FAZ 14.03.2026
16:27 Uhr

Zweifacher Oscar-Gewinner: „Ich weine oft beim Schreiben – das gehört für mich dazu“


Von „Rain Man“ bis „The Crown“: Hans Zimmer hat die Musik für mehr als 150 Filme geschaffen, darunter einige der größten Klassiker, seine Kompositionen kennt jeder. Wie arbeitet er?

Zweifacher Oscar-Gewinner: „Ich weine oft beim Schreiben – das gehört für mich dazu“

Wie es sich anfühlt, einen ­Oscar in Händen zu halten, weiß Hans Zimmer nur zu gut. Schon zweimal hat er einen der Goldjungen bekommen, und beim ersten Mal, 1995, nahm er den Preis sogar persönlich entgegen. Damals hielt er nicht die von ihm eigens vorbereitete ­Rede, da sie, wie er auf der Bühne neben Hugh Grant und Andie MacDowell sagte, einfach zu langweilig sei. So dankte er kurz seiner Frau und seiner Tochter, die nun auch denke, er sei cool, weil er die Film­musik für „Der König der Löwen“ geschrieben habe. Dass er „unglaublich“ nervös war, hätte er danach gar nicht eigens betonen müssen. „Glauben Sie mir: Filmmusik zu komponieren ist viel einfacher als das hier.“ Dann bat er das Publikum: „Lassen Sie mich einfach gehen.“ Es war eine kurze Dankesrede für einen Oscar-Gewinner, keine 30 Sekunden lang. Vor vier Jahren gewann Hans Zimmer dann wieder einen Academy Award, dieses Mal für die Musik des Science-Fiction-Films „Dune“. Er blieb der Veranstaltung fern. Wer so oft für einen Preis nominiert wird, wie der gebürtige Frankfurter, kann es sich leisten, nicht zu jeder Verleihung zu gehen. Zimmer war er an jenem Abend in Amsterdam, als Teil seiner großen Europatournee. Zwei Oscars, drei Golden Globes, fünf Grammys und sieben Emmys Der Komponist, der neben seinen zwei Oscars noch drei ­Golden Globes, fünf Grammys und sieben Emmys im Regal ­stehen hat, war für einen Golden Globe schon siebzehnmal nominiert, zuletzt im Januar für den zweiten Teil von „Dune“, für einen Oscar immerhin zwölfmal, zuletzt 2018 für das Kriegsdrama „Dunkirk“. Damit ist Hans Florian Zimmer der mit Abstand erfolgreichste Deutsche in Hollywood. Für mehr als 150 Filme hat er die Musik komponiert, darunter einige der größten Klassiker der Filmgeschichte wie „Rain Man“, „Miss Daisy und ihr Chauffeur“, „Thelma & Louise“, „Cool Runnings – Dabei sein ist alles“, „Besser geht’s nicht“, „Fluch der Karibik“ und „The Crown“. Amerika war und blieb dabei lange sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Man habe ihn in Europa lange nicht ernst genommen, sagt Zimmer dazu. Weil er auf keiner Musikhochschule gewesen sei. In Europa wurde er lange nicht ernst genommen Erst spät und kurz vor seinem ersten Oscar für das Disney-Musical über Simbas Reise vom verwaisten Löwenjungen zum König des Geweihten Landes komponierte er erstmals die Filmmusik für eine europäische Großproduktion: „Das Geisterhaus“ vom dänischen Regisseur Bille August. Er selbst bezeichnet sich als „Nomade“ gegenüber der F.A.Z. „Deutschland, England und Amerika sind für mich gleichermaßen Heimaten.“ Geboren wurde Hans Zimmer 1957 in Frankfurt, danach lebte er eine Weile in der Villa Gans im hessischen Kronberg. Seine Mutter, eine Jüdin, war 1939 vor den Nationalsozialisten nach England geflüchtet und nach dem Krieg als Dolmetscherin für das amerikanische Militär nach Deutschland zurückgekehrt. Sein Vater war der Ingenieur Hans Joachim Zimmer, ein erfolgreicher Erfinder und Gründer der Hans J. Zimmer AG in Frankfurt. Er starb schon 1963, kurz bevor der Sohn sechs Jahre alt wurde. Als Kind flog er von acht Schulen Der Sohn war renitent, er habe immer ein Problem mit Autoritäten gehabt, sagt er. Von mindestens acht Schulen flog Hans Zimmer, bis er schließlich mit 13 Jahren auf das Londoner Internat Hurtwood House kam. Da hatte er schon seine Liebe zur Filmmusik entdeckt: Ennio Morricones Musik für den Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone aus dem Jahr 1968 nennt er sein Schlüsselerlebnis bei dem Entschluss, selbst Komponist von Filmmusiken zu werden. Das Klavierspielen brachte er sich selbst bei – schon mit vier Jahren: Seine Mutter sei, anders als der Vater, sehr musikalisch gewesen. Die Musik sei für ihn auch eine Fluchtmöglichkeit gewesen, gerade nach dem frühen Tod des Vaters. Dass seine Eltern jüdischen Glaubens waren, habe das Aufwachsen in Deutschland für ihn nicht leicht gemacht, wie er 2014 in einem Interview sagte. Demnach hätten sie befürchtet, er könnte den Nachbarn erzählen, dass sie Juden sind. Nach der Schule blieb er zunächst in London Zimmer, der in den Siebzigern Teil der Schulband Krakatoa war und unter anderem Keyboard spielte, blieb nach seinem Schulabschluss in London. Er komponierte erste Werbejingles und Filmmusiken, bis schließlich Hollywood auf ihn aufmerksam wurde. Barry Levinson suchte damals nach einem Komponisten für seinen Film „Rain Man“, und ­Levinsons Frau Diana Rhodes machte ihn auf die Musik zu dem gerade erschienenen Anti-Apartheid-Drama „A World Apart“ aufmerksam. Der Soundtrack stammte von Hans Zimmer. Levinsons Film mit Dustin Hoffman und Tom Cruise wurde ein Riesenerfolg, er gewann vier Oscars, und Hans Zimmer war 1989 auch gleich für die beste Filmmusik nominiert. Zimmer gilt als Pionier für die Arbeit mit Synthesizern, und auf die elektronisch erzeugten Klänge griff er schon bei seinen frühen Werken zurück. Seine Musik soll gehört werden, und nicht, wie es früher hieß, bei Filmen eher unbemerkt im ­Hintergrund spielen. „Wenn mich meine eigene Musik nicht berührt, stimmt etwas nicht“, sagt Zimmer der F.A.Z. „Ich weine oft beim Schreiben – das gehört für mich dazu.“ Und Zimmer schreibt ständig – handschriftlich. „Vor allem musikalische Skizzen und Ideen. Ein Bleistift ist für mich der ehrlichste Anfang.“ „Musik klingt im Auto einfach am ehrlichsten“ Pausen mache er selten in seinem Studio in Los Angeles: „Wenn die Musik kommt, arbeite ich weiter. Manchmal vergesse ich sogar zu essen.“ Wo er am liebsten Musik hört? Im Auto: „Autofahren ist meditativ, und Musik klingt im Auto einfach am ehrlichsten.“ Zimmer ist längst nicht mehr nur ein erfolgreicher Komponist, sondern auch auf vielen Bühnen der Welt zu Hause. Vor vier Jahren schon war er auf großer Europatournee unterwegs, mit „Hans Zimmer live“. Einen Monat lang ging es von Hamburg bis nach Stockholm. Und das kurz nach dem Überfall Russlands auf die ­Ukraine. Zimmer war stolz, dass er einige Musiker aus der Ukraine herausholen konnte, die mit ihm auf Tour gingen. Auf der Bühne bezog er klar Stellung und ­setzte sich für Frieden ein. Seit einigen Monaten folgt nun schon seine „Next ­Level“-Tour, wieder sind er und seine ­Musik live mit großem Orchester zu hören, am Donnerstag etwa in Hannover und am Dienstag in einer Woche in Dortmund. „Musik“, sagt er, „ist meine große Leidenschaft.“ Für ihn gibt es nichts anderes. Dabei überspringt er alle Genres, fühlt sich querbeet mit allen Musikrichtungen wohl. „Für mich gibt es nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte.“ Seiner dritten Frau machte er den Heiratsantrag auf der Bühne Urlaub macht er so gut wie nie. Nur einmal im Jahr fliegt er nach Capri. Zimmer, der vier Kinder hat, ist zum dritten Mal verheiratet. Seiner jetzigen Frau Dina De Luca machte er 2023 bei einem Konzert in London auf der Bühne einen Heiratsantrag. Zimmer hat sich auch ein Herz für kleinere Produktionen bewahrt, die nicht in Hollywood entstehen. Zuletzt schrieb er die Musik für eine Westernserie über den Ölboom in der Lüneburger Heide um das Jahr 1900, mit unter anderen Harriet ­Herbig-Matten, Aaron Hilmer und Tom Wlaschiha in den Hauptrollen. Die erste Staffel war Ende des Jahres im Ersten zu sehen und ist noch in der ARD-Mediathek zu finden. Was ihn daran fasziniert hat? Dass er nicht nur eine Geschichte, sondern gleich eine ganze neue Welt auf musikalische Art und Weise kreieren konnte. „Plötzlich kann man die Lüneburger Heide wie eine emotionale Prärie sehen“, sagt Zimmer. „Es ist der Staub und die Rauheit des Westerns, aber verwurzelt im deutschen Boden – das Akkordeon statt des Banjos, die Ölbohrinsel statt der Dampflok. Es ist vertraut und fremd zugleich. Genau das macht es spannend: Man hört ein bekanntes Genre, aber in einer Stimme, die man so noch nie gehört hat.“ Als Grundlage für seine Musik diente ihm ein Stück aus dem Jahr 1889: „Wir haben den ,Maple Leaf Rag‘, das populärste Stück jenes Jahres, genommen und beschlossen: Wir verlangsamen es, verdunkeln es, und lassen es nach Öl atmen.“ Die Oscars am kommenden Sonntag finden ohne ihn statt. Er ist auch gar nicht nominiert. Schon 2022, als er den Oscar für „Dune“ bekam, war er verärgert über die Academy. Damals sagte er in einem Interview, dass es gerade drunter und drüber gehe, jeder streite sich. „Wir Komponisten zum Beispiel müssen jetzt am Kindertisch sitzen. Genauso wie die Cutter. Irgendwie hat die Academy vergessen, dass wir alle Kollegen sind und alle den gleichen Wert haben. Ein Film kann nur entstehen, wenn wir alle zusammenarbeiten.“