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28.04.2026
13:47 Uhr
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Einst galten große Überlandleitungen als „Monstertrassen“, der Bund gab deshalb Erdkabeln den Vorzug. Jetzt soll das Kabinett die Entscheidung rückgängig machen – und sofort regt sich Widerstand.

Eine Hochspannungsleitung bei Köln. Freileitungen sind wieder in. Christoph Hardt/Imago
Den Ärger plant das Bundeskabinett schon ein, auf die Nachkommastelle genau. 82 Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht seien zu erwarten, gleichmäßig verteilt über sechs Jahre. Macht 11,7 Verfahren im Jahr und zusätzliche Personalkosten von genau 240 898 Euro. Wenn es denn so kommt.
Die Berechnungen finden sich auf Seite 17 eines Gesetzentwurfs, mit dem sich das Bundeskabinett an diesem Mittwoch befasst. Und um einigen Ärger geht es dabei – nämlich um den Neubau von insgesamt 45 Stromleitungen. Sie sollen das Netz so verstärken, dass sich Ökostrom dahin transportieren lässt, wo er gebraucht wird. Oft handelt es sich dabei nur um kleine Abschnitte. Allerdings finden sich darunter auch zwei richtig große. Und hier braut sich was zusammen.
Denn das Kabinett soll auch den Bau zweier neuer Nord-Süd-Leitungen beschließen, die in Gleichstromtechnik gebaut werden sollen. Diese sogenannten HGÜ-Leitungen – HGÜ steht für „Hochspannungs-Gleichstromübertragung“ – hatten vor gut zehn Jahren für einigen Wirbel gesorgt. Der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte in diesen Leitungen wahre „Monstertrassen“ ausgemacht und sich massiv dagegen gewehrt. In der Folge beschloss die damalige große Koalition einen Kurswechsel: Statt an Strommasten, also als „Freileitung“, sollten die HGÜ-Leitungen vorrangig als Erdkabel verlegt werden. Die Folge waren jahrelange Verzögerung und Mehrkosten in Milliardenhöhe. Doch vielerorts ebbten die Widerstände ab: aus den Augen, aus dem Sinn.
Mit der Novelle steht jetzt eine Rolle rückwärts bevor. Denn HGÜ-Leitungen, die neu in den Plan aufgenommen werden, seien „als Freileitung zu errichten und zu betreiben“, heißt es dort. Konkret betrifft das die Leitung „Südwest-Link“. Aus dem Örtchen Sahms bei Hamburg soll sie in zwei Zwillingssträngen nach Baden-Württemberg und Bayern führen. Der eine, 700 Kilometer lang, führt in den Raum Stuttgart. Der andere endet nach 530 Kilometern in der Nähe von Würzburg. Und das nicht im Erdreich, sondern oberirdisch.
Da ist Widerstand nicht fern, etwa aus Hannover. „Niedersachsen widerspricht geschlossen der Kehrtwende des Bundes“, sagt dessen Energieminister Christian Meyer (Grüne) der Süddeutschen Zeitung. Niedersachsen würde von der Leitung von Nord nach Süd durchquert. „Wer jetzt wieder große Masten in der Landschaft plant, zerstört die Umwelt, provoziert Proteste, Widerstände und Klagen ohne Ende“, warnt Meyer. „Und wir fangen bei der aufwendigeren Planung wieder bei null an.“
Davor warnt auch ein Kurzgutachten, das der Thinktank Frontier Economics im Auftrag zweier Erdkabel-Unternehmen erstellt hat, NKT und Prysmian. Demnach könnte eine Neuplanung der Südwest-Leitung zwischen vier und sieben Jahren erfordern. In dieser Zeit aber seien – mangels Entlastung durch die neue Leitung – mehr Eingriffe in den Strommarkt nötig. Kosten: 180 bis 190 Millionen Euro im Jahr. Auch die Bauindustrie warnt davor, am falschen Ende zu sparen. Allerdings verdient sie auch gut am Verbuddeln.
Das Bundeswirtschaftsministerium dagegen wirbt mit sinkenden Kosten. „Die Umsetzung als Freileitung bietet gegenüber der Ausführung als Erdkabel ein deutliches Einsparpotenzial“, heißt es im Entwurf. Dies dämpfe den Anstieg der Netzentgelte und helfe so der Wirtschaft. Wie viel der 82 Verwaltungsgerichtsverfahren für den Südwest-Link einkalkuliert werden, lässt der Entwurf offen.
Kritiker warnen, dass derlei Kosten noch unterschätzt werden könnten. „Auch Verzögerungen durch Rechtsstreitigkeiten und gesellschaftlichen Unfrieden sind teuer“, sagt etwa Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Tobias Goldschmidt. Zumal es passieren könne, dass neben ein existierendes Erdkabel nun Strommasten gebaut werden. „Das kann ich dann wirklich niemandem mehr erklären“, sagt Goldschmidt.
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