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18.03.2026
17:45 Uhr
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In seinem einen Leben schoss er Tore für einen Klub aus Haidhausen, in einem anderen war er mutmaßlich Teil eines internationalen Drogenrings: Der Fall eines 34-Jährigen wühlt den Münchner Amateurfußball auf – denn er könnte für den Verein schwerwiegende Folgen haben.

Ein ganz normaler Junge sei er gewesen – und eigentlich ein sehr netter, sagt Giuseppe Scialdone. Doch die Lügen seines Spielers erschüttern den Vorstand des Fußballvereins SpVgg 1906 Haidhausen. Denn eigentlich stimmte nichts von dem, was der Kicker über sich erzählt hatte. „Angeblich hatte er ein Fitnessstudio“, sagt Scialdone. Von den Drogengeschäften wusste niemand im Verein. Und die größte Lüge: Der Spieler hatte sich eine falsche Identität zugelegt.
Die Geschichte, die den Münchner Amateurfußball gerade aufwühlt, nahm ihre entscheidende Wendung abseits des Platzes: In der Constanze-Hallgarten-Straße in Obersendling wollten Zivilfahnder Anfang Dezember 2025 einen per Haftbefehl gesuchten Mann festnehmen. Der 34-Jährige versuchte, mit seinem Auto zu flüchten. Die Beamten versperrten ihm den Weg. Der Mann fuhr einfach weiter, die Polizisten schossen, der 34-Jährige wurde am Arm getroffen und festgenommen. Es war Scialdones Spieler.
Danach durchsuchten die Ermittler dessen Wohnung, sie fanden mehr als fünf Kilogramm Amphetamin und Methamphetamin. Zudem besaß der Mann mehrere scharfe Schusswaffen und gefälschte Papiere. Die Staatsanwaltschaft München bestätigt, dass gegen den 34-Jährigen wegen des Verdachts des versuchten Mordes und bewaffneten Handels mit Betäubungsmitteln ermittelt wird. Weitere Angaben macht die Behörde mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht.
Kurz nach der Festnahme kontaktiert die Polizei die SpVgg Haidhausen und den Bayerischen Fußballverband (BFV) und teilt ihnen mit, dass der Spieler nicht so heißt wie auf seinem Spielerpass angegeben. Der 34-Jährige, der zuvor auch beim FC Neuhadern und dem SV Aubing gespielt hatte, hatte sich 2018 offenbar mit gefälschtem Ausweis als Verbandsspieler registrieren lassen.
Für alle im Verein sei es ein Schock gewesen, sagt Scialdone – der 34-Jährige war ja einer von ihnen. Sie haben zusammen Siege gefeiert und Niederlagen verdaut. Sie sind mit seinem Auto zu Auswärtsspielen gefahren. Und dann stellt sich heraus: Der Mann ist nicht der, als der er sich ausgibt, sondern ist mutmaßlich Mitglied eines internationalen Drogenrings. „Wir sind aus allen Wolken gefallen“, sagt Scialdone. Der Vertrauensbruch ist das eine. Doch der Fall könnte für die Haidhauser auch noch zum Problem im Aufstiegsrennen in der Kreisliga 3 werden.
Ein Fahnder der Polizei zeigt bei einer Tour durch die Samstagnacht, wie in München konsumiert und gedealt wird. Nicht diskret, sondern beinahe unverschämt offen.
Denn weil der Spieler, mit neun Toren in 14 Spielen einer der Leistungsträger seiner Mannschaft, unter falschem Namen auflief, gilt er nach den Regularien des BFV als nicht spielberechtigt. Somit würden alle Spiele der laufenden Saison, in denen er für Haidhausen auflief, als verloren gewertet. 27 Punkte könnte der Verein dadurch verlieren.
Der Tabellenführer der Kreisliga 3 befände sich dann plötzlich im Abstiegskampf statt im Aufstiegsrennen – und das, obwohl er keine Möglichkeit hatte, den Betrug seines Spielers aufzudecken. „Der Pass war schon da, wir haben nur die Daten übertragen“, sagt Scialdone. Dass diese nicht stimmen, könne der Verein nicht überprüfen – für die Ausstellung des Spielerpasses sei nicht der Verein, sondern der Verband zuständig.
Auch für den BFV ist der Fall des 34-Jährigen ein Novum – es habe bislang nichts Vergleichbares gegeben, heißt es. Mehr sagt der Verband mit Verweis auf das laufende Verfahren vor dem Sportgericht und die Ermittlungen nicht. In einer Mail an die Vereine der Kreisliga 3, die der SZ vorliegt, betont der BFV aber, dass die „sportgerichtlichen Ermittlungen einzig und allein darauf fußen, dass ein Spieler aufgrund falscher Identitätsangaben“ nicht spielberechtigt war. „Weder der Verein noch wir als Verband hatten vor dem Hinweis der Polizei Kenntnis von diesem Umstand der Urkundenfälschung“, schreibt der BFV.
Doch selbst wenn der Verband die Schuld nicht bei Scialdone und den Haidhausern sieht – der Fall stellt ein sportrechtliches Dilemma dar. Denn die Regel besagt klar: Ist ein Spieler nicht spielberechtigt, werden alle Punkte abgezogen, die der Verein in den Spielen errungen hat, in denen der Spieler aufgelaufen ist. Das Problem: Sollte das Sportgericht den Haidhausern die 27 Punkte belassen, könnten die Mannschaften klagen, die gegen Haidhausen verloren haben. Das würde die Sportgerichte eine ganze Weile beschäftigen. Dabei drängt die Zeit: Im Mai endet die Saison. Bis dahin muss der Fall abgeschlossen sein, damit Mannschaften und Verband für die kommende Saison planen können.
Allerdings bezieht sich die Regelung des BFV vorrangig auf Fälle, in denen ein Spieler unter Mitwissens des Vereins mit dem Spielerpass eines Mitspielers ausgestattet wurde. Manche Klubs versuchen dadurch etwa, eine Sperre nach einer roten Karte zu umgehen. „Aber wir wussten ja von nichts“, betont Scialdone. Im Gegenteil: Seine Mannschaft habe nicht betrogen, sondern sei ebenfalls vom eigenen Mitspieler belogen worden.
Der Vorstand der SpVgg 1906 Haidhausen hofft nun auf eine Lösung, die seinem Verein den Punktabzug erspart. „Wir müssen alle schauen, wie man aus der Situation rauskommt“, sagt Scialdone. „Niemand kann etwas dafür.“ Außer sein Spieler – und für den ist die Saison durch die Untersuchungshaft sowieso vorzeitig beendet.
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