FAZ 10.09.2026
14:17 Uhr

königlich Dänisches ballett: Ein Däne für die ganze Welt


August Bournonville machte Kopenhagen zum Zentrum eines Balletts, das von Reisen, Migration und der Sehnsucht nach fremden Welten erzählt. Seine Kunst wirkt bis heute weit über Dänemark hinaus.

königlich Dänisches ballett: Ein Däne für die ganze Welt

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete das Königliche Theater Kopenhagens größten kulturellen Versammlungsort, unter seinen Zuschauern waren der Philosoph Søren Kierkegaard, der Bildhauer Bertel Thorvaldsen und Hans Christian Andersen, und hier arbeitete bis in die späten Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts jener Ballettdirektor, den die Welt mit Dänemark verbindet wie Marius Petipa mit Russland. So berühmt und geliebt ist August Bournonville bis heute, dass das Königlich Dänische Ballett jetzt unter dem Titel „Til Glæden / August Bournonville“ („Zur Freude“) die neue Spielzeit mit einer Auswahl seiner überlieferten Werke eröffnete und das zu einer neuen Tradition erklärt hat. Dass sich zu seinen Lebzeiten am Kongens Nytorv im Publikum die Schichten mischten, hatte damals großen Einfluss auf das Theater: Nur wenige Zuschauer waren so weit auf der Welt herumgekommen wie der Choreograph selbst, den die Reise für sein letztes Ballett Mitte der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts bis nach Sankt Petersburg führte und der in 50 Balletten Wälder, italienische Hafenstädte und andere ferne Schauplätze erstehen ließ. Bournonvilles Erfolge lassen sich auch damit erklären, dass er sein Publikum kannte und wusste, dass das Sehen der wichtigste Sinn im Theater war. Er versetzte sein Publikum ins Staunen Visuell aufregende Bilder zu entwerfen, exotische Szenerien zu bauen und zu malen, überraschende Bühneneffekte wie Flugapparaturen zu inszenieren und seine Tänzer schön zu kleiden – und manchmal en travestie, etwa mit Ballerinen als Seekadetten –, war essenziell, um ein Publikum in Staunen zu versetzen, das sehr unterschiedlich gebildet war und vom Kind bis zum Greis alle Alter umfasste. Diese These formuliert Charlotte Christensen in dem 2005 anlässlich des 200. Geburtstags Bournonvilles erschienenen Band „Dansen er en Kunst“. Der Choreograph, so die Autorin, habe jedes Ballettszenario sofort als Tableau, als Szenerie vor seinem Auge gesehen. Weite Reisen spielen in der Geschichte nicht nur des dänischen Tanzes eine große Rolle. Nicht nur führten Ballette ihr Publikum im Theater in fremde Länder, nicht nur brachten Reisen und Migration berühmte französische Ballettmeister nach Russland oder Bournonvilles Vater nach Kopenhagen, auch die Gastspiele europäischer Ensembles in den Vereinigten Staaten veränderten seit den Tagen der Ballets Russes die Tanzgeschichte. Durch Tourneen über Kontinente hinweg erlebten amerikanische Kinder und Jugendliche, dass es etwas so Schönes wie Ballett gibt, und sie vielleicht Teil davon werden könnten. Amy Watsons Weg nach Kopenhagen Als die Kalifornierin Amy Watson vor zwei Jahren zur neuen Direktorin des Königlich Dänischen Balletts ernannt wurde, erzählte sie, wie sie als Dreizehnjährige die Company erlebt hatte. Für die Auftritte der Dänen im Performing Arts Center von Orange County wurden vier kleine Brautjungfern gesucht, die in August Bournonvilles Ballett „Eine Volkssage“ von 1854 um das Brautpaar Hilda und Junker Ove herumtanzen sollten. Hunderte kleiner Amerikanerinnen erschienen zu dem großen Vortanzen; aus ihnen wählten die berühmten Bournonville-Lehrer Frank Andersen und Anne Marie Vessel dann drei Mädchen – und Amy Watson. Die Ballettschülerin hatte noch nie mit professionellen Tänzern auf der Bühne gestanden. Es wurde für sie zu einer unvergesslichen Erfahrung. „Noch nie hatte ich so schöne Künstlerinnen aus der Nähe gesehen“, fasste Watson ihr überwältigendes Erlebnis später in Worte. Als sie dann an der School of American Ballet Bournonville-Repertoire einstudierte, fiel endgültig der Entschluss, nach Kopenhagen umzuziehen. Kein Wunder, dass nach ihrer solistischen Karriere dort nun die Wahl auf sie als neue Ballettdirektorin fiel. Sie folgt auf den Dänen Nikolaj Hübbe, der die traditionsreiche und technisch auf Weltniveau tanzende Company seit 2008 geführt hatte. Watson und er waren einander in New York begegnet, wo Hübbe seine außerordentliche dänische Karriere als Tänzer am New York City Ballet fortsetzte und Watson an Balanchines School of American Ballet Unterricht bei ihm erhielt. Die weltweite Faszination durch die Kunst Bournonvilles lässt nicht nach. Die Körper sprechen, sie brauchen keine Wörter Seit der 1805 geborene Sohn eines französischen Vaters Kopenhagen zum Zentrum einer dänischen Romantik machte, sind seine Tanztechnik, sein Stil, seine märchenhaften Erzählungen und seine großartige Mime Beispiel für Unverwechselbarkeit und humanistische Universalität, für Virtuosität und Volkstümlichkeit im besten Sinne, verzaubernd und anrührend. Bei ihm tanzen alte Charakterdarsteller und Kinder neben erwachsenen, technisch brillanten Tänzern auf der physischen und artistischen Höhe ihres Könnens. Schauspieler von Rang sind sie alle, wenn sie Bauern und Trolle, Geister und Seefahrer, Dänen und ihre Sagengestalten verkörpern. Amy Watson hat als Direktorin eingeführt, dass jede neue Spielzeit mit einem anderen Bournonville-Programm beginnt. In dieser Saison zeigt sie Nikolaj Hübbes Neuinszenierung von „La Sylphide“, seine 2020 uraufgeführte, dritte Auseinandersetzung mit Bournonvilles von Paris entliehenem, romantischem Hauptwerk von 1836. Man muss Hübbes letzte Fassung lieben, denn sie schützt alle Zartheit des Tanzens, etwa das typische „Épaulement“ genannte Verschrauben des Oberkörpers – wobei gleichzeitig der Blick der Tänzer sich auf die komplizierten, schnellen Bewegungen ihres arbeitenden Spielbeins richtet –, die weiche Rundung der Arme, das Melodische der Variationen. Zuerst kommt die Bewegung Bournonvilles, das Risiko, das Gewagte, das Atemberaubende seines Tanzes, auch bei Hübbe, dann aber tritt dessen dramaturgisches Talent hervor, das in der von Generation zu Generation überlieferten Mime wurzelt und die Figuren des Stücks so führt, dass ihre Intentionen glasklar erscheinen und man jede Geste lesen kann. Als würde man eine Netflix-Doku schauen Die Körper sprechen und brauchen keine Wörter: Das ist Bournonville. Hübbe gelingt das Paradox, die Tänzer als springlebendige, charismatische, zeitgenössische Interpreten auftreten zu lassen, ohne dem Ballett mit dem Titelgeist ein Haar zu krümmen. Es ist so spannend, der Geschichte um den Schotten James zu folgen, der seine Braut Effy für die aus dem Wald hereinschwebende, mutwillige Sylphide bedenkenlos verlassen wird. Er wendet sich im zweiten Akt ganz von der Zivilisation ab und gibt sich in den Wald und in die Hände der dunklen Mächte. Die Hexe Madge spielt, indem sie ihm einen verzauberten Schal gibt, mit dem er die Sylphide angeblich an sich binden kann, ein grausames Spiel. Denn der Naturgeist verliert erst die Flügel und bricht dann sterbend zusammen. Sie bezahlt ihre Liebe zu einem besitzsüchtigen Menschen genauso teuer wie Hans Christian Andersens Kleine Meerjungfrau. In Nikolaj Hübbes Version fühlt man sich gefesselt wie von „Twilight“ und doch so sehr an Bournonville erinnert. Wenn das Corps de Ballet sich um die Sylphide schließt, denkt man „Sisterhood“, als würde man eine feministische Netflix-Doku schauen. Dass Effy noch in Erwartung der Hochzeit mit James immer wieder in großer Nähe zu Gurn gezeigt wird, der die Verlassene nach dem Verschwinden von James heiratet, erklärt im Nachhinein diesen scheinbar schnellen Sinneswandel Effys. In der zweiten Vorstellung tanzte der Kanadier Ryan Tomash einen technisch überwältigend guten, rasend interessanten James neben der überirdisch anrührenden Caroline Baldwin. Astrid Elbo als Madge war so ernst, so zum Verlieben böse, dass man den Rest der historischen Ballettwelt bedauert, weil er keine solche Rolle für eine ältere Tänzerin kennt, schließlich wird die Carabosse in „Dornröschen“ meistens von Männern getanzt. Hübbes Ausstatterinnen Anja Vang Kragh und Mia Stensgaard helfen ihm mit einer genialen Idee. Das schottische Haus im ersten Akt, in dem James am Kamin vor sich hin sinnt, wenn die Sylphide erscheint, wird von bühnenhohen, dunkel gemusterten Gardinen gerahmt, die ihre ornamentalen Ranken im zweiten Akt in anderem Licht wie lebendig erscheinen lassen, anstatt einem realistischeren Wald Platz zu machen. So zeigt Hübbe Bournonvilles Natur als Projektion des bürgerlichen (Seelen-) Interieurs. Bournonville hatte sein Publikum gebannt, von dem er wusste, dass es begeistert Walter Scott las umwillen der freiheitsliebenden Highlander, indem er einen realistischen Wald, dessen Baumkronen sich zu bewegen schienen, auf der Bühne hatte wachsen lassen und einen Boden legte, der aus Gras und Erde zu bestehen schien. Was für ein Unterhalter Bournonville war, und wie phantastisch Hübbe das für unsere Zeit bewahrt, indem er es änderte: zugleich konservativ und rebellisch. Aus demselben Jahr 2020 stammt Hübbes ebenfalls im Programm gezeigte, mit Dinna Bjørn geschaffene Männerchoreographie „August 2.0.“, ein maskulines, großartiges Corps de Ballet zu Musik des Bournonville-Komponisten Niels Gade. Außerdem gab es einen Signatur-Pas-de-deux aus dem Ballett „Abdallah“ von 1855 und den von den gertenschwingenden Ballerinen Sophie Andersen und Caroline Iversen getanzten, umwerfenden „Jockey-dans“ von 1876. Nun ist es am Publikum zu reisen, nach Kopenhagen, an den Kongens Nytorv.