flamingo-Revolution« wegen Trump-Bauprojekt
Die EU-Vertretung in Tirana äußerte sich besorgt über die »gewaltsame Eskalation« und forderte alle Seiten zur Beruhigung auf. Hinweisen auf übermäßige Polizeigewalt gegen Demonstranten und Journalisten müsse rasch nachgegangen werden, erklärte sie. Albanien ist EU-Beitrittskandidat, zu Wochenbeginn war ein weiteres Verhandlungskapitel vorläufig abgeschlossen worden.
Der Protest steht im Zusammenhang mit einer Serie von Demonstrationen, die in Albanien unter der Bezeichnung »Flamingo-Revolution« laufen. Diese hatten sich an einem Immobilien-Projekt in einem Naturschutzgebiet an der albanischen Adriaküste entzündet, hinter dem Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump steht. Das umstrittene Bauvorhaben genießt die Unterstützung von Ministerpräsident Rama. Die im geschützten Gebiet lebenden Flamingos wurden zum Symbol der Bewegung.
Die Proteste der Studierenden und die der Umweltschützer richten sich gegen das gesamte politische Establishment in Albanien. Ramas Sozialisten und die heute oppositionellen rechten Demokraten wechseln einander seit der demokratischen Wende in dem ehemals kommunistischen Land vor mehr als 30 Jahren an der Regierung ab. Albanien verhandelt zwar inzwischen relativ fortgeschritten über einen EU-Betritt. Viele seiner Bürger empfinden jedoch die politischen Eliten als gierig, korrupt und inkompetent.
