Der Weg in menschliche Abgründe führt in den Südosten Hamburgs, in die Marschlandschaft an der Elbe. Vorbei an holzgeschnitzten Schildern, die zu Hofläden führen, und Ständen mit frischen Blumen. Eine Gegend voller Vertrauen. Geld für einen Strauß wirft man in eine Blechbüchse. Haustüren stehen offen.
Der Ort hier heißt Ochsenwerder, weil hier früher Ochsen weideten. Es ist einer der ländlichsten Stadtteile der Hansestadt. Wer hier wohnt, hat viel Platz und großen Abstand zum Nachbarn. Auf 14 Quadratkilometern leben rund 3000 Menschen ihr eigenes Idyll, fern von Großstadtspektakel, Glamour und Gosse. »Op’n Dörp«, so heißt das hier. Auf dem Dorf.
»Aus heiterem Himmel«
An einem Freitag im Juni vergangenen Jahres steht Michael Ostendorf gegen Mittag in Ochsenwerder vor der Schule, so erzählt er es heute. Er will seine Kinder abholen. Seit mehr als 30 Jahren ist er Pastor. Ein gewinnender, zugewandter Mensch, Vater von vier Kindern.
Sein Handy klingelt. Ein Journalist will wissen, was er zu dem Missbrauchsfall sage. »Worum geht es? Was ist los?«, fragt Ostendorf. Danach habe er sich Vorwürfe anhören müssen, weil er nichts sagte. »Aber ich konnte nichts sagen. Ich wusste von nichts.« Er legt damals auf und ruft im Kirchenkreis Hamburg-Ost an, bei der nächsthöheren Ebene. Auch die hätten von nichts gewusst.
Am nächsten Tag berichtet das »Hamburger Abendblatt«: Der frühere Pastor von Ochsenwerder, Herr M., stehe unter Verdacht, während seiner Amtszeit dort einen Jugendlichen sexuell missbraucht zu haben. Zu diesem Zeitpunkt ist Herr M. längst weg. Ostendorf ist damals Pastor einer Nachbargemeinde, heute ist er auch für Ochsenwerder zuständig.
