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09.09.2026
06:25 Uhr
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Forscher haben in LG-TVs neue Tricks entdeckt, mit denen die Zuschauer getrackt werden. Das Tracking dient der Werbung, es kann aber auch gefährlich werden.

Über die automatische Inhalteerkennung an Smart-TVs haben wir schon häufiger geschrieben und erklärt, wie man sie in den TV-Menüs deaktivieren kann. Vor einiger Zeit haben wir uns auch den Netzwerkverkehr moderner TV-Geräte in Hinblick auf Datenschutz genauer angesehen und Tipps für eine datensparsame Konfiguration gegeben. Doch die Maßnahmen reichen offenbar nicht aus, um die Spione im Wohnzimmer mundtot zu machen.
Der YouTube-Kanal Gamers Nexus hat sich diverse LG-TVs noch einmal genauer angeschaut und ist dabei auf einiges gestoßen, was bislang nicht bekannt war.
Auch wenn sich die Betrachtungen bislang ausschließlich auf LG-Fernseher beziehen, muss man davon ausgehen, dass die entdeckten Verfahren irgendwann auch in den Geräten anderer TV-Hersteller auftauchen. Der Grund: Einnahmen mit Werbung am TV und den werbeunterstützten TV-Sendern (FAST) übersteigt zumindest in den USA bereits die Einnahmen durch die Hardware. Die Werbeeinnahmen lassen sich über den gesamten Lebenszyklus der Geräte erzielen und nicht nur einmalig beim TV-Verkauf. Das macht das ACR-Business so interessant.
Für die automatische Inhalteerkennung (ACR) nimmt das TV eine kurze Sequenz der aktuell laufenden Audio- und/oder Bildinhalte auf und erzeugt daraus einen Fingerprint. Dazu braucht es keine kompletten Screenshots oder lange Audioaufnahmen, sondern nur kleine Bild- und Tonausschnitte, die es in einen Hash, also einen Textschnipsel, umwandelt. Den Schnipseln kann man über ausgefeilte Datenbanken das geschaute Video, das gespielte Game oder das gehörte Konzert zuordnen. Vor zehn Jahren hatte LG laut Gamers Nexus noch die Filenames selbst geschickt, was seinerzeit aber einen Shitstorm ausgelöst hatte wegen Sicherheitsbedenken. Deshalb wurde das Verfahren irgendwann auf die ohnehin sparsameren Hashes umgestellt.
ACR findet auch statt, wenn man das TV über HDMI als Monitor etwa an einer Playstation oder mit einem HDMI-Stick nutzt. Weil die Werbung im gesamten WLAN verteilt wird, können auch Smartphones, die jemand beim Schauen eines Films oder beim TV-Gucken nutzt, mit zur Sendung passender Werbung bespielt werden.
Diese Vorgehensweise speziell für die Inhalteerkennung am großen Bildschirm war bereits bekannt, doch es gibt einige neue überraschende Erkenntnisse, wie Gamers Nexus berichtet.
So reichen der Werbeindustrie sechs Sekunden kurze Sequenzen aus, um den Fingerprint des Inhalts mit den Datenbanken abzugleichen und die jeweiligen Inhalte zuzuordnen.
Anders als LG behauptet, sammelt das TV nach Angaben der Security-Forscher auch dann fleißig Audio- und Videodaten, wenn man die AGB für die Inhalteerkennung abgelehnt hat: Das TV schickte noch einen finalen Screenshot aller getrackten Daten zu Alphonso, aka LG Ad Solutions, nachdem sie alle Datenschutz-Optionen im Menü abgelehnt hatten. Außerdem authentifizierte es sich mit jedem Boot-Vorgang und sandte einen „TV is online“-Beacon an LG. Gleiches passierte, als sie das Netzwerk wechselten oder sich das TV erneut verbunden hatte.
Das eingebaute Fernfeldmikrofon lässt sich mit einem Schalter unter den TVs deaktivieren. Dieser schaltet aber nur das Fernfeldmikrofon aus (wobei die Hacker bezweifeln, dass das Mikro wirklich aus ist oder nur leise geschaltet wird). Anschließend konnte das TV aber mit anderen Mikrofonen im System weiter Audio aufnehmen. Dazu nutzte es beispielsweise angeschlossene USB-Lautsprecher, USB-Webcams, andere USB-Peripherie mit eingebauten Mikrofonen, ein angeschlossenes Stereo-Set-up mit Mikrofonen für die Echounterdrückung und natürlich das in der Fernbedienung eingebaute Mikro, sofern sie die Mikrofontaste gedrückt hielten.
Zudem horchte das im TV eingebaute Fernfeldmikrofon noch 10 bis 15 Sekunden lang weiter, nachdem sie es mit dem Schlüsselwort zum Zuhören aufgefordert hatten. Wenn also jemand sagt „Hi LG; schalte aufs Erste Programm um“, und das TV wechselt den Kanal, horcht es bis zu 15 Sekunden lang weiter in den Raum und schneidet die Gespräche mit. Dabei verstand es im Test die Sprache aus bis zu 18 Metern Entfernung klar und deutlich. LG hatte auf eine frühere Anfrage von Gamers Nexus versichert, dass die TVs keine Umgebungsgeräusche aufnehmen, also auch keine Gespräche im Hintergrund. Das scheint demnach nicht korrekt.
Als die Forscher das TV vom Netzwerk trennten, sammelte es im Gerät weiterhin Daten und übertrug diese, sobald sie es – etwa für Updates – wieder mit dem Netz verbunden hatten. Es stehen nach Angaben des beteiligten Router-Experten Wendell Wilson circa 4 GByte von den 16 GByte Flashspeicher des TVs für die Audioaufzeichnung bereit und die Übertragung zu LGs oder Alphonsos Webservern dauerte weniger als 10 Minuten.
Auch wenn man über das TV-Menü auffordert, das TV möge alle internen Daten löschen, löscht es nach Einschätzung von Gamers Nexus nicht die Logfiles im RAM, sondern nur die Daten auf den LG-Servern. Wenn man das TV runter- und wieder hochfährt, werden die ausführlichen Protokolle ebenfalls nicht gelöscht.
Erst als sie es vom Strom trennten, wurde das RAM gelöscht und die ausführlichen Logfiles verschwanden. Andere Logs könnten jedoch bleiben, meinen die Forscher. Ob ein Werksreset und vom Strom trennen alle Daten löscht, bezweifeln sie.
Die vom TV aufgezeichneten Audiodaten landen zunächst im internen Flash-Speicher. Wer Zugriff auf den Speicher erhält, hat Zugriff auf die Audiodaten. Gamers Nexus gelang es, die Audiodaten vor der Umwandlung in Hashes auszulesen. Dafür sind sie tief in die ACR-Technik getaucht und haben eine Software als man in the middle eingeschleust, die Audiodaten automatisch abgreifen und verschicken konnte, sobald das TV etwas aufzeichnete. In den debug-logs im Speicher fanden sie die transkribierten Audiodaten im Klartext.
Ältere LG-TVs haben nach Angaben von Forscher Wendell ausführlicher protokolliert, doch das scheint die 1 bis 2 GByte RAM zu schnell gefüllt zu haben. Deshalb schreibt LG die Logfiles inzwischen in den größeren Flash-Speicher.
LG nutzt ein zweites Feedback-Mikrofon in den TVs, das eine schlechte Audioqualität und sehr geringe Bitraten hat. Diese waren aber nicht gering genug, um die Sprachdaten zu schützen. Deshalb ließen sich die Sprachdaten aus den im RAM hinterlegten Logdateien sogar rekonstruieren und so konnte Wendell nachträglich mithören, was am oder in der Nähe des TVs gesagt wurde.
Während der gehackten Audioaufnahmen musste das TV weder im Netz sein noch angeschaltet, denn es agierte auch im Standby als Aufnahmegerät und schickte die Daten nach draußen, sobald es wieder mit dem Netz verbunden wurde.
Eindringlinge können das TV aber nicht nur als Aufzeichnungsgerät nutzen, sondern auch als Proxy, um den Internetverkehr im Raum zu belauschen, erklärte Wendell.
Er skizzierte ein Konferenzszenario, in dem das TV als Monitor an HDMI angeschlossen wird, etwa in einem wichtigen Shareholder-Meeting. Dabei zeichnet es den Ton auf, der über HDMI an die Speaker weitergeleitet wird. Das Szenario ließe sich vorab anstoßen, die Eindringlinge mussten also nicht selbst mit dem Notebook vor Ort sein, es genügt eine Netzwerkverbindung. Die Korruption des Traffics und der Aufzeichnung ist nach Einschätzung von Hacker Wendell in etwa 10 Minuten erledigt, es muss sich also nur kurz jemand allein mit dem TV im Raum befinden.
Zuweilen braucht die Verbindung nach draußen auch keine komplizierten Eingriffe, es reiche beispielsweise, wenn ein Mobilgerät am Schirm anfragt, ob es sich mit dem TV verbinden darf. Sobald der User auf okay klickt, erhält der Eindringling über das Mobilgerät Zugriff auf die Netzwerkfunktionen des TV.
Eine weitere Erkenntnis von Gamers Nexus: Auch wenn das TV nicht mit dem Internet verbunden ist, scannt es die Umgebung nach vorhandenen WLANs und kann aus den WLAN-Namen und den MAC-Adressen der Zugangspunkte eine Geolocation machen, also den Ort des TVs herausfinden.
Einem Forscher gelang es, aus der Ferne Zugriff auf LG-TVs zu bekommen, also ohne physischen Zugang. Das funktioniere besonders einfach über den Chromium-basierten Browser des TV, etwa indem man dem Fernseher vorgaukelt, ein Mobilgerät zu sein, das sich mit dem TV verbinden möchte. Sobald ein Nutzer die Aufforderung bzw. Frage nach Verbindung herstellen bestätigt, könne er das TV übernehmen.
Ältere LG-TVs hatten keine Werbe-ID und unterstützen deshalb kein ACR. Im Laufe von Firmware-Updates wurde ihnen diese aber verliehen – ungefragt natürlich, und diese ID lässt sich nicht mehr abstellen, monierte Wendell.
Die YouTuber haben sich im Laufe ihrer Untersuchungen die AGB und sämtliche Vereinbarungen zur Datensammlung auf dem TV näher angeschaut. Um alles lesen zu können, mussten sie 1246 Mal auf das „ok“ der Fernbedienung klicken, um sich durchzuscrollen. Hinzu kamen 1459 Klicks, um die Bedingungen für den LG-Account zu studieren, den man anlegen muss, um Apps zu nutzen, sowie weitere Nutzervereinbarungen.
Mit über 50.000 Wörtern, für die im Mittel drei bis vier Stunden Lesezeit fällig sind, mache LG zwar sehr deutlich, dass die TV-Zuschauer und alle im Haushalt Anwesenden belauscht werden. Doch wer liest schon die ganzen Bedingungen.
In den AGB beruft sich LG auf die externe Firma Alphonso und dessen Bibliotheken. Allerdings hat LG Alphonso 2021 mehrheitlich übernommen und LG Ad Solutions ist eingetragen als Alphonso Inc. Alphonso machte im ersten Quartal 2026 über 270 Milliarden Won Umsatz, das sind 192 Millionen US-Dollar, und erzielte rund 32 Millionen Dollar Gewinn. Weil das Verhältnis Gewinn zu Umsatz bei Alphonso mit 17 % deutlich besser ist als bei der Hardware, möchte LG Alphonso zu 100 % übernehmen.
Auch Microsoft ist in die Datenerhebung involviert, nämlich über die hauseigene Firma Nuance Communications Inc. Diese wird laut Gamers Nexus in den AGB zur Sprachsteuerung als Servicepartner genannt, der Sprachdaten bei der Eingabe sammelt und analysiert.
Welche Auswirkungen das haben könnte, zeigte sich jüngst bei LGs Versuch, auch die hauseigenen Monitore als Werbeplattformen auszubauen. Die App „LG Monitor App Installer“, die automatisch im Hintergrund per Windows Update heruntergeladen wird und im System-Autostart landet, schleuste Werbung für Antivirus-Software von McAfee ein.
Nach heftigen Protesten der Nutzer wurde die Werbung zwar entfernt, das Monitor-Update kommt aber weiterhin ungefragt über ein Windows-Update ins Haus. Schaut man sich die Tricks der Smart-TVs nicht nur bei LG an, drohen damit weitere Verwerfungen.
(uk)