SZ 30.06.2026
13:58 Uhr

(+) Elfmeterschießen gegen Paraguay: Warum musste Tah antreten?


Nach dem verlorenen Elfmeterschießen gegen Paraguay wird die Auswahl der DFB-Schützen kritisiert – eine Szene zeigt, wie Kapitän Kimmich die Reihenfolge erst auf dem Rasen festlegt.

(+) Elfmeterschießen gegen Paraguay: Warum musste Tah antreten?

Joshua Kimmich suchte nach Elfmeterschützen, und das war offenbar gar nicht so einfach. Antonio Sanabria hatte für Paraguay soeben den ersten Matchball vergeben und seinen Elfmeter neben das Tor gesetzt, Deutschland bekam also noch eine Chance. Und während sich der fünfte Schütze der DFB-Elf, Nadiem Amiri, mit dem Ball auf den Weg zum Punkt machte, rekrutierte Kapitän Kimmich am Mittelkreis die möglichen weiteren Kandidaten.

„Nene, acht?“, fragte er gut hörbar für die TV-Mikrofone Nathaniel Brown, bevor er sich Leon Goretzka zuwendete: „Oder Leon, du?“ Goretzka schien nicht besonders scharf darauf zu sein, als achter Schütze ausgewählt zu werden, er atmete aus, deutete ein Kopfschütteln an, so wirkte es aus der Kameraperspektive, woraufhin Kimmich „Neun!“ sagte und dabei auf ihn zeigte. Danach ging er auf Waldemar Anton zu und sagte „Waldi auf Zehn“.

Es waren letztendlich hinfällige Festlegungen. Zwar traf Amiri, und Manuel Neuer wehrte Paraguays fünften Versuch ab, Deutschland hatte tatsächlich einen Zwei-Tore-Rückstand im Elfmeterschießen noch ausgeglichen und vermeintlich das Momentum nun auf seiner Seite. Aber dann zielte der nicht als Elfmeterschütze bekannte Innenverteidiger Jonathan Tah als sechster Schütze weit drüber. Und nach dem Tor von José Canale zum 4:3 war das DFB-Team mit dem ersten verlorenen Elfmeterschießen der deutschen WM-Geschichte im Sechzehntelfinale ausgeschieden. Zuvor hatte überhaupt nur Uli Stielike 1982 gegen Frankreich für Deutschland bei einer WM im Elfmeterschießen vergeben. Diesmal verschossen gleich drei Spieler: Kai Havertz, Nick Woltemade und Tah.

Ein Elfmeterschießen gilt als Lotterie. Manche Trainer aber bereiten es akribisch vor. Und so konnte man kaum anders, als die Schüsse der Deutschen wie ein Abbild eines insgesamt fahrlässigen Auftritts in Boston zu interpretieren. Das begann schon mit der Auswahl der ersten fünf Schützen durch Julian Nagelsmann. Dass Havertz gleich als erster und für gewöhnlich sicherster Schütze vergab, daraus leitete niemand einen Vorwurf an den Bundestrainer ab. Beim dritten Schützen, Woltemade, allerdings schon. Sein Fehlschuss, ein harmloser Roller Richtung rechte Ecke, sei „irgendwo naheliegend“, fand Fritzy Kromp, Trainerin der Bundesliga-Frauen des SV Werder Bremen und TV-Expertin im ZDF. Denn: „Man hat ihn gefühlt vorher gekillt.“ Auf Nachfrage konkretisierte sie: „Der Trainer mit seinen Entscheidungen.“

Deutschland, ehemaliger Exportweltmeister, ehemaliger Automobilriese, wird jetzt auch im Weltfußball rausgekickt. Aus im Sechzehntelfinale, im Elfmeterschießen, gegen Paraguay. Ein Trauerspiel.

Woltemade, der beste deutsche Torschütze in der WM-Qualifikation, war vor dem Montag bei der WM nicht zum Einsatz gekommen, nicht mal im fürs Weiterkommen unbedeutenden letzten Gruppenspiel gegen Ecuador (1:2). Gegen Paraguay wurde er als Einwechselspieler dann plötzlich gebraucht, aber Sicherheit strahlte er keine aus.

Noch merkwürdiger wirkte, dass die Wahl auf Tah als sechsten Schützen fiel. Der Elfmeter zählt nicht zu seinen Spezialitäten, sein Standbein platzierte er beim Schuss zu weit neben den Ball. Einen Vorwurf an Tah formulierte berechtigterweise niemand, denn er hatte sich schließlich die nervlich anspruchsvolle Aufgabe zugetraut. Anders als offenbar Leon Goretzka. Dabei zählt die Schusstechnik fraglos zu seinen Stärken, und mit 31 war er der erfahrenste unter den verbliebenen Offensivspielern.

Und noch etwas war merkwürdig: Während sich Paraguay ganz offensichtlich auf ein Elfmeterschießen vorbereitet hatte – Torwart Orlando Gill ließ keine Spielerei aus, um die Deutschen zu verunsichern und sagte später: „Ich habe jeden Spieler, jeden Aspekt, jedes Detail analysiert“ –, war bei den Deutschen eher nicht jedes Detail geplant. Sonst hätte Kimmich wohl nicht erst auf dem Rasen eine Reihenfolge festlegen müssen.

Die ganze Welt weiß, dass niemand schlechter verlieren kann als Joshua Kimmich. Und trotzdem muss der deutsche Anführer sein drittes WM-Scheitern verdauen – dabei hatte er vor all dem Unglück gewarnt.

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