SZ 15.08.2026
10:16 Uhr

Leichtathletik-EM: Der Goldsprinter aus Germany – verfolgt von einem Schatten


Owen Ansah wird als erster Deutscher seit 44 Jahren Europameister über 200 Meter. Der Sprinter scheint Nerven aus Stahl zu haben. Denn im Raum steht sein womöglich verweigerter Dopingtest – der jetzt eine aberkannte Goldmedaille nach sich ziehen könnte.

Leichtathletik-EM: Der Goldsprinter aus Germany – verfolgt von einem Schatten
Bisstest vorerst bestanden: Ob der Hamburger Owen Ansah seine Goldmedaille aber auch behalten darf, ist ungewiss. Leah Kohring/Imago/Beautiful Sports International

Als Owen Ansah am Freitagabend als Erster über die Ziellinie sprintete, wurde es im endlich mal prall gefüllten Alexander Stadium fast totenstill. Die englischen Fans hatten sich in Birmingham einen anderen Sieger erhoff, ihren Landsmann Zharnel Hughes. Doch der wurde nur Zweiter, Bronze ging an den Italiener Eseosa Desalu.

Gold im 200-Meter-Finale hatte, und jetzt wird es historisch, ein Deutscher gewonnen, Ansah, 25, gebürtiger Hamburger. Seine Zeit: 19,95 Sekunden. Hätte nicht unzulässig starker Rückenwind geblasen, hätte Ansah den deutschen Rekord gebrochen. Er ist nun der erste deutsche Europameister über 200 Meter seit 44 Jahren, als Olaf Prenzler 1982 in Athen Gold für die DDR gewann.

Welch ein wundervoller Abend also für die deutsche Leichtathletik, die so viele Jahre im Männersprint nicht eben geglänzt hatte auf internationaler Bühne. Selbst der Stadionsprecher hielt eine kleine, liebevolle Eloge auf Deutsch-Englisch: „Du warst sehr schnell. Es ist wunderbar. The winner of the 200 Meters, Owen Ansah!“

Dieser Abend in Birmingham hätte kaum ein besseres Drehbuch haben können aus deutscher Sicht. Und doch hat diese Geschichte nun eine noch dramatischere Fallhöhe bekommen. Denn es ist ein Titel, von dem der aktuell beste Sprinter Europas nicht weiß, ob und wie lange er ihn behalten darf.

Ansah steht wegen eines womöglich verweigerten Dopingtests vom 9. Juli 2026 im Fokus der Nationalen Antidoping Agentur Nada. Sie fordert eine Vier-Jahres-Sperre für den Sprinter, wie sie am Freitag vor einer Woche mitgeteilt hat, das sogenannte Ergebnismanagementverfahren hat sie abgeschlossen. Ansah kann nach Zustellung des Sanktionsbescheides innerhalb von 20 Tagen den „Sanktionsvorschlag“ der Nada akzeptieren – dann würde die Sperre auf „nur“ noch drei Jahre reduziert. Oder er akzeptiert sie nicht, dann kann er die Einleitung eines Disziplinarverfahrens beim Deutschen Sportschiedsgericht verlangen.

Sein Anwalt ließ mitteilen: „Unser Mandant Owen Ansah hat sich zu keinem Zeitpunkt geweigert, eine Dopingkontrolle durchzuführen. Er hat zu keinem Zeitpunkt die Abgabe einer Probe abgelehnt. Owen Ansah hat zu keinem Zeitpunkt gesagt oder den Eindruck erweckt, dass er eine Dopingkontrolle nicht durchführen wolle. Owen Ansah wird den ‚Sanktionsvorschlag‘ der Nada nicht akzeptieren. Er fokussiert sich auf die anstehende Leichtathletik-EM.“

Ansah fokussierte sich dann so sehr auf diese EM, dass er nun mit einer Bronzemedaille über 100 Meter und als Europameister über 200 Meter nach Hause zurückkehrt; für die Staffeln hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband ihn wieder gestrichen, weil im Falle einer Dopingsperre wohl nicht nur all seine eigenen Ergebnisse annulliert werden würden, sondern auch jene der Staffeln.

Ansah schien in dieser Woche in Birmingham zugleich Nerven aus Stahl zu haben. Unter diesen Umständen solche Rennen zu zeigen, allein das ist erstaunlich. Er stellte sich auch jedem Interview, war immer höflich, beantwortete alle Fragen, auch jene zu seinem möglichen Vergehen – wenn auch nur ausweichend. Nur am Donnerstag brach er ein TV-Gespräch ab, weil er die Fragen dazu nicht mehr hören wollte.

So einem Druck muss man erst einmal standhalten. Und dann einfach weiter über die Bahn fliegen, als würde alles an einem abperlen.

Am Freitag kam er also als Europameister in die Interviewzone und beantwortete acht Minuten lang Fragen. Bezüglich der Dopingtest-Causa sagte er höflich, aber bestimmt: „Wie ich am Dienstag schon gesagt habe, konzentriere ich mich auf die Dinge, die ich beeinflussen kann. Heute habe ich noch mal zeigen können, dass ich vom Kopf her frei bin. Ich habe die Goldmedaille gewonnen, lasst uns darüber sprechen, das steht gerade im Fokus. Über das andere würde ich nicht gerne sprechen. Es ist ein laufendes Verfahren, ich bitte dies, auch jetzt wieder zu respektieren.“

Kurz vor Ansah kam der Schweizer Bronzegewinner Timothé Mumenthaler vorbei. Wie er dessen Situation bewerte? „Oh, ich möchte das nicht kommentieren, das geht mich nichts an. Owen halt Gold gewonnen, gut für ihn!“, sagte Mumenthaler. Kurz nach Ansah sagte Zharnel Hughes, der Silbergewinner, auf die Frage, ob er vom Fall Ansah wisse? „Um ehrlich zu sein: Nein.“ Und verschwand.

Auch wenn das Thema im Athletenkreis weggedrückt wird: Spätestens jetzt ist es auf der großen Bühne angekommen. Seit Freitag ist Ansah, dieser eindrucksvolle Goldsprinter aus Germany, im Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Und es entbehrt nicht einer gewissen persönlichen Tragik, dass dieser Mann nun in der Woche des größten Erfolgs seiner Laufbahn diesen Erfolg gar nicht richtig genießen kann. Seine Auftritte haben stets einen doppelten Boden, ständig verfolgt ihn ein Schatten.

Ansah erzählte am Freitagabend noch von seinem dreijährigen Sohn, dem er den Sieg widmete: „Er feiert es immer, dass ich schnell bin, will immer mit mir rennen. Nur einer darf schneller als ich sein, und das ist mein kleiner Sohn. Jetzt lasse ich ihm noch den Vortritt.“ Er berichtete von seinem Trainer Sebastian Bayer, mit dem er 2021 nach Mannheim gezogen sei, als 20-Jähriger, und dem er ebenfalls den Sieg widmete. Er erklärte seine Tattoos auf den Armen, die Mutter links, sein Sohn rechts. Und er beschrieb, dass seine Stärke der fliegende Bereich sei: „Das Ziel ist es, die Zeit unter 20 Sekunden auch legal zu schaffen. Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich das hinbekomme.“

Nur sagte er nichts weiter zum 9. Juli 2026. Was genau ist an jenem Tag passiert, als der Kontrolleur ihn zur Dopingprobe bat, er aber gerade auf der Toilette und ohnehin auf dem Sprung zum Flugzeug gewesen sei, weil er spontan in ein wichtiges internationales Meeting nachgerückt sei? Hat er die Probe verweigert und dann das entsprechende Formular unterschrieben? Hat der Kontrolleur ihn überhaupt aufgeklärt über die Folgen und ihm genug Zeit gegeben, das Formular durchzulesen? Oder gab es Formfehler seitens des Kontrolleurs? Gab es gar Zeugen, die Ansahs Version stützen? Der anstehende Prozess könnte sich über Jahre ziehen und vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas enden.

Das Gute für Ansah: Er darf vorerst weiterlaufen, Medaillen und Titel sammeln. Am Ende dieser fast märchenhaften Nacht sagte er noch: „Ich bin 25, man sagt, dass man das perfekte Sprinteralter mit 27 erst erreicht. Ich habe noch ein paar Jahre Zeit.“ Aber nur, wenn die Geschichte mit der Nada doch noch gut ausgeht für ihn. Wenn nicht, dann wird der Sprinter Owen Ansah auch seinem Sohn irgendwann auch erklären müssen, warum er damals in Birmingham EM-Gold gewonnen, aber danach alles verloren hat.

Gesa Krause gewinnt über 3000 Meter Hindernis, Lea Meyer wird nach einem Sturz EM-Vierte. Danach gibt sie ein denkwürdiges Interview, für das sie sich später entschuldigt – und das trotzdem tief blicken lässt.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: