SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das große Interesse an der NSDAP-Mitgliederkartei , den offenbar großen Wunsch vieler Menschen, mehr über die eigene Familiengeschichte zu erfahren?
Czollek: Das hat ja erst einmal etwas von Sensationssuche: herauszufinden, ob die eigenen Vorfahren in der Nazipartei gewesen sind. Ich finde das nicht besonders erklärungsbedürftig, vor allem wenn es in einem barrierearmen Umfeld wie dem Internet angeboten wird. Die eigentliche Frage ist aber ja, was die Leute da herausfinden.
Peter Jülich / epd
Max Czollek, geboren 1987, ist Publizist und Antisemitismusforscher. Mit Hadija Haruna-Oelker veröffentlichte er 2025 das Buch: »Alles auf Anfang. Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur«; S. Fischer, 240 Seiten, 24 Euro.
SPIEGEL: Dass ihre Vorfahren möglicherweise Hitler nicht so fern standen, wie sie vielleicht dachten.
Czollek: Aber wenn man jetzt weiß, Opa Erwin war in der Partei oder auch nicht – was heißt das denn genau? Die Information allein verrät ja nicht viel. Nicht nur weil die Kartei nicht ganz vollständig ist – maximal 90 Prozent der tatsächlichen Mitglieder lassen sich darüber finden –, sondern weil etwa Menschen, die Zwangsarbeiter beschäftigten, ja nicht unbedingt in der Partei waren oder jene, die als Soldaten in der Wehrmacht Verbrechen begingen.
SPIEGEL: Aber die Suche kann doch ein guter Einstieg in weitere Recherchen sein?
Czollek: Wofür betreiben wir diese Art von Ahnenforschung jetzt, wenn wir sie jahrzehntelang nicht betrieben haben, vor allem dann nicht, als Opa oder Oma noch am Leben waren? Mein Verdacht ist: Das Interesse ist jetzt so groß, weil aus der Generation der Täter und Mitläuferinnen kaum noch jemand lebt und man jetzt ohne größere familiäre Kosten dieses Erschauern gemeinsam erleben kann.
SPIEGEL: Aber es ist doch ein Vorteil der dritten oder vierten Generation, dass sie keine emotionalen Verstrickungen mehr mit der Kriegsgeneration hat und deshalb das Thema überhaupt erst nüchtern angehen kann.
Czollek: Man kann das so erzählen. Mein Eindruck als jemand, der sich schon eine Weile mit dem Thema Erinnerungskultur befasst, ist eher, dass erst dann an Taten und Täter erinnert wird, wenn man keine Konsequenzen mehr zu befürchten hat, etwa im familiären Umfeld. Im Individuellen spiegelt sich da, was wir auf Ebene der Rechtsprechung auch sehen konnten, dass nämlich die Verantwortung für die Verbrechen erst dann individuell juristisch verfolgt wurde, als die allermeisten Leute schon nicht mehr straffähig waren. Das ist natürlich bequem.
SPIEGEL: Plädieren Sie also dafür, nicht in der Datenbank nachzuschauen, weil es jetzt eh nichts mehr bringt?
Czollek: Das wäre die falsche Konsequenz. Natürlich ist es wichtig, sich dem zuzuwenden, und ich begrüße prinzipiell, dass Leute sich dafür interessieren, wie die eigene Familie das 20. Jahrhundert durchlebt hat. Ich würde es nur immer mit der Frage verbinden, was uns diese Vergangenheit für die Gegenwart sagt. Einer Gegenwart, in der eine völkische Partei bei den Zustimmungswerten gleichauf mit der CDU ist. Da gibt es ja Verbindungen: Orte, in denen in den Zwanziger- und Dreißigerjahren stark NSDAP gewählt wurde, wählen heute stark AfD. Und am Ende kommt man zu der Frage: Wofür betreiben wir eigentlich Erinnerungsarbeit, wofür ist Erinnerungskultur eigentlich da?
SPIEGEL: Was ist Ihre Antwort?
Czollek: Aus der Tradition, aus der ich gedanklich und familiär komme, ist Erinnerungsarbeit ein Begriff für den Versuch, die Gegenwart so einzurichten, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt. Der pure Fakt, dass jemand in der NSDAP war, ist für mich nicht besonders interessant, entscheidend ist, was wir daraus machen.
SPIEGEL: Ist nicht genau das jetzt der Punkt, an dem diese Frage nahe rückt? Dass man merkt, auch die eigenen Vorfahren waren verführbar, und dass man anhand der Familiengeschichte nachvollziehen kann, wie schnell eine Demokratie zerstört werden kann?
