SZ 07.10.2026
05:00 Uhr

(+) Wohnkosten: Neue Auswertung: Fast 38 Prozent der Studierenden sind arm


Der Paritätische Gesamtverband hat Armut unter Studierenden untersucht. Das Ergebnis: Vor allem hohe Wohnkosten belasten Studentinnen und Studenten.

(+) Wohnkosten: Neue Auswertung: Fast 38 Prozent der Studierenden sind arm

Viele Studentinnen und Studenten in Deutschland sind arm. Am ärmsten sind die, die allein leben: Etwa 82 Prozent von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Dicht gefolgt von jenen, die in WGs leben. Von ihnen sind noch immer etwa 70 Prozent arm. Studierende, die mit Menschen zusammenleben, die einer Erwerbsarbeit nachgehen, geht es finanziell schon besser: Fast 42 Prozent dieser Gruppe sind arm. Weniger als die Hälfte. Insgesamt liegt die Armutsbetroffenheit von Studierenden bei knapp 38 Prozent.

Das zeigt eine neue Auswertung des Paritätischen Gesamtverbands. Der Vorsitzende des Deutschen Studierendenwerks, Matthias Anbuhl, sagt bei der Vorstellung der Zahlen, das sei auch bei den Sozialberatungen zu spüren. Dort sei „die Bezahlbarkeitskrise“ großes Thema. „Wir haben Beratungsbedarf bei der Finanzierung des Studiums, wir haben Beratungsbedarf hinsichtlich der Mietkosten, es gibt starke Wünsche nach Freitischen in den Mensen“, erklärt er. Dass so viele Studierende arm seien, sei für viele eine „Hürde auf dem Weg zu einem erfolgreichen Studium“.

Die Autorinnen haben Zahlen des Statistischen Bundesamts ausgewertet. Dabei besonders belastend für viele Studierende: die Wohnkosten. „Wohnen ist ein ganz entscheidender Armutstreiber“, sagt Studienautorin Greta Schabram vom Paritätischen Gesamtverband. Offensichtlich würde das vor allem bei den Studentinnen und Studenten, die allein leben. Sie hätten im Median 900 Euro monatlich zur Verfügung. „Das ist wenig“, sagt Schabram. Davon wenden sie laut der Untersuchung im Mittel 461 Euro für Wohnkosten auf.

Blieben 439 Euro, laut der Untersuchung eine „rechnerische Annäherung an den finanziellen Spielraum“. Schabram sagt: „Das ist noch mal deutlich weniger als das, was die Grundsicherung als existenzsichernden Bedarf festschreibt.“ Das müsse für Essen, Kleidung, Kommunikation, Lehrmittel reichen. Bei Studierenden in WGs sind die Zahlen nicht besser: Sie haben im Median 1222 Euro monatlich zur Verfügung, aber geben laut der Untersuchung 795 Euro monatlich fürs Wohnen aus. Damit stünden ihnen noch weniger zur Verfügung, nämlich nur 427 Euro.

Bei Studierenden, die mit ihren Eltern oder einem erwerbstätigen Partner zusammenleben, sei die Situation entspannter. Dabei fließe aber das Einkommen der Eltern oder des Partners mit in die Berechnung des Haushaltseinkommens ein und sei insofern nicht geeignet, um zu ermitteln, wie viel die Studierenden tatsächlich zur Verfügung hätten, gibt Schabram zu Bedenken.

Die Bundesregierung hatte im Sommer die Bafög-Novelle beschlossen, um Studierende besser zu unterstützen. Der Beschluss dazu hatte sich verzögert. Als zu wenig ambitioniert und zu spät kritisiert die Novelle der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Joachim Rock.

Das Bafög setzt sich aus einem Grundbedarf und der Wohnkostenpauschale zusammen und beträgt insgesamt 855 Euro für Studierende, die noch über ihre Eltern krankenversichert sind und nicht zu Hause leben. Die Wohnkostenpauschale soll zum Sommersemester 2027 auf 440 Euro steigen, der Grundbedarf zum Wintersemester 2027/2028 auf 503 Euro und zum Sommersemester 2029 auf 563 Euro. Damit soll das Existenzminimum gesichert werden. Zudem werden die Einkommensgrenzen der Eltern, bis zu denen Studierende Bafög beziehen können, angehoben.

Rock sagt, mit der geplanten Novelle würde man im Jahr 2029 beim „Grundbedarf des Existenzminimums des Jahres 2024 ankommen“. Das werde „weiter dazu führen, dass Menschen aus weniger begüterten Familien von der Aufnahme eines Studiums abgehalten werden“, beklagt er.

Immer weniger Studentinnen und Studenten werden durch Bafög gefördert. Im Jahr 2025 ist die Zahl erstmals auf unter 300 000 gesunken, verglichen mit dem Vorjahr ein Rückgang von rund acht Prozent. Ein Problem sei, sagt Studierendenwerks-Leiter Anbuhl, dass viele Kinder vor allem aus armen Familien Angst hätten, sich zu verschulden. Oft sei nicht bekannt, dass man vom Bafög-Darlehen höchstens 10 000 Euro zurückzahlen muss. Vor allem in den 2010er-Jahren sei das Bafög als politisches Instrument vernachlässigt worden. Seit 2012 sinkt die Zahl der Bafög-Empfänger „nahezu konstant“, heißt es in der Auswertung.

Die Studienautoren fordern, die Anhebung der Grundbedarfssätze vorzuziehen und die Wohnkostenpauschale immer wieder neu anzupassen, also zu „dynamisieren“. Eine Finanzierung über zum Beispiel Studiengebühren, gestaffelt nach Elterneinkommen, wie sie einzelne Bildungsforscher vorschlagen, lehnt der Paritätische Gesamtverband ab. Unterschiedliche Leistungsfähigkeit müssten über das Steuersystem ausgeglichen werden, sagt Rock.

Immer weniger Studierende beziehen Bafög, so wenige waren es zuletzt im Jahr 2000. Woran das liegt – und was dagegen getan werden könnte.

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