Heise 30.07.2026
10:33 Uhr

Halbjahresbilanz bei BMW: Jobabbau und Gewinnwarnung


BMW verzeichnet einen massiven Gewinnrückgang und baut weltweit 8000 Stellen ab, über die Hälfte davon in Deutschland. Die Neue Klasse soll die Wende bringen.

Halbjahresbilanz bei BMW: Jobabbau und Gewinnwarnung

BMW hat im zweiten Quartal 2026 einen Gewinneinbruch von rund 35 Prozent hinnehmen müssen. Der Konzern erwirtschaftete nach Steuern nur noch 1,2 Milliarden Euro, der Umsatz sank von 34 auf 31 Milliarden Euro. Der operative Gewinn im Automobilgeschäft brach sogar um mehr als 60 Prozent auf 629 Millionen Euro ein. BMWs Finanzdienstleistungssparte verdient diesen Zahlen zufolge inzwischen mehr als das eigentliche Kerngeschäft mit Fahrzeugen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum BMW gestern den Abbau von rund 8000 Stellen bis 2027 angekündigt hat.

Besonders arg traf BMW die Entwicklung am chinesischen Markt: Dort lieferte BMW im zweiten Quartal nur noch 117.815 Fahrzeuge aus, minus 30,2 Prozent im Jahresvergleich. Im gesamten ersten Halbjahr summiert sich der China-Rückgang auf 20,4 Prozent. Wie BMW in seinem Halbjahresbericht mitteilt, fielen die weltweiten Auslieferungen im zweiten Quartal um 4,9 Prozent auf 590.962 Fahrzeuge. Im ersten Halbjahr waren es 1.156.742 Einheiten oder minus 4,2 Prozent.

Der Einbruch in China trifft BMW härter als die Konkurrenz. Anders als Volkswagen mit seiner breiten Modellpalette und starken lokalen Marken ist BMW im chinesischen Premiumsegment besonders exponiert, wo ein Preiskampf lokaler Elektroautohersteller wie BYD und Nio tobt. Erschwerend kommt hinzu, dass BMWs neue batterieelektrische Plattform „Neue Klasse“ zunächst in Europa angelaufen ist, während in China noch ältere Modelle im Programm blieben. Mercedes-Benz erwirtschaftete im gleichen Zeitraum zwar nur circa 1,09 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern, VW kam auf 1,54 Milliarden, doch haben beide schon früher begonnen, sich mit eigenen Elektroautomodellen für China aufzustellen.

BMWs seit Mitte Mai 2026 amtierender Vorstandschef Milan Nedeljković charakterisierte die Lage seiner Branche mit den Worten: „Die Herausforderungen in der gesamten Automobilindustrie nehmen rasant zu: Ein harter globaler Wettbewerb, steigende regulatorische Anforderungen und die Auswirkungen geopolitischer Konflikte werden unser Geschäftsmodell in den nächsten Jahren prägen. Daher gilt es, schlank und agil zu sein.“ Nedeljkovic meint damit insbesondere die strengeren EU-CO₂-Flottenziele, Handelskonflikte zwischen EU, USA und China samt wechselseitiger Zölle auf Elektroautos, unsichere Lieferketten für Batterierohstoffe und Halbleiter sowie anhaltende Energiepreisschwankungen.

Zur Kostensenkung kündigt BMW ein freiwilliges Abfindungsprogramm an, das ab Oktober 2026 laufen und bis Ende 2027 insgesamt rund 8000 Stellen abbauen soll. Von den weltweit rund 154.000 Beschäftigten arbeiten circa 85.000 in Deutschland, dort ist mehr als die Hälfte der Streichungen zu erwarten. Rund 40.000 Beschäftigte in den sogenannten indirekten Bereichen Verwaltung, Forschung und Entwicklung, Planung, Management sowie Vertrieb sollen ein Angebot erhalten. Die Münchner Konzernzentrale mit ihren großen Verwaltungs- und Entwicklungsabteilungen gilt als besonders betroffen. Produktionsmitarbeiter in den Werken sind explizit ausgenommen.

Finanzvorstand Walter Mertl betonte: „Nach Einsparungen von 2,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr intensivieren und beschleunigen wir unsere Effizienzmaßnahmen und gehen strukturelle Veränderungen gezielt an. Unser Ziel ist weniger Komplexität und eine niedrigere Kostenbasis.“ Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben. Die Abfindungshöhe richtet sich wie branchenüblich nach Betriebszugehörigkeit und Gehalt. BMW plant allein für 2026 einen dreistelligen Millionenbetrag, insgesamt stellt der Konzern rund eine Milliarde Euro für Personalmaßnahmen zurück. Bei Mercedes waren zuletzt Abfindungen von bis zu 500.000 Euro pro Kopf im Gespräch. Demnach dürfte BMW ähnlich großzügig kalkulieren müssen, um genug Freiwillige zu finden. Schon 2025 hatte der Konzern rund 3000 Stellen abgebaut, vorwiegend in Deutschland und China.

Die Verkaufs- und Bestellungszahlen der ersten Modelle auf BMWs dedizierter batterieelektrischer Plattform „Neue Klasse“ geben Anlass zu Hoffnung. Insgesamt legten die BEV-Auslieferungen im zweiten Quartal 2026 unter anderem durch den Europa-Start des neuen BMW iX3 um 5,2 Prozent auf 116.807 Stück zu. Welch großen Anteil der iX3 dabei hat, wurde deutlich, als Vertriebsvorstand Jochen Goller erklärte, man sei „auf Kurs für den nächsten großen Meilenstein von 100.000 Auftragseingängen“ beim BEV BMW iX3 (Test). Das zweite Neue-Klasse-Modell, der BMW i3, generiert laut BMW bereits vor dem offiziellen Marktstart starke Nachfrage.

Anders als die bisherige „CLAR“-Basis, die Verbrenner, Plug-in-Hybride und Elektroautos auf einer Basis vereinen musste, ist die Neue-Klasse-Plattform konsequent auf batterieelektrische Antriebe ausgelegt. Sie bietet höhere Systemspannungen bis 800 Volt für schnelleres Laden, eine neue Elektrik-Elektronik-Architektur mit zentralen Hochleistungsrechnern statt vieler dezentraler Steuergeräte sowie modulare Batteriepacks mit höherer Energiedichte. BMW zielt damit auf das softwaredefinierte Fahrzeug mit Over-the-Air-Updates und neuen Funktionen über die gesamte Lebensdauer.

Die neue Führung um Nedeljkovic zieht offensichtlich Konsequenzen. Die nicht mehr zeitgemäßen Modelle auf Basis von Mischplattformen werden abgelöst, die Belegschaft der Auftragslage angepasst. Bleibt die hohe Abhängigkeit vom chinesischen Premiummarkt: Obwohl Europa im ersten Halbjahr um 5,4 Prozent zulegte, konnte das den Einbruch in China bei Weitem nicht kompensieren. Der Gewinn schrumpft seit Jahren stetig: von 6,6 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2023 über 5,7 Milliarden 2024 und 4,0 Milliarden 2025 auf nun rund 2,9 Milliarden Euro.

Ob die Neue Klasse die Wende bringt, wird sich frühestens 2027 bis 2028 zeigen, wenn die Plattform in voller Breite skaliert und die Hochlaufkosten einzuspielen beginnen. Bis dahin muss BMW, drittgrößter deutscher Autohersteller nach Volkswagen und Mercedes, dem Kurs dieser Konkurrenten zunächst folgen und sparen.

(fpi)