FAZ 08.03.2026
09:23 Uhr

Zündstoff in der Rennserie: So verlief der bemerkenswerte Formel-1-Auftakt mit den neuen Regeln


Ein Desaster für Piastri, Frust bei Verstappen und Weltmeister Norris, aber auch so viele muntere Manöver und Überholvorgänge wie lange nicht: Beim ersten Formel-1-Rennen in Australien geht es gleich zur Sache.

Zündstoff in der Rennserie: So verlief der bemerkenswerte Formel-1-Auftakt mit den neuen Regeln

Am Ende, als alle Batterien leer waren, siegte die positive Energie der neuen Formel 1: George Russell und dessen Mercedes-Teamkollege Kimi Antonelli schrieben mit ihrem Doppelerfolg beim Großen Preis von Australien höchst überlegen und sehr kontrolliert Grand-Prix-Geschichte. Die völlig veränderten technischen Rahmenbedingungen sorgten für ein Comeback von Ferrari, Charles Leclerc und Lewis Hamilton waren stark am Anfang, dann ließ vor allem die Form der italienischen Taktiker nach. „So kraftvoll“, jubilierte Russell nach seinem erst sechsten Sieg, „ich mag dieses Auto und diesen Motor.“ Mercedes musste vermutlich noch nicht einmal die ganze Kraft des Hybrid-Triebwerks freigeben, die Glanzvorstellung wirkte fast spielerisch. Ein unterhaltsames Hin und Her zum Auftakt, das befürchtete Chaos blieb aus. Neueinsteiger Audi holte durch den neunten Platz des Brasilianers Gabriel Bortoleto auf Anhieb die ersten Punkte. „Plötzlich hatte ich mehr Leistung als erwartet“ Eine gute halbe Stunde vor dem Großen Preis von Australien war das Rennen für einen Großteil der Zuschauer schon gelaufen: Oscar Piastri setzte bei seinem Heimrennen seinen McLaren schon in der Fahrt zur Startaufstellung in die Barrieren, beim Hochschalten verlor er die Kontrolle über seinen Rennwagen. Ursache: alte Reifen, Fahrfehler und ein gewaltiger Geschwindigkeitsüberschuss: „Plötzlich hatte ich mehr Leistung als erwartet.“ Die Kritiker an der neuen Formel 1 sahen sich bestätigt: zu kompliziert, zu unberechenbar. Samstags in der Qualifikation hatte Max Verstappen aus heiterem Himmel einen ganz ähnlichen Crash gehabt, dem Hasstiraden folgten: „Ich habe definitiv überhaupt keinen Spaß. Es ist mir auch völlig egal, wo ich mich qualifiziere. Egal ob ganz vorne oder dort, wo ich jetzt stehe – emotional und vom Gefühl her ist das Ganze völlig leer. Für mich hat das sehr wenig mit Racing zu tun.“ Man sollte das Rennwochenende nie vor dem Start verfluchen. Denn die erste Phase des Saisonauftakts lieferte so viele muntere Manöver und Überholvorgänge wie das letzte Vierteljahr mit dem alten Reglement nicht. Die 1000 PS, die sich aus der Kombination von Verbrenner- und Elektromotor gewinnen lassen, geben der neuen Rennwagengeneration einen gewaltigen Schub. Das zeigte sich schon beim komplizierter gewordenen Start. George Russell und Kimi Antonelli, die mit dem Mercedes in der Qualifikation in einer Liga für sich unterwegs gewesen waren, kamen nicht richtig weg. Das nutzt Charles Leclerc im Ferrari: Die Italiener haben einen kleineren Turbo gebaut und deshalb zu Beginn einen Vorteil. Der Monegasse schob sich innen an Russell vorbei, Kollege Lewis Hamilton schoss ebenfalls weit nach vorn. Zu diesem Zeitpunkt musste das neue Audi-Werksteam bereits den ersten Ausfall melden: Nico Hülkenberg, der als Elfter hätte starten sollen, musste mit einem technischen Problem gleich ganz in der Garage bleiben. Leclerc und Russell duellierten sich von nun an rundenlang, mit ständig wechselnder Führung. Die erste positive Erkenntnis, die Verstappens Pauschalkritik widerlegte: Überholen scheint wieder problemlos möglich, auch das bisherige so schwierige Auffahren auf den Vordermann. Die Autos sind wendiger geworden, aber sie rutschen wegen der kleineren Reifen auch mehr. So ergaben sich viele spannende bis spektakuläre Szenen quer durchs Feld. Ein Jo-Jo-Effekt, aber ein höchst unterhaltsamer. Zweimal musste das Feld virtuell neutralisiert werden, erst schlugen Flammen aus dem Heck des Red Bull von Isack Hadjar, danach stellte Rückkehrer Valtteri Bottas seinen Cadillac ab. Alle nutzten die Gelegenheit zum schnellen Reifenwechsel – mit Ausnahme von Ferrari. Das rote Auto mag besser geworden sein, die Kommunikation mit den Fahrern offenbar nicht – es wurde wieder ausführlich über Boxenfunk diskutiert. Die unterschiedlichen Strategien verschärften die Spannung beim Führungsquartett noch. Am Ende siegte auch bei Verstappen wieder die Lust über den Frust Mit deutlich Abstand folgten Weltmeister Lando Norris, der neuerdings auch wieder über die neuen Autos herzieht („Wir kommen von den besten Autos, die je in der Formel 1 gebaut wurden, zu den wahrscheinlich schlechtesten. Ätzend“) und der von Startplatz 20 auf Platz sechs nach vorn gekommene Max Verstappen. Auffälligster Fahrer unter den Top Ten war der einzige Neuling des Jahres, der Brite Arvid Lindblad, der nach dem ersten Drittel Siebter war und als Achter ins Ziel kam. Auch Audis Junior Gabriel Bortoleto hielt sich in den Top Ten. Audis CEO Gernot Döllner sprach schon vor der Premiere von „Aufbruchstimmung“ und „einem Jahr des Lernens“. Nach einer Dreiviertelstunde war Lewis Hamilton endlich da, wo er seit einem Jahr lang hin wollte – in Führung. Aber nur kurz, dann war sein ehemaliger Teamkollege Russell dank der frischeren Reifen auch schon wieder vorbei. Zur Rennmitte lagen wieder beide Silberpfeile vorn, Leclerc und Hamilton nahmen mit frischen Reifen noch einen letzten Anlauf auf Mercedes. Das Feld dezimierte sich weiter, Fernando Alonso und Lance Stroll von Aston Martin stellten erwartungsgemäß ihre Autos ab, die Honda-Motoren sorgen für zu große Vibrationen im Heck, aber auch am Lenkrad. Am Ende siegte auch bei Max Verstappen wieder die Lust über den Frust, als er Lando Norris vor sich her trieb. Bei allem verpönten Energiemanagement siegten dann eben doch die Rennfahrerinstinkte. Obwohl der McLaren weit entfernt von weltmeisterlicher Form erschien, rettete Norris noch den fünften Platz. Das war für ihn nicht mehr als Schadensbegrenzung. Alles beim Alten auch bei der Scuderia, als Hamiltons Interims-Renningenieur den Fahrer aufforderte: „Zeit, weiter Druck zu machen.“ Der Renn-Vierte bedankte sich mit höflichem Sarkasmus für den sachdienlichen Hinweis: „Überlass das einfach mir.“ Tatsächlich leistete sich sein Vordermann Charles Leclerc eine späte Schwächeperiode, der Brite kam am Ende bis auf eine Sekunde ran, aber zum Podium reichte es für ihn nicht mehr. In der neuen Formel 1 ist noch eine Menge Zündstoff drin, bei Mensch wie bei Maschinen.