SZ 20.03.2026
15:51 Uhr

(+) Neue Sprecherin der Händler: Was tun gegen den Party-Wahnsinn auf dem Viktualienmarkt?


Sabine Kroiß ist neue Vorsitzende der Standbetreiber. Auf sie kommen gewaltige Herausforderungen zu – nicht nur wegen des immer größeren Andrangs.

(+) Neue Sprecherin der Händler: Was tun gegen den Party-Wahnsinn auf dem Viktualienmarkt?

Die Standbetreiber auf dem Viktualienmarkt haben seit dieser Woche eine neue Sprecherin – zumindest jene, die der Interessengemeinschaft Viktualienmarkt e. V. (IGV) angehören: Auf Marco Stohr vom gleichnamigen Obst- und Gemüsestand folgt Sabine Kroiß von der Wildmetzgerei „Wilde Zeiten“ als erste Vereinsvorsitzende. Stohr rückt als ihr Stellvertreter nach drei Jahren bewusst an die zweite Stelle, es sei Zeit für ein „neues Gesicht“, sagt er. Und bei allen Herausforderungen, vor denen der Viktualienmarkt steht, ist sich Stohr sicher: „Wenn es jemand schafft, dann Sabine Kroiß.“

Kroiß betreibt ihren Stand in der Metzgerzeile gemeinsam mit ihrem Bruder seit Dezember 2020, auch Mitglied bei der IGV ist sie seitdem: Von Anfang an sei es ihr ein Anliegen gewesen zu verstehen, wie der Markt tickt und was die Menschen umtreibt, die dort arbeiten, sagt sie. In ihrer neuen Funktion als Vereinsvorsitzende sieht sie sich in den kommenden zwei Jahren als Vermittlerin „nach innen und nach außen“, sprich zwischen den Standbetreibern untereinander, aber auch im Austausch mit dem für den Viktualienmarkt zuständigen kommunalen Eigenbetrieb Märkte München sowie der Stadt.

Das dürfte, so viel wird in Gesprächen mit Kroiß, Stohr und dem neuen Schriftführer Georg Schlagbauer von der Metzgerei Westerberger Fullblood schnell klar, keine ganz leichte Aufgabe werden: Allein die Interessen der Standbetreiber sind so vielfältig und bunt wie ihr kulinarisches Angebot, es bleibt der ewige Spagat zwischen Tradition und Moderne. Und doch ist Kroiß, die im kommenden Jahr auch bei den Marktweibern mittanzen wird, überzeugt: „Der Markt kann nur als Gemeinschaft funktionieren.“

Erst recht jetzt, da er sich einmal mehr im Wandel befindet: vom „reinen Versorger- hin zu einem Genießermarkt“, wie Stohr es formuliert. In einem ersten Schritt möchte die neue Vorsitzende Kroiß deshalb herausfinden, welche unterschiedlichen Positionen es gibt, und diese im Idealfall in einer gemeinsamen Leitlinie zu einer gemeinsamen Position zusammenführen. Stohr findet das richtig: Es müssten alle Interessen berücksichtigt werden, nicht die von Einzelnen. Kroiß möchte deswegen auch mit jenen Standbetreibern das Gespräch suchen, die nicht Teil der IGV sind. Genaue Zahlen hat sie nicht parat, aber sie schätzt, dass ein Drittel der etwa 140 Standbetreiber kein Mitglied im Verein ist.

Ein großes Thema ist aktuell der riesige Andrang auf dem Markt – gerade an den Samstagen, wenn das Wetter schön ist. „An den ersten schönen Tagen im Jahr wird es auf dem Viktualienmarkt voll – danach kann man ein bisschen die Uhr stellen“, so diplomatisch formuliert es Kroiß. Wobei ihr klar ist: Sie, die durch die Lage ihrer Metzgerei etwas weniger betroffen ist, sieht das anders als ein Standbetreiber, der das Gefühl hat, seine Kundschaft kommt nicht mehr an den Stand, weil es zu voll ist.

Während die einen also vom den Menschenmassen profitieren, verursachen sie für andere Stände Umsatzeinbußen. Stohr zum Beispiel wird deutlich: Die Situation sei eine „Vollkatastrophe“. Zunehmend würden Menschen die Getränke nicht mal mehr an den Ständen kaufen, sondern von woanders mitbringen. Mit dem Müll wiederum seien die Standbetreiber allein gelassen.

Sowohl Kroiß als auch Stohr sind sich einig: Es braucht eine bessere Steuerung etwa der Besucherströme. Stohr schlägt vor, den Markt aufzuteilen: in Flächen, auf denen verweilt werden darf, und welche, die freigehalten werden müssen. Er glaubt, dass das, wenn es klar kommuniziert wird, auch den Gästen zu vermitteln wäre. „Das muss man halt ausprobieren.“

Bei Sonnenschein verwandelt sich der Viktualienmarkt bisweilen in eine Partyzone. Die teils angetrunkenen Massen sind für etliche Händler ein Problem. Doch was tun? Alkohol verbieten? Über ein Phänomen, bei dem verschiedenste Interessen aufeinanderprallen.

Während Kroiß mehrfach betont, dass sie die Kanäle in alle Richtungen „offenhalten“ will, ist ihrem Vorgänger anzuhören, dass er nach drei Jahren ziemlich frustriert ist: Zwar werde mit ihnen als Standbetreiber geredet, am Ende aber, so sein Gefühl, verändere sich doch kaum etwas – und wenn doch, dann zu ihrem Nachteil, Stichwort Einwegverbot. Stohrs ganz genereller Vorschlag, nicht nur in Bezug auf das sogenannte Partyvolk, lautet deshalb: mehr Eigenverantwortung für den Viktualienmarkt.

Dafür plädiert Stohr auch mit Blick auf die Sanierung des Marktes, die bereits seit mehr als zehn Jahren im Raum steht – und aus Sicht aller Standbetreiber immer mehr drängt. Stohr will in seiner Funktion als zweiter Vorsitzender deshalb das Thema „hybride Sanierung“ vorantreiben. Ideen, wie das aussehen könnte, habe er viele, aber einmal mehr heißt es wohl: abwarten. Denn wer künftig als Oberbürgermeister an der Spitze des Rathauses steht und mit welcher Dringlichkeit sich der neue Stadtrat des Themas annimmt, muss sich erst noch zeigen. Sicher ist für Stohr nur: Der Viktualienmarkt darf weder weiter verfallen noch zur Dauerbaustelle werden.

Kroiß ist mit ihren Forderungen nur wenige Tage nach ihrer Wahl noch etwas vager, versucht aber vor allem einen positiven Eindruck zu vermitteln. „Es ist toll, dass der Markt so gut besucht ist“, sagt sie etwa. Oder: Ihr Gefühl sei schon, dass die Stadt erkannt habe, dass sich der Markt verändert und dass man auf diese Veränderungen reagieren muss. Aus dieser Erkenntnis heraus sei etwa der „Winterzauber“ gewachsen, bei dem alle Stände Alkohol verkaufen dürfen.

Dieses Format will Kroiß, und da wird sie dann doch konkret, gerne aufgreifen und ausweiten, Arbeitstitel „Lange Nacht des Viktualienmarkts“. Kroiß’ Vorstellung: eine Art Sommerfest, das sich vorrangig an Münchnerinnen und Münchner richtet und bei dem sich die Stände mit besonderen Angeboten präsentieren können. Ob sie glaubt, dass sich das diesen Sommer schon realisieren lässt? Eher nicht, meint Kroiß, auch Schriftführer Schlagbauer schüttelt den Kopf: „Wir müssen jetzt erst einmal alle da abholen, wo sie stehen.“

Lucy Allary setzt in ihrem jungen Unternehmen Eisbrunnen auf einen KI-Agenten. Wobei ihr „Frosty“ hilft und warum sie sagt: Ohne die Technik würde sie es nicht schaffen.

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