SZ 04.09.2026
16:35 Uhr

(+) Formel 1 in Monza: Kleiner Silberstich ins rote Herz


Außergewöhnliche Lage in Monza: Sollen die Ferrari-Fans nun Ferrari-Pilot Lewis Hamilton zujubeln? Oder dem Italiener Kimi Antonelli, der leider im falschen Auto fährt?

(+) Formel 1 in Monza: Kleiner Silberstich ins rote Herz

Der rote Faden an diesem ganz besonderen Rennwochenende der Formel 1 ist in Wirklichkeit eine Steinmauer. Sie fasst auf gut 13 Kilometer Länge den Königlichen Park von Monza ein. Dahinter liegt ein automobiles Heiligtum Italiens, das Autodromo Nazionale. Ausnahmezustand ist hier immer garantiert, dafür würde schon ein Vespa-Rennen der Streckenposten reichen. Dieser Große Preis von Italien aber, das 76. Gastspiel der Königsklasse in der Mailänder Vorstadt, droht alles zu sprengen, was die Rennserie an Begeisterung bislang erlebt hat.

In Kimi Antonelli kommt zum ersten Mal seit den Zeiten Alberto Ascaris in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts ein Italiener als Führender der Weltmeisterschaft zu einem Heimspiel. Sein erster Verfolger, 59 Punkte zurück, ist Lewis Hamilton im Ferrari. Grundsätzlich gehören die Herzen jedem Piloten im roten Auto. Aber die außergewöhnliche Ausgangslage bringt es mit sich, dass wir uns jeden Ferrarista als Faust vorstellen können: „Du bist dir nur des einen Triebs bewusst; O lerne nie den anderen kennen! Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der anderen trennen.“ Es ist der Grand Prix der großen Emotionen.

Beim Sieg von Lando Norris verliert Lewis Hamilton Boden im Wettkampf um den Titel. In Zandvoort ist zu erkennen, dass der siebenmalige Weltmeister und sein Ferrari-Kollege Charles Leclerc wenig harmonieren.

Auf der Hochgeschwindigkeitspiste mit dem Slogan Temple of Speed mag das Energiemanagement der Motoren ein Thema für die Fahrer sein, für die mehr als 100 000 Zuschauer, die erwartet werden, ist es keins. Sie laden sich schon am bloßen Anblick einer Motorradstandarte und vierer Alfa Romeo in Polizeilackierung auf, die einen Geländewagen mit württembergischen Kennzeichen durch den Park eskortieren, hinter den getönten Scheiben wähnen sie den Mercedes-Piloten Kimi Antonelli. Ein effizienter, dezenter Auftritt, die große Pose von ihm gibt es nur auf den Autogrammkarten für Monza, doch auch darauf greift er im schwarzen Rennanzug eher schüchtern an den Saum der italienischen Flagge. Ob das mit dem geplanten Motorwechsel zu tun hat, der ihn am Sonntag beim 13. WM-Lauf ans Ende des Feldes zurückwarf? „Das befreit mich, es lindert den Druck“, sagt Antonelli. Im Vorjahr an gleicher Stelle war das anders, da musste er beweisen, dass er seinen Platz in der Formel 1 verdient hat, wurde mit fast einer Minute Rückstand Neunter. Jetzt kann er nur noch gewinnen.

Lewis Hamilton, der andere Aufsteiger des Jahres in der Formel 1, scheint sich seiner Sache sehr viel sicherer zu sein. Das leidige Thema Stallorder bei der Scuderia ist für den Moment ausgeklammert, als er zum Dienstantritt direkt vor der Boxenanlage vorfährt. In einem restaurierten Ferrari F 40, der ein Scheunenfund sein soll und sogar die Ziffern 44 im Motorblock trägt, zufällig die angestammte Startnummer des Briten. Eine Geschichte, die selbst der Erzähler Hamilton für beinahe unglaublich hält. Er klettert aus dem flachen, gut drei Millionen Euro wertvollen Sportwagen (über die Farbe des Autos muss nicht gerätselt werden), schon stehen da nicht nur zig Fotografen, sondern hinter dem Heckspoiler auch eine Assistentin, die ihm einen beigefarbenen Ferragamo-Mantel über die Schultern seines schwarzen Maßanzuges streift.

„Ich wollte auf diese Weise auftauchen, um diesem Sport Tribut zu zollen, aber auch, um einen Moment festzuhalten, der nie wiederkommen wird“, sagt Hamilton.  Er posiert dann noch mit einem Aktenkoffer, die Botschaft ist klar: Er will seinen achten WM-Titel gewinnen. „Ich glaube fest daran, dass wir alles haben, um zu gewinnen“, sagt Hamilton.

Passend zum Wochenende der großen Gesten steht gegenüber der alten Haupttribüne ein nicht ganz so charmanter, zerlegbarer Zweckbau – die Schumacher Lounge. Ferrari zelebriert in Monza auch zwei große Bestehen: Zum 30. Mal jährt sich sein erster Auftritt und erster Sieg als Ferrari-Pilot im Autodromo, vor 20 Jahren beendete er seine Laufbahn mit der Scuderia, ebenfalls mit einem Sieg. In dem Pavillon wird am Freitag der Trailer für die vom 2. Oktober an ausgestrahlte Netflix-Dokumentation Schumacher 94 vorgestellt.

Auch Ferrari zelebriert seinen erfolgreichsten Piloten stilvoll: Die aktuellen Rennwagen lehnen sich in der Lackierung den ganz großen Schumi-Jahren an, Lewis Hamilton und Charles Leclerc tragen entsprechende Applikationen auf den Rennanzügen, Schumachers Weggefährten Sebastian Vettel und Rubens Barrichello werden einen F 2002 im Rahmenprogramm um die Strecke jagen. Schumacher-Managerin Sabine Kehm machen die rasenden Feierlichkeiten stolz: „Michael verdient es, dass sein Vermächtnis gewürdigt wird.“

An einer Säule der Schumacher-Lounge sind fünf der sieben WM-Titel des Kerpeners mit goldenen Lorbeerkränzen verewigt – nur jene, die er mit Ferrari errungen hat. Damit ist schon klar, was hier zählt. Benetton ist für die Hardcore-Fans nur ein Pulloverfabrikant. Lewis Hamilton, der mit Mercedes ebenfalls sieben Gesamtsiege errungen hat, reflektiert: „Ich erinnere mich, wie ich als Kind Computerspiele gespielt und dabei immer Michael in diesem Ferrari war und mir vorgestellt habe, wie es wäre, in seiner Haut zu stecken. Jetzt genieße ich das Privileg, diese Erfahrung selbst machen zu dürfen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl.“

Vor allem, weil er nach dem enttäuschenden Debüt in seinem zweiten Jahr echte Titelchancen hat. Sein Team zündet in Monza eigens eine weitere Motorenausbaustufe, nichts anderes erwartet das Publikum. „Für die Italiener gibt es den Papst und Ferrari, soweit ich weiß, und Pasta und Pizza und die Familie“, sagt der 41 Jahre alte Brite, der vor einer Vertragsverlängerung stehen soll.

Für die italienischen Medien ist nicht nur das Duell der Generationen am Wochenende wichtig, entscheidend ist auch die Frage, wann Kimi Antonelli in den Ferrari-roten Rennanzug schlüpfen wird. Verschlüsselt wird auf Max Verstappen hingewiesen, der wohl seine ganze Laufbahn bei Red Bull Racing verbringen wird: „Kimi, ist es besser, treu zu bleiben oder sich auch anderswo auszuprobieren?“ Die Mercedes-Medienabteilung hatte Antonelli längst für solche Fangfragen präpariert, so sagt er vermeintlich unbefangen: „Ich kann das schlecht beantworten, schließlich beginnt meine Karriere gerade erst. Ich würde es wohl ähnlich machen wie Max, ich schulde Mercedes viel. Vielleicht bleibe ich auch für immer dort, wir werden sehen.“ Ein kleiner Silberstich mitten ins rote Herz.

Fast eine Minute in lodernden Flammen, kaum 40 Tage später schon wieder im Rennwagen: Niki Laudas Unfall auf der Nordschleife des Nürburgrings vor 50 Jahren hat vieles verändert. Für ihn selbst. Aber auch im Motorsport.

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