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22.08.2026
13:06 Uhr
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Überraschend souverän gewinnen die deutschen Springreiter die Goldmedaille vor eigenem Publikum. Für Marcus Ehning ist es ein besonderer Triumph.

Als Daniel Deußer mit dem zwölfjährigen Otello den vorletzten Sprung überwunden hatte, wussten seine Teamkollegen, es würde reichen, selbst wenn der letzte Oxer in die Brüche gegangen wäre. Das weiße Ungetüm blieb stehen, und die deutschen Springreiter hatten ihre Goldmedaille. Der Jubel der 45 000 Zuschauer ließ die Tribünen beben. Im Schritt, am ganz langen Zügel, mit beiden Armen in alle Richtungen winkend, ließ Deußer, 45, den Moment auf sich wirken.
Der letzte Reiter des Tages, Richard Vogel auf dem 14-jährigen Hengst United Touch, kam schon als Weltmeister in die Wettkampfarena. „Ich konnte den Ritt richtig genießen“, sagte er. So sehr, dass er zwei Zeitfehler kassierte, die für das Team keine Rolle mehr spielten, ihn aber auf Platz 14 zurückwarfen und damit seine Medaillenchance für den Einzeltitel pulverisierten. Der Champion wird am Sonntagabend unter den 25 Besten in zwei Umläufen gekürt.
Das deutsche Springreiter-Team und seine Pferde behalten bei den Reit-Weltmeisterschaften in Aachen die Nerven: Schon vor dem Schlussritt sichert sich die Equipe den Titel.
Deußer hingegen hat sich an die Spitze gesetzt, gemeinsam mit dem Schweizer Steve Guerdat auf der 13-jährigen Stute Dynamix auf Belheme mit der exakt gleichen Punktzahl von 0,86 Punkten. Sollte es bei beiden dabei bleiben, geht es in ein Stechen. Noch nie war Deußer seinem ersten großen Championatstitel so nahe. Vorläufig Vierter mit 1,78 Punkte ist der 52-jährige Marcus Ehning auf dem 13-jährigen Coolio vor Sophie Hinners, 28, auf dem elfjährigen Singclair, die nach dem Motto „Sicherheit vor Schnelligkeit“ einen Zeitfehler hinnehmen musste. Damit fiel sie auf Rang fünf zurück, Dritter ist zurzeit der Brite Ben Maher auf Point Break, der Olympiasieger von 2021 in Tokio. Die Spitze liegt dicht beieinander: Platz eins und acht trennt weniger als ein Abwurf.
Die Teamleistung von Deußer, Ehning, Hinners und Vogel samt ihrer Pferde war grandios: Mit einem Abstand von mehr als einem Springfehler gewannen sie in Aachen den Titel als Equipe (4,48 Strafpunkte), gefolgt von den Belgiern (11,69), die eine beeindruckende Aufholjagd hinlegten, und den Briten (12,98). Es war das erste WM-Gold seit 2010, das zweite für Otto Becker als Bundestrainer. Zwar hatten die Deutschen zum Favoritenkreis gezählt, aber ein solch souveräner Sieg überraschte dann doch.
Im dritten und letzten Parcours, der für das Team zählte, erlaubte sich keiner der vier Reiter einen Abwurf. Richard Vogels Zeitstrafpunkte blieben das Streichergebnis, „aber wir hätten auch mit Richies Ergebnis gewonnen“, sagte Marcus Ehning. Auf dem 13-jährigen Coolio legte Ehning als erster deutscher Reiter mit einer Nullrunde vor, wie schon die Kurse zuvor. Er war bereits 2006 in Aachen dabei gewesen, hatte damals mit der Stute Küchengirl ein Desaster an der Mauer erlebt. „Die Scharte habe ich jetzt wieder ausgewetzt“, sagte er. Das Malheur hatte ihm offenbar zwanzig Jahre lang nachgehangen. Coolio segelte unbeeindruckt über die Mauer, die dem Aachener Elisenbrunnen nachgestaltet war. Einmal musste der dunkelbraune Holsteiner seinen Reiter retten. Ehning hatte sich in einer Distanz verschätzt, und Coolio stand so vor dem nächsten Hindernis, dass er sich quasi senkrecht in die Luft schrauben musste: „Ich bin wahnsinnig stolz auf mein Pferd, das hier alles gegeben hat.“
Nicht nur er, sondern auch Bundestrainer Becker wirkte erleichtert, dass es so gut lief. Denn Becker und Ehning verbindet mehr als Trainer und Teamreiter gewöhnlicherweise. Sie sind alte Kämpen, haben unter anderem gemeinsam 2000 Olympiagold in Sydney erobert. Von seiner Entscheidung, Ehning dem Olympiasieger 2024 Christian Kukuk vorzuziehen, hatte er den Springausschuss erst überzeugen müssen. Dass die privaten Vibes zwischen den beiden stimmen, ist kein Geheimnis, aber auch die Leistungen zum Nominierungszeitpunkt gaben den Ausschlag. „Ohne Otto stünde ich nicht hier“, sagte Ehning.
Bis zum letzten Moment mussten die Aachener Organisatoren zittern, ob das abendliche Nationenpreisspringen überhaupt würde stattfinden können. Es gab eine schwere Unwetterwarnung, aber es blieb zunächst bei ein paar Regentropfen und fernem Donnergrollen. Erst bei der Siegerehrung prasselte der Regen vom Himmel und durchweichte alle gleichermaßen, Pferde, Reiter, Gratulanten. Mit Frotteetüchern versuchte Turnierchefin Birgit Rosenberg bei der Pressekonferenz, die Reiter zu trocknen, nicht, dass sich noch einer einen Schnupfen holt, so kurz vor dem Finale.
Als zunächst die Einzelreiter in den Parcours gingen, sah es so aus, als habe Parcourschef Frank Rothenberger wieder etwas zu freundlich gebaut. Am Tag zuvor hatte es 45 Nullfehlerritte gegeben, da entfällt dann die Selektion. Aber das Blatt wendete sich, als die Mannschaftsreiter an der Reihe waren. Aussichtsreiche Teams, die den Deutschen dicht auf den Fersen waren, eins nach dem anderen, fielen zurück. Bei den Briten konnten nur Scott Brash und Ben Maher den Standard mit Nullfehlerritten halten.
Noch schlimmer erwischte es die US-Reiter, bis dahin noch auf Silberkurs. Katherine Dinan gab auf, weil ihr Schimmel Out of the Blue gar keinen Rhythmus fand, und Lillie Keenan patzte zweimal. Sie konnten sich damit trösten, dass sie als olympische Gastgeber bei den Sommerspielen 2028 automatisch startberechtigt sind. Für alle anderen war Aachen auch eine Qualifikation für Los Angeles. Außer den Medaillenteams sicherten sich Italien, die Schweiz, Irland und Frankreich bereits Plätze. Eine letzte Chance gibt es im kommenden Jahr bei der Europameisterschaft im belgischen Waregem.
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